Was heißt eigentlich FAMILIE? Familienmodelle heute

familie heute

Es ist noch gar nicht so lange her, da war „Familie“ ausschließlich Vater-Mutter-Kind – natürlich verheiratet. Eine Trennung war problematisch, eine Scheidung ein Drama. Man war nicht trotz der Kinder ein Liebespaar, sondern blieb wegen ihnen zusammen. Ich fand das immer schon ein wenig starr und auch ein stückweit verlogen. Waren solche Konstellationen wirklich ein gutes Vorbild für Kinder?

Vater-Mutter-Kind, natürlich verheiratet. Die Kernfamilie galt seit dem 17. Jahrhundert und dem Aufstieg der Bürgerschicht als Familie. Das Ehebündnis sowie direkte Verwandtschaftsverhältnisse zählten dazu. Das war nicht immer so …

Das Wort „Familie“ stammt aus dem Lateinischen, familia und bezeichnete in der römischen Antike und auch noch im Mittelalter die gesamte Hausgenossenschaft, auch Sklaven und Diener, also alle Personen, die unter einem Dach lebten bzw. zu einem Herrschaftsgefüge zählten.

Familie ist heute nicht nur EIN Modell sondern viele

Auch heute bekommt der Begriff Familie durch die sich auflösenden Lebensgemeinschaften und den Bedeutungsverlust der Ehe, die Scheidungsrate und die finanzielle Selbständigkeit der Frauen und Mütter eine neue Dimension – wenn es auch noch nicht überall angekommen zu sein scheint. 

Wir müssen uns darüber klar werden, dass Familie heute nicht nur EIN Modell ist, sondern, dass es mehrere gibt, wir im Laufe eines Lebens vielleicht auch mehrere Modelle durchlaufen werden.

Dass diese unterschiedlichen Modelle, verschiedenen Herausforderungen gegenüberstehen und auf unterschiedliche Art und Weise gefördert werden müssen, darauf muss sich die Familienpolitik einstellen. 

Dass viele das gleiche denken wie ich, belegen die Statistiken: Jede dritte Ehe wird geschieden, im Schnitt hält die deutsche Ehe bei weitem nicht lebenslang sondern nur 14 Jahre. Wir heiraten mit Anfang 30 und lassen und Mitte 40 wieder scheiden und haben im Schnitt sechs Sexualpartner in unserem Leben – waren also nicht nur mit unserem Gatten im Bett.

130 000 Kinder werden jährlich „geschieden“

Scheidungskinder“, wie man früher sagte, gibt es inzwischen eine Menge: rund 130 000 Kinder unter 18 Jahren kommen pro Jahr dazu – die unverheirateten Paare mit Kindern, die sich trennen, nicht mitgerechnet, denn sie werden statistisch nicht erfasst.

Heute sind Trennung und Scheidung ziemlich normal geworden. Die meisten arrangieren sich ganz gut und viele finden: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auch wenn es immer erst aufregend und traurig ist, finden viele langfristig eine gute Lösung, für sich, die gemeinsamen Kinder, die Zukunft.

So ist es eben auch normal geworden, dass Kinder bei beiden Eltern und an mehreren Zuhause aufwachsen. Oder auch allein mit einem Elternteil. Oder auch mit den neuen Partnern der Eltern, den sogenannten Bonus-Eltern in einer Patchwork-Familie.

Scheidung ist heute normal und nicht mehr das Ende von Familie

Mein Sohn hat z.B. eine Halbschwester und acht Stiefgeschwister und sein Zuhause bei mir, bei seinem Vater und eigentlich auch bei unseren jeweiligen Partnern. Das ist anders als früher – schaden tut es ihm aber nicht. Im Gegenteil, er lernt sehr viel mehr kennen und bekommt von allen Seiten Einflüsse, die er sonst nicht hätte. Und es ist beachtlich, wie weit sein Horizont schon ist …

Was auch neu ist, dass Schwule und Lesben ihre Sexualität nicht mehr verheimlichen oder sogar negieren müssen. Sie dürfen ihre Liebe heute frei leben, heiraten und Kinder großziehen – und das ist auch gut so …

Viele finden inzwischen: Familie ist dort, wo Kinder aufwachsen. Andere gehen noch weiter und sagen: Familie ist, wenn sich Menschen unentgeltlich umeinander kümmern. Doch die Gesetze regeln das bei weitem nicht. Noch immer leben wir in einem Zwei-Klassen-Familiensystem: Verheiratete, privilegierte Familienpaare auf der einen und unverheiratete, alleinerziehende auf der anderen – die im Vergleich zur ersten Gruppe im wahrsten Wortsinn stiefmütterlich (und genau daher kommt die Denke …) behandelt werden.

Es ist Zeit für eine aktuelle Übersicht: Welche Familientypen haben sich in den letzten Jahren – neben dem „klassischen Modell“ – etabliert und was tut der Staat für sie, bzw. was könnte verbessert werden?

EHEMODELL

Vater-Mutter-Kind(er) – verheiratet: Das Modell ist am beliebtesten, zumindest wenn die Kinder klein sind. 5,5 Millionen Ehepaare mit Kindern unter 18 Jahren leben in Deutschland.

ehemodell familie heuteDie Ehe. In Deutschland hat sie einen besonderen Stellenwert und wird sogar im Grundgesetz (Artikel 6) unter besonderen Schutz gestellt. Kein Land der Welt hält das so wie wir. Für Ehepaare gibt eine ganze Palette rechtlicher Extras (Zeugenverweigerungsrecht, gemeinsames Sorgerecht,

Erbanspruch, Zugewinngemeinschaft, Versorgungsanspruch …) außerdem steuerliche Vergünstigungen wie das Ehegattensplitting – ebenfalls ein deutsches Unikum: Es ermöglicht Ehepartnern ihre Einkommen gemeinsam zu versteuern, was sich allerdings nur rechnet, wenn einer viel und der andere (so gut wie) gar nichts verdient. Der Besserverdienende kann in die günstigere Steuerklasse wechseln und so – je nach Einkommen – bis zu 16 000 Euro im Jahr an Steuern sparen. Das Splitting ist inzwischen sehr umstritten, denn es fördert das Hauptverdiener-Modell und damit die klassische Rollenverteilung, da es sich einfach nicht rechnet, dass beide arbeiten.

Da die Ehe, nicht Kinder Voraussetzung für das Splitting sind, plädieren viele inzwischen für ein Familiensplitting (bei dem die Existenz von Kindern steuerliche Erleichterungen bringen würden), das sei gerechter und würde auch unverheiratete Elternpaare und Alleinerziehende miteinschließen – doch bislang ließ sich das nicht durchsetzen. Übrigens: Vom Ehegattensplitting profitieren vor allem ältere Ehepaare aus West-Deutschland – ohne Kinder im Haus …

ALLEINERZIEHEND

Das Hauptverdiener-Modell muss in einer intakten Ehe kein Problem sein, wird aber häufig zu einem, wenn die Ehe in die Brüche geht und das Modell Alleinerziehend beginnt. Die meisten Scheidungen werden eingereicht, wenn die Ehepartner Mitte 40 und die Kinder im Schulalter sind. Von den 1,6 Millionen Alleinerziehenden sind 1,4 Millionen Mütter.

alleinerziehend familie heuteAls Mutter einen guten Job zu finden ist auf Grund fehlender Betreuungsplätze und der Diskriminierung am Arbeitsplatz eh schon ein Problem – wer dazu noch lange Zuhause war, sich um Kinder und Haushalt gekümmert hat, findet noch weniger einen. Wenn der Ex-Mann dann nicht zahlt oder nicht zahlen kann, landen viele bei Hartz IV. Auch dazu, so die Experten, trage das Ehegattensplitting bei.

UNVERHEIRATET

Deswegen ist es für Frauen heute so wichtig, auch mit Kindern weiter beruflich am Ball zu bleiben – sind sie erfolgreich, bleiben viele von ihnen unverheiratet. Für die Familien ohne Trauschein gibt es bei weitem nicht die Rechte, wie sie für Eheleute gelten, obwohl ja das selbe gelebt wird. Ein Partnerschaftsvertrag empfiehlt sich hier, kann aber nur das Miteinander regeln: Gemeinsam besteuern dürfen sie z.B. nicht, auch wenn sie zusammenwohnen. Wenn einer von beiden allerdings Sozialhilfe beziehen will, bildet er mit seinem Partner eine „Bedarfsgemeinschaft“ und erhält weniger staatliche Unterstützung. Schlüssig ist das nicht.

GETRENNT/GESCHIEDEN

Auch bei getrennten Eltern besteht seit den 1990er Jahren für beide Elternteile Anspruch auf das gemeinsame Sorgerecht für die Kinder und ein Umgangsrecht – bei kooperierenden Eltern ein Gewinn für das Kind. Bei sogenannten hochstrittigen Eltern oder im Falle von Gewaltbeziehungen stellen die geteilten Rechte aber eine enorme Belastung für die Kinder dar, denn sie gehen nicht automatisch mit Pflichten einher. Oder anders: Das Recht auf Umgang kann ein Elternteil einklagen, die Pflicht, sich ausreichend um die gemeinsamen Kind zu kümmern, kann ihm aber nicht abverlangt werden.

Bei unverheirateten Paaren gibt es im Fall der Trennung nicht wie in einer Ehe eine Zugewinngemeinschaft und das Anrecht, die Werte, die im Laufe der Beziehung angeschafft wurden, teilen zu müssen. Es gibt auch keinen Anspruch auf Trennungsunterhalt oder weitere Unterstützung. Im Gegenteil: Seit der Unterhaltsreform 2008 geht der Gesetzgeber davon aus, dass jede Mutter ab dem 3. Lebensjahr der gemeinsamen Kinder Vollzeit arbeiten kann und sich und ihre Kinder alleine durchbringt.

Eine Schande wie ich finde ist der Umstand, dass zwei Drittel aller Unterhaltspflichtigen nicht für ihre Kinder zahlen, entweder gar nicht, zu wenig oder unregelmäßig – und das der Staat hier viel zu wenig tut. Neu ist allerdings, dass eine Alleinerziehende nun Unterhaltsvorschuss beim Amt beantragen kann, der ein wenig Ausgleich schafft – allerdings nur, wenn sie keinen neuen Partner hat und mit diesem zusammenwohnt. Eine Regelung, die ebenfalls absurd ist und die Frau automatisch als Versorgende einordnet, sobald ein neuer Partner ins Spiel kommt.

Auf alle Fälle rechnet es sich für Männer heute mehr denn je nicht zu heiraten – vor allem wenn Kinder da sind. Und das ist nicht gut so.  

Das einzige, was der Staat Alleinerziehenden an steuerlichen Vergünstigung einräumt, ist der Anspruch in Steuerklasse 2 zu versteuern und eine zusätzliche Entlastung von 1908 Euro neben dem Kinderfreibetrag, der allen Eltern zusteht, geltend zu machen. Ein Witz im Vergleich zum Ehegattensplitting.

Es fehlt auch an einem stimmigen Gesamtkonzept wie die Einkommen von getrennten Eltern oder Stiefeltern bei der Gewährung von staatlichen Leistungen berücksichtigt werden. Derzeit gibt es große Unterschiede: Während für die Leistungen nach ALG II (Hartz IV) und den Kinderzuschlag das Haushaltseinkommen und somit der neue Partner relevant ist, wird der Kinderfreibetrag dagegen dem leiblichen Elternteil gewährt, der Unterhalt um den entsprechenden Anteil am Kindergeld gekürzt. Bei der Berechnung von Kita- und Kindergartengebühren werden bei Alleinerziehenden dagegen weder das Einkommen beider Elternteile noch das Einkommen des neuen Partners berücksichtigt.

PATCHWORK

Das Sorgerecht gilt ausschließlich für leiblichen Eltern und kann nicht auf neue Partner erweitert werden – was z.B. in Patchwork-Familien problematisch ist oder wenn ein Elternteil sich überhaupt nicht mehr kümmert, aber für sämtliche Entscheidungen seine Zustimmung eingeholt werden muss.familienmodelle im vergleich

Auch für die Kinder ergeben sich hier zum Teil krude Konstellationen: Denn leibliche Kinder haben z.B. die gesetzliche Pflicht, später ihre Eltern zu versorgen, wenn diese die finanziellen Mittel selbst nicht aufbringen können – und das unabhängig davon, ob der Elternteil am Start war oder nicht, denn die Pflicht bezieht sich allein auf die leibliche Elternschaft. Stiefeltern oder neuen Partnern wird diese Pflicht nicht gebilligt, auch nicht, wenn sie die Kinder großgezogen haben! Außerdem haben sie im Falle einer Trennung kaum Chancen auf Umgang mit den Kindern, der steht nur den leiblichen Eltern zu – egal, wie diese sich vorher gekümmert haben.

