#Beziehungsgewalt: So hat Sanna es geschafft, sich zu trennen

Beziehungsgewalt - so setzt Du ein Ende

Vielen Menschen fällt es schwer, sich aus einer Gewalt-Beziehung zu lösen. Der ehrliche Bericht von Sanna (Name geändert), hier auf meinem Blog, hat viele von Euch berührt. Sie gibt offen zu, dass sie – trotz Demütigungen und Gewalt – zunächst bei ihrem Partner blieb. 

Es ist oft ein schrittweises Steigern der Gewalt, oft gibt es bereits in der Kindheit einschneidende Gewalterfahrungen, oft mangelt es an Selbstwertgefühl und an einem gesunden Glauben an sich selbst, der durch Demütigungen in der Partnerschaft weiteren Schaden nimmt. Dazu kommen das Gefühl der Angst oder Depressionen, oft auch Abhängigkeiten, die es schwer machen, einen Cut zu machen. Aber es gibt auch viele Fälle, da trifft nichts von diesen Dingen zu.

Auch Sanna hing lange in der Beziehung mit einem Mann fest, der ihr so viel Schaden zufügte. Doch irgendwann trennte sie sich. Ihr wolltet wissen: Wie hat Sanna es dann schließlich doch geschafft, diese schädlichen Beziehung zu beenden? Ich habe sie gefragt, liest Ihre Antworten! 

MAMA BERLIN: Sanna, Du warst lange mit einem Mann zusammen, der dich regelmäßig geschlagen und gedemütigt hast. Am Ende hast Du geschafft, dich von ihm zu lösen – obwohl Du da schon wusstest, dass Du ein Kind erwartest. Welche Momente haben dazu geführt, dass Du plötzlich genug Stärke hattest? Sanna: Ein ganz großer Aha-Moment war natürlich der Zwischenfall in der Schiffskabine, der richtig übel hätte ausgehen können. In meinem Kopf kreiste nur noch der Gedanke „Jetzt stirbst du. Das ist das Ende!“ Das macht etwas mit dir, es verändert dich. Danach sah ich diesen Mann mit ganz anderen Augen, denn ich hatte einen Vorgeschmack darauf bekommen, wozu er fähig ist. Der Punkt war erreicht, an dem meine innere Stimme sagte: Jetzt reicht’s! Mir wurde plötzlich klar, dass ich alleine besser klarkomme als an der Seite dieses Mannes. 

MB: Auf Grund Deiner Schwangerschaft hast Du eine Beratungsstelle aufgesucht und trafst dort auf eine kompetente Beraterin, die einiges in dir bewegt hat. Was hat Sie dir gesagt? S: Sie hat meine hauptsächlich finanziellen Befürchtungen zerstreuen können. Ich war 29 und brachte es nicht übers Herz, das Kind wegmachen zu lassen, vor allem, weil ich im Freundeskreis miterlebt hatte, wie ein kleiner Mensch es schafft, das Leben zum Positiven zu verändern. Ich fühlte: Ich war bereit für ein Baby, aber ich hatte Angst, von Sozialhilfe leben zu müssen – was ich zum Glück bis heute nicht musste.

MB: Hat die Schwangerschaft Dich stark gemacht? S: Die Schwangerschaft und diese plötzlich empfundene Liebe für dieses kleine Wesen, das da in dir drin wächst, hat mich tatsächlich stark gemacht für alles, was noch kommen sollte. Ich wusste, ich würde mit dem Baby alleine sein und ich würde alles tun, was in meiner Macht stand, damit es uns beiden gut geht. Man entwickelt ungeahnte Kräfte.

Gewalt in der Beziehung – Sanna erzählt ihre Geschichte

MB: Gab es jemanden, der Dir beistand? S: Es gab eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle, zu der ich wegen einer Schwangerschaftsberatung ging. Ich war 29 und brachte es nicht übers Herz, das Kind wegmachen zu lassen. Ich fühlte, ich war bereit für das Baby, aber ich hatte Angst, von Sozialhilfe leben zu müssen – was ich zum Glück bis heute dank meines Einkommens als Selbständige, Kindergeld, Kindesunterhalt und Wohngeld nicht musste. Die Beraterin half mir, meine hauptsächlich finanziellen Befürchtungen zu zerstreuen. Außerdem gab es eine Freundin, die ebenfalls mit einem anderen Mitglied der Band verheiratet war, mit diesem ein Kind hatte, aber sich ebenfalls trennen wollte. Eine Woche lang wohnte ich mit ihr, ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter in einem winzigen Appartement und durfte diesen liebevollen weiblichen Mikrokosmos hautnah miterleben. Unsere Gespräche gaben mir unheimlich viel Kraft. Zurück zu Hause sammelte ich alle Informationen zum Thema „Allein mit Kind“, die ich finden konnte, und arbeitete von früh bis spät, um bis zur Geburt mein finanzielles Polster so gut es ging zu vergrößern – buchstäblich bis zu der Minute, in der ich ins Krankenhaus musste.

MB: Hast Du eine Therapie gemacht? S: Therapeutische Hilfe hatte ich zwar nicht, aber dafür bekam ich eine Mutter-Kind-Kur für Alleinerziehende, die mir sehr gut getan hat. Und ich habe vor ein paar Jahren „nebenbei“ noch ein Psychologie-Fernstudium begonnen, um gewisse Dynamiken besser verstehen zu können. Dieses Wissen hilft mir sehr. Mittlerweile habe ich mir damit sogar ein zweites berufliches Standbein aufgebaut und berate andere Frauen in allen Lebenslagen.

MB: Gab es in der Schwangerschaft noch Kontakt zu dem Vater Deines Kindes? S: Knappe vier Monate vor der Geburt fiel ihm ein, mittlerweile pleite, er könne ja von den USA nach Deutschland ziehen, schließlich habe er „eine Familie“ hier. Er bekniete mich, es noch einmal zu versuchen – und ich gab nach … Den Kontakt zu meinen Freunden, die vieles in unserer Beziehung mitbekommen hatten, musste ich auf sein Verlangen hin abbrechen.

MB: Du hast Dich ihm trotz der Vorfälle untergeordnet? Das hast Du sicher bald bereut … S: Er zog also zu mir, unsere Tochter wurde geboren und eine kurze Zeit lang redete ich mir ein, es könnte vielleicht doch noch gut gehen mit uns. Er hingegen tat nichts, um sich zu integrieren oder etwas zum Familienunterhalt beizutragen, und so blieb alles an mir hängen: Formulare ausfüllen, Geld verdienen, Baby versorgen, einkaufen … Als ich ihn darauf hinwies, dass er ebenso gewisse finanzielle Verpflichtungen hätte und sich endlich Arbeit suchen sollte, nahm er widerwillig einen Aushilfsjob an, bei dem seine mangelnden Deutschkenntnisse kein Hindernis waren. Allerdings war er der Meinung, dies sei unter seiner Würde, und begann wieder unkontrolliert zu trinken. Natürlich leugnete er es und versteckte die leeren Flaschen, und natürlich stritten wir uns bald auch wieder öfter, aber ich versuchte ruhig zu bleiben, um ihn ja nicht zu provozieren. Der Zwischenfall in der Schiffskabine hatte mich verändert: Ich sah ich diesen Mann mit anderen Augen, wusste, wozu er fähig war. So weit würde ich es nicht noch einmal kommen lassen. 

MB: Hattest Du keine Angst? S: Ich sorgte dafür, dass er nicht mit unserer Tochter alleine war. Nachts schlief ich mit abgeschlossener Tür mit ihr im Schlafzimmer, er auf dem Sofa. Trotz der spannungsgeladenen Atmosphäre war sie ein fröhliches und ausgeglichenes Baby. Als sie etwa ein halbes Jahr alt war, gab es aber eine Situation, in der er sturzbetrunken mit seinem Stuhl umkippte. Sie spielte auf dem Boden neben ihm und ich konnte sie gerade noch wegreißen, bevor der Stuhl ihr gegen den Kopf knallte und er auf sie drauf fiel! Da merkte ich endgültig: Ich konnte es nicht zulassen, dass mein Kind mit einem unberechenbaren aggressiven Trinker aufwächst.

MB: Wie hast Du die Trennung vollzogen? S: Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Für uns gab es definitiv keine gemeinsame Zukunft mehr. Am nächsten Tag brachte ich die Kleine nachmittags vorsorglich zu meiner Mutter, denn ich wusste, die Situation könnte eskalieren, und das sollte sie nicht miterleben. Er kam natürlich wieder mit einer Alkoholfahne von der Arbeit. Ich hatte es so satt. Ich sagte, er solle verschwinden, ich hätte genug von seiner Sauferei. Er weigerte sich zu gehen und log mir noch frech ins Gesicht. Da rastete ich aus, warf seine Sachen die Treppe hinunter und schrie, er solle sich eine andere Dumme suchen. Ich war so außer mir, dass er sich nicht weiter zu widersprechen traute. Als dann auch noch der ältere Nachbar nachfragen kam, ob bei uns alles in Ordnung sei, ging er endlich freiwillig.

MB: Wie hast Du dich danach gefühlt? S: Ich war traurig und erleichtert zugleich. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, wollte ich meine Tochter abholen, doch als ich bei meiner Mutter auf dem Sofa saß, fing ich plötzlich so sehr an zu zittern, dass ich meine Kleine nicht mal mehr auf den Arm nehmen konnte. Es fühlte sich an wie ein Nervenzusammenbruch. Meine Muskeln gehorchten mir einfach nicht mehr. Meine Mutter machte sich große Sorgen, aber nach einer Weile wurde ich ruhiger und sie brachte mich und die Kleine nach Hause. Bis heute habe ich es nicht fertig gebracht, ihr alles zu erzählen, was in unserer Beziehung vorgefallen ist.

MB: Wollte er nach der Trennung Umgang? S: Natürlich bestand er darauf, seine Tochter zu sehen, aber sie war noch zu klein und fremdelte stark, weshalb die Treffen mit ihr nur in meinem Beisein stattfinden konnten. Nach wenigen Monaten fand er einen besseren Job, für den er keine Deutschkenntnisse benötigte, und zog in ein anderes Bundesland. Seitdem sieht er seine Tochter nur noch sporadisch, denn er sieht es nicht ein, „sein ganzes Geld“ für Kindesