Die wichtigste Demo des Jahres: Gegen #Kinderarmut

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Es reicht! So denke ich auch manchmal, wenn ich z.B. wieder lesen, wie ungleich Finanzen verteilt sind. Und ich mich (und auch die meisten, die ich kenne) gestresst fühle, weil wir uns so abmühen, liebevolle und nette Arbeit nicht gut entlohnt wir, wir trotzdem keine großen Sprünge machen können, ich sehe, wie ungerecht die Welt ist … Naja, ihr kennt das sicher.

Wenn ich mich dann ein wenig beruhigt habe, wieder den Blick auf das Schöne im Leben richte, dann denke ich aber auch: Es müsste doch einen Weg geben, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen! 

Es reicht – für uns alle. Ist das Motto der Demo gegen Kinderarmut, die ein illustrer Kreis von smarten Alleinerziehenden auf die Beine gestellt hat. Das Kernteam rund um die Ideenstifterin Fee Linke, sind die Bloggerinnen und Aktivistinnen Christine Finke, Claire Funke, Delia Keller, Esther Konieczny, Martina Krahl und die allseits bekannte Susanne Triepel!

Und viele Mütter und Väter haben sich angeschlossen. Sie alle möchten die Verantwortlichen in der Politik dafür sensibilisieren, dass das Schrumpfen des Mittelstandes, die Abwanderung des Kapitals, die Verlagerung nach „oben“ – wie wir das so nennen – Themen sind, die die Gesellschaft gesamt angehen, also uns ALLE. 

Die derzeitige Entwicklung ist verkehrt, wir brauchen wieder gesunde Standards und eine Modernisierung des Arbeitsleben. Und globale, politische Möglichkeiten, die den bereits voraus entwickelten global agierenden Wirtschafts- und Finanzmächten stabile Gegengrößen entgegensetzen.

Noch ein Wunschtraum – aber alle, die Gerechtigkeit wollen, wissen, dass es sein muss. 

Interview mit Fee Linke

Fee, Du kennst Armut. Wie fühlt sich das für eine Mutter und ihre Kinder an? Fee: Als ich mit den Kindern in die Armut gerutscht war, empfand ich das als Skandal. Aber ich merkte, dass sich nichts ändert. Deswegen müssen die Betroffenen selbst gerechte Chancen für ihre Kinder einfordern. Jedes Kind, dass gut und sicher aufwächst wird der Gesellschaft als erwachsener Mensch mehr zurück geben können, als Kinder die unter Armut und mangelnder Teilhabe leiden. Es reicht Gegen Kinderarmut

Wie hast Du dich damals mit wenig Geld arrangiert? Fee: Die absolute, dauerhafte Armut habe ich glücklicherweise nicht kennengelernt. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es sein muss, wenn man nicht weiß, wie man ausreichend Essen für die Kinder beschaffen soll … Aber ich habe einige Monate unter Hartz-IV-Niveau gelebt: Damals war ich noch als Studentin eingeschrieben, Mutter war, aber weder Anspruch auf Bafög hatte und konnte auch keine Sozialhilfe beantragen. Damals bin ich am Wochenende auf den Flohmarkt gefahren und habe bis auf zwei Hosen, fünf Oberteile, drei paar Schuhe, eine Winter- und eine Sommerjacke, meine gesamte Garderobe verkauft und davon gelebt. Mit den Babysachen ging es auch altes verkaufen, von dem Geld neue Flohmarkt-Sache kaufen. Nur mit Schuhen war das schwer, da kauft man keinen Schund.

Was sich viele nicht vorstellen können: Knappheit bei den Lebensmitteln. Kennst Du das? Fee: Ich hatte kaum Geld, aber dafür Zeit. Ich bin einmal im Jahr auf einen Biohof gefahren, um günstig gesunde Äpfel auf Vorrat zu pflücken. Für die Kinder nicht schlecht: Es war ein Erlebnistag mit Trecker fahren, Schubkarre schieben und vom Heuballen springen. So ging das einige Jahre.

Klingt ja patent und fast idyllisch. Wieso ist Armut dann ein Problem? Fee: Eines Tages sind meine Kinder aus dem Garten ausgebüxt. Ich fand sie schließlich, wie sie versuchten mit Straßenmusik Geld sammelten, wie sie das in einem Pippi Langstrumpf-Film gesehen hatten … Ihnen war bewusst, dass das Geld nicht reichte.Es reicht Demo Kein Ehegattensplitting

Es macht was mit den Kindern? Fee: Bei mir hat sich die finanzielle Situation sehr langsam und kontinuierlich gebessert. Aber die Sorge bleibt in einem selbst und in den Kindern tief drin.

Ist, wer arm ist, selber Schuld? Was ist Deine Meinung: Warum gibt es Armut? Fee: 
Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dem, es finanziell gut geht, irgendetwas richtig gemacht hat, ist sicherlich hoch. Aber umgekehrt gilt das so nicht. Wer arm ist, muss keineswegs ein Versager sein. Natürlich gibt es Menschen, die arm sind, weil sie faul sind. Aber oft stecken schwere Schicksale dahinter, wie eine Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Schulden.

Oder eine Trennung … Fee: Bei Frauen entsteht am häufigsten Armut durch eine Trennung. Alleinerziehende werden zudem strukturell benachteiligt und geraten damit sehr häufig in die Armutsfalle. Das liegt unter anderem am Steuergesetz, das Alleinerziehende wie Singles besteuert. Es liegt aber auch daran, dass das Ehegattensplitting das traditionelle Familienbild und finanzielle Abhängigkeit fördert. Wer als Frau beruflich in der Partnerschaft zurückgesteckt hat und dann von einem Tag auf den anderen als Familienernährerin einspringen muss, wird oft kalt erwischt. Denn: die meisten der unterhaltspflichtigen Ex-Partnern zahlen gar keinen oder nur unregelmäßigen Kindesunterhalt. Und das Geld einzuklagen, kostet hohe Anwaltsgebühren, die von der Prozesskostenhilfe nicht übernommen werden. Eine Kindergrundsicherung wäre hier ein gutes Instrument, damit solche Familien abgesichert sind. 

Was war Deine Motivation, um auf das Thema Kinderarmut aufmerksam zu machen? Fee: Auf die Straße und demonstrieren wollte ich bisher jedes Jahr zu Muttertag. Deswegen fand ich auch die Aktion von Christine zusammen mit Annette Loers so toll: Statt Blümchen und Küchlein, haben sie den #Muttertagswunsch genutzt, um politische Forderungen zu formulieren.

Wie hast Du Deine Mitstreiterinnen gefunden? Fee: Die Demo kann ich nur gemeinsam mit fünf – mittlerweile sechs bis acht anderen Frauen machen. Da sind die Berlinerinnen Martina Krahl, Susanne Triepel, Delia Keller und Esther Konieczny, die ich wiederum über Reina Becker durch Fair für Kinder kennen gelernt habe. Aber auch Christine Finke hat sich spontan mit in die Arbeit gestützt, wird unsere Forderungen als Rednerin vortragen. Außerdem ist Claire Funke aus Süddeutschland mit an Bord: Sie bringt als Bloggerin den Aspekt der unbezahlten Care-Arbeit voran. Delia Keller hat die Logos und die Webseite entworfen. Ich merke gerade bei dieser Aufzählung wieder, wie viel geballte Kompetenz sich hier sammelt!Es reicht Demo CARE ARBEIT

Eure Demo hat den Slogan: Es reicht für uns alle! Wenn Armut auch ein Verteilungsproblem darstellt: Wie kommt es, dass sich Geld so ungerecht verteilt? Was könnte Politik tun? Fee: Der Slogan kam auf, als der Skandal an der Essener Tafel bekannt wurde, die sich entschied, nur noch Deutsche zu versorgen. In den sozialen Netzwerken wurde gehetzt und auch die Politik ließ sich auf das Spiel ein. Uns war aber klar, dass ein Verteilungskampf an den Tafeln – also ganz unten – nicht nötig ist. Die Wirtschaft in Deutschland läuft rund, es geht uns gut! Nur: Bei vielen Menschen, die viel leisten, weil sie z.B: Kinder groß ziehen oder Angehörige pflegen, kommt dieser Wohlstand nicht an.

Das liegt woran? Fee: Seit der Hartz-IV-Reform sind immer nur Einsparungen an denen erfolgt, die ohnehin nicht so viel haben. Sozialleistungen wurden gekürzt, Zuschüsse für soziale Projekte und für die Jugendarbeit wurden gekürzt, die Altersvorsorge privatisiert. Besserverdienende hatten dagegen nichts zu befürchten. Sie mussten den Gürtel nicht enger schnallen. Im Gegenteil, es gibt viele Möglichkeiten wenig bis keine Steuer zu zahlen, wenn man liquide ist. An eine Reichen- und Erbschaftssteuer trauen sich die regierenden Parteien nicht ran, obwohl sie traditionell gar nicht die Oberschicht vertreten. Ich finde aber, dass alle von einer Gesellschaft profitieren, die Armut eindämmt und Chancengleichheit anstrebt. Es ist auch einfach für alle schöner, wenn man durch eine Stadt geht, in denen es vielen Menschen gut geht, denn Armut zerstört viel, nicht nur bei den Armen selbst. Und Armut macht uns Angst. Gutverdiener wie Sänger Marius Müller-Westernhagen, der Hamburger Unternehmer Jürgen Hunke, der Kölner Millionär Michael Horbach sind bereit höhere Steuern zu zahlen. Auch Til Schweiger setzt sich mit seinem Vermögen gegen Kinderarmut ein. Wir sollten sie wirklich abschaffen.

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