Neustart im Ausland: Wie geht das? Lohnt sich das? Expat-Mama Tina Busch erzählt

Neustart im Ausland

Wahrscheinlich haben die meisten von uns schon einmal die Idee gehabt: Einfach weg und neu starten.

Dorthin, wo Du immer leben wolltest. Den Sprung wagen, das gewohnte Zuhause hinter sich lassen, in der Fremde von vorn anfangen. Neues Heim, neue Nachbarschaft, neue Umgebung, neue Leute – neues Leben!?

Lohnt das wirklich? Ist das Leben neustarten eine große Herausforderung, die sich auszahlt? 

Tina Busch weiß, wie es ist. Mit Mann und Kids ist sie von Deutschland in die USA gezogen – und nach ein paar Jahren wieder zurück. Hier erzählt sie, wie es dazu kam und gibt sehr gute Tipps, für alle, die es Ihr gleichtun wollen … 

MAMA BERLIN: Liebe Tina, wer hatte die Idee ins Ausland zu gehen? Du oder dein Mann?

Tina Busch: Irgendwann mal als Familie mehrere Jahre im Ausland zu leben und zu arbeiten war schon langer unser gemeinsamer Traum. Mein Mann und ich sind schon unser ganzes Leben lang viel gereist, vor allem im englischsprachigen Raum. In den USA hatte mein Mann als Teenager ein Highschool-Jahr verbracht, das ihn sehr geprägt hat. Seine Begeisterung für den American Way of Life hat auf mich abgefärbt.Deshalb mussten wir nicht lange überlegen, als mein Mann von seinem Arbeitgeber das Angebot bekam, für ein paar Jahre in Tennessee zu arbeiten. Für uns beide war das a dream come true.

Neustart Ausland Tina Busch und Familie

MB: Was war für dich daran reizvoll?

TB: In eine fremde, in meinem Fall in die nordamerikanische Kultur einzutauchen, fand ich sehr reizvoll. An der Uni hatte ich viel zum Thema Interkulturelle Kommunikation gelehrt und geforscht. Jetzt aus Theorie Wirklichkeit werden zu lassen – das hat mich gereizt. Außerdem wusste ich, dass meine Neugier, Tag für Tag etwas Neues zu entdecken, immer wieder entfacht werden würde.

MB: Klingt erstmal alles super. Aber gab es auch Bedenken?

TB: Natürlich machst Du dir viele Gedanken: Wie wird es sein, mit einem kleinen Kind is Ausland zu gehen? Wie halten wir Kontakt zu Familie und Freunden in Deutschland? Wie schnell werden wir amerikanische Freunde finden und integriert sein? Und natürlich auch die Frage: Was wird aus mir und meiner Karriere? Ich habe studiert, promoviert und war in einer Festanstellung, in die ich in Teilzeit hätte zurückkehren können.

MB: Wie hast Du das gelöst? 

TB: Es war damals nicht mein Traumjob. In diesem Sinne kam der Wechsel gerade richtig, denn ich konnte die Zeit im Ausland zur Neuorientierung nutzen.

MB: Gab es Themen, über die ihr gestritten habt? 

TB: Streit gab es nicht. So waren wir uns zum Beispiel einig, dass unsere Tochter, damals 18 Monate alt, so schnell wie möglich einen amerikanischen Kindergarten besuchen soll, damit sie Englisch lernen kann. Wir haben uns gemeinsam auch ganz bewusst für eine Wohngegend entschieden, in der nicht so viele deutsche Expats wohnten.

MB: Wie haben eure Kindern den Neustart mitgemacht?

TB: Der Umzug selber und die Eingewöhnung in ein neues Zuhause waren für unsere Tochter damals kein Problem, weil sie noch so klein war. Im Kindergarten haben wir allerdings eine langsame Eingewöhnung gemacht, damit sie sich an die neue Sprache gewöhnen konnte. Unser Sohn kam in den USA zur Welt – das fremde Land war für ihn Deutschland, in dem die Omas und Opas wohnen. Die Rückkehr nach Deutschland verlief dagegen bewusst: Unsere Kinder waren zu dem Zeitpunkt 6 und 3 Jahre alt und mussten dann ihre lieb gewonnen Freunde und ihren gewohnten Alltag zurücklassen …

MB: Gab es Bedenken von Freunden und der Familie? 

TB: Unseren Freunden haben wir von unseren Plänen zwar erst erzählt, als der tatsächliche Umzugstermin feststand, aber es war für sie keine große Überraschung, weil wir schon immer „Hummeln im Hintern“ hatten und sowieso alle paar Jahre umgezogen sind. Es war allen klar, dass sich das auch mit Kind nicht ändern wird. Auch die Familie ahnte, dass es für uns irgendwann ins Ausland gehen würde …

MB: Wie habt Ihr eine Wohnung gefunden? 

TB: Ein paar Wochen vor dem Umzug sind mein Mann und ich zu einem Look & See nach Chattanooga geflogen. Während dieser Reise haben wir mit Hilfe eines Relocation Agent ein Haus gesucht, uns für einen Kindergarten entschieden, ein Konto eröffnet und uns nach Autos umgesehen.

MB: Wie verlief der Umzug? 

TB: Wir hatten uns dafür entschieden, dass mein Mann vorfliegt und meine Tochter und ich erst hinterher kommen, als absehbar war, dass unser Möbel-Container heil ankommt. In der Zwischenzeit haben wir zwei für vier Wochen bei meinen Eltern gewohnt und aus dem Koffer gelebt und sind dann erst nachgeflogen, als alle Möbel schon vor Ort waren.

Neustart Ausland Tina Busch Umzug

MB: Das klingt fast zu einfach. Gab es nichts zu klären?

TB: Um so wesentliche Aspekte wie die Organisation des Umzugs oder die soziale Absicherung muss man sich als Expat zum Glück wenig Sorgen machen. Das übernimmt in der Regel der Arbeitgeber. Aber dennoch blieben noch genug Aufgaben übrig, z.B.

  • Welche Versicherungen gelten auch im Ausland, welche müssen gekündigt werden?
  • Welchen Elektrogeräte und Möbelstücke nehmen wir mit, was verkaufen wir, was lagern wir ein?
  • Was kommt in den Container, was in die Luftfracht, was ins Reisegepäck?
  • Was muss noch in Deutschland gekauft werden, das es in den USA nicht gibt? Seit 2011 hat sich da aber viel getan. Ich kenne Frauen, die damals Milchpulver, Windeln oder Waschpulver in Massen mitgeschleppt haben. Ich habe mir zum Beispiel eine homöopathische Hausapotheke zusammenstellen lassen und habe mich mit typischen Medikamenten, vor allem für die Kinder, eingedeckt.

MB: Habt Ihr euren gesamten Hausstand mit genommen? 

TB: Wir haben fast alle Möbel mitgenommen, da wir in Deutschland nur zur Miete gewohnt haben. Außerdem unsere heißgeliebte Kaffeemaschine und den typisch deutschen Staubsauger haben wir mitgenommen und mit Hilfe eines Converters (wandelt den Strom von 220V auf 110V um) auch in den USA benutzt. Lampen und Kleiderschränke (in amerikanischen Häusern gibt es built-in closets, und begehbare Kleiderschränke) haben wir eingelagert. Dazu noch viel Krimskrams, den wir nicht mehr wirklich brauchten. Ich wünschte mir, wir hätten viel rigoroser ausgemistet. Verkauft haben wir damals nur Waschmaschine, Trockner und unsere Autos.

MB: Wieviel Zeit hat der Auslands-Umzug in Anspruch genommen? 

TB: Sechs bis acht Wochen. Dieser Zeitraum ergibt sich vor allem durch die Transportzeit des Containers. Man weiß zum Beispiel nie, wann er aufs Schiff kommt und wie lange er im Zoll festhängen wird.

Neustart Ausland Tina Busch Nachbarschaft

MB: Wie hast Du Anschluss in der neuen Nachbarschaft gefunden? 

TB: Mit meinen vielen Fragen: Zu welchem Arzt sollen wir gehen? Wo kauft man Kinderschuhe? Wo kann man schöne Möbel kaufen? Wo gibt’s den besten Burger? Allerdings war der Kontakt dann nicht so intensiv, wie ich es mir vorgestellt hatte: Man kommt zwar schnell ins Gespräch, aber bis man über die Türschwelle ins Haus eingeladen wird, dauert es lange. Meine Tochter hat mit vier Jahren ihre ersten play dates ausgemacht.

MB: Wie kamen die Kinder mit der neuen Sprache klar?

TB: Meine Tochter konnte mit 18 Monaten zwar schon ein paar deutsche Wörter und Sätze sagen, war aber in ihrem Sprachgebrauch noch lange nicht gefestigt. Englisch hat sie schnell, innerhalb von ein paar Monaten gelernt, so dass sie Englisch und Deutsch gleichwertig sprechen konnte. In den amerikanischen Kindergärten wird zusätzlich auch Zeichensprache gelehrt, was besonders am Anfang hilfreich war. So konnte ich meiner Tochter zuhause auf deutsch die Zeichen für Thank you, Please, More usw. erklären. Nach vier Jahren Kindergarten konnte meine Tochter dann beide Sprachen fließend sprechen. Mein Sohn hat von Anfang an beide Sprachen gelernt, auch wenn das Deutsche natürlich vor allem in den ersten Monaten überwiegt hat. Allerdings waren in seiner Kindergartengruppe mehrere deutsche Kinder, so dass er insgesamt mehr Deutsch geredet hat als meine Tochter.

MB: Wie habt ihr einen guten Kindergarten und Schule gefunden? 

TB: Wir haben uns alle Einrichtungen in der Nähe unseres Wohnortes angeschaut und das Bauchgefühl entscheiden lassen. Amerikanische Kindergärten unterscheiden sich so grundlegend von deutschen Einrichtungen, dass wir uns damals eher für das geringere Übel entschieden haben. Im Laufe der Jahre wurde das aber natürlich zur Normalität und unsere Kinder haben sich im Kindergarten sehr wohlgefühlt. Sie kannten es ja auch nicht anders.

MB: Wie lief es bei der Schulwahl?

TB: Mit dem Thema „Schule“ mussten wir uns erst ein Jahr vor unserer Rückkehr beschäftigen. In den USA werden die Kinder schon im Alter von 5 Jahren eingeschult und werden im Kindergarten auch entsprechend darauf vorbereitet. Um die richtige Schule für unsere Tochter zu finden, habe ich mich im Vorfeld mit vielen Leuten unterhalten: Nachbarn, Freunde, Kindergraten-Eltern, Expat-Eltern mit älteren Kindern. Viele Leute, viele Meinungen, aber auch viele wertvolle Informationen, die zu unserer Entscheidungsfindung beigetragen haben. So haben wir uns bewusst gegen die Privatschule mit Deutschunterricht und für eine öffentliche Schule in unserer Nähe entschieden. Diese Schule hat einen sehr guten Ruf und war von unserem Haus gut zu erreichen. Aufgrund des großen Andrangs und um eine heterogene Schülergruppe zu gewährleisten, entscheidet allerdings eine Lotterie über die freien Plätze, aber wir hatten Glück. Dieses erste Schuljahr war für meine Tochter, aber auch für uns als Familie eine sehr positive und prägende Erfahrung!

MB: Wie lange hat es gedauert, bist Du gedacht hast: JETZT bin ich angekommen? 

TB: Das war irgendwann im vierten Jahr. Nachdem ein großer Schwung von Expatfreunden zurück nach Deutschland gegangen ist, dachten wir, dass wir unser Leben noch einmal neu organisieren müssten. War aber gar nicht so! Wir waren längst angekommen und hatten ein funktionierendes soziales Netzwerk um uns rum, das auch den Umzug von engen Freunden auffangen konnte. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich auf ALLE Fragen von neuen Expats eine Antwort hatte und selber keine mehr stellen musste!

Neustart Ausland Tina Busch Spiel

MB: Im Rückblick: Was war das Schwerste an der Umstellung? 

TB: Mit einem hochfiebernden Kind zum Arzt fahren zu müssen, während die Straßen leergefegt sind, weil ein Tornado im Anmarsch ist und mein Mann auf Dienstreise war. Auch mit dem Thema „Sicherheit“ musste ich mich immer wieder auseinandersetzen. Wir haben schnell gelernt, dass fast jeder Südstaatler eine Waffe auf dem Nachttisch liegen hat und im Zweifel auch bei sich trägt. Eine Alarmanlage im eigenen Haus trägt da nur bedingt zur Beruhigung bei. Was macht man zum Beispiel, wenn das eigene Kind zum Spielen ins Nachbarhaus gehen möchte und man nicht weiß, ob es dort Waffen gibt und wie sie aufbewahrt werden?

MB: Und was lief richtig easy? 

TB: Leicht gefallen ist mir alles, was mit Sprache und Kommunikation zu tun hatte. So hatte ich keine sprachlichen Probleme und konnte mich von Anfang an verständigen und auch tiefergehende Gespräch mit Amerikanern führen – trotz Südstaaten-Slang.

MB: Apropos Süden – wie kamt ihr mit dem Klima klar? 

TB: Südstaaten-Wetter heißt von April bis Oktober in Shorts und Flip-Flops rumlaufen und kurzfristig übers Wochenende an den Strand nach Florida zu fahren … Das ist Balsam für die wettergeplagte deutsche Seele und das Beste, was dem körpereigenen Vitamin-D-Speicher passieren kann.

MB: Wie lange wart Ihr im Ausland, bis die Entscheidung kam: Wir gehen wieder zurück nach Deutschland? 

TB: Das war auch im vierten Jahr. Da entschieden wir: In einem Jahr geht es wieder zurück! Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt mit seinem Projekt fast fertig und es war Zeit für eine neue Herausforderung. Und die bot sich in Deutschland.

Lese in Teil 2 über die Probleme und Aufgabe, die es beim Neustart in Deutschland zu lösen und zu bewerkstelligen gab. 

Fotos. Tina Busch

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