CO-ELTERN, REGENBOGEN-FAMILIEN, PFLEGEKINDER, ADOPTIVKINDER

Die Sorgerechtsregelung ist auch in Co-Partnerschaften ein Problem oder bei den 7000 homosexuellen Ehepaaren oder „Regenbogen-Familien“, die sich z.B. einer Samenspende aus dem Bekanntenkreis bedienen (damit das Kind auch seinen leiblichen Vater kennt). Die offiziellen Eltern sind dann Vater und Mutter, der Partner oder die Partnerin bleiben außen vor.

adoption familie heute

Das Recht zur Adoption ist allein Ehepaaren vorenthalten und gilt seit der Ehe für alle nun auch für homosexuelle Paare. Unverheiratete Paare oder Alleinerziehende dürfen eigene Kinder zeugen, aber nicht adoptieren – was irgendwie unlogisch ist. Doch viele c und Schwule wünschen sich auch leibliche Kinder und bedienen sich der künstlichen Befruchtung oder auch der Leihmutterschaft, in der Regel treten hier Mütter ihre Rechte am Kind gegen Bezahlung ab. In Deutschland ist das offiziell nicht erlaubt.

Mein Resümee? MEHR FAMILIE WAGEN!

Ich finde, es wäre an der Zeit, mehr Familie zu wagen. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, wir brauchen kein Standard-Familien-Modell, wir brauchen gute Rahmenbedingungen, um Familie in all ihren Spielarten zu unterstützen! Wir könnten z.B. wie beim Elterngeld mit Modulen arbeiten, Bausteine, die für alle Familienformen gültig sind und die sich jede Familie individuell zusammenstellen kann. Besserverdienende wählen Steuervergünstigungen, schlechter gestellte Familien staatliche Zuschüsse – egal ob verheiratet oder nicht.

Zahlen, Daten, Fakten:

  • 73 Prozent der Familien in Deutschland sind verheiratet oder neu verheiratet (Patchwork), 18 Prozent sind Alleinerziehende, 9 Prozent unverheiratet. In den Großstädten verhält es sich anders, da liegen die Quoten bei 65 Prozent für Verheiratete, 23 Prozent bei den Alleinerziehenden und 11 sind unverheiratete Paare mit Kindern. Die Tendenz ist aber in Land und Stadt gleich: Es gibt immer weniger verheiratete Familienpaare, die anderen beiden Gruppen nehmen dagegen zu.
  • Jedes zehnte Kind wächst zeitweilig in einer Patchwork-Familie auf, im Schnitt sieben Jahre lang.
  • Hochschulabschluss führt bei Frauen eher zu einer Trennung: Knapp 72 Prozent der Kinder von Müttern mit Berufsabschluss verbringen ihre ersten 15 Lebensjahre bei beiden Eltern. Wenn die Mutter einen Hochschulabschluss besitzt, sind es noch 66 Prozent, ist kein berufsqualifizierender Abschluss vorhanden, sinkt der Wert auf knapp 60 Prozent.
  • Von den 1,6 Millionen Alleinerziehenden sind 1,4 Millionen Mütter. Zwei Drittel aller getrennt lebenden Väter zahlen keinen, zu geringen oder nur unregelmäßigen Kindesunterhalt. Seit Kurzem gilt das neue Unterhaltsvorschussgesetz: Kinder von Alleinerziehenden erhalten nun bis zum 18. Lebensjahr eine monatliche Leistung je nach Alter zwischen 150 bis 268 Euro.
  • 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Armut, dass ist jedes zehnte Kind. Vor allem die Kinder von Alleinerziehenden und in kinderreichen Familien ist das Risiko hoch. Ein wesentlicher Faktor ist auch der Zuzug von Familien mit Migrationshintergrund.

Der Text erschien zuerst im „Mummy Mag“, Ausgabe 8

Fotos: pixabay

 

 

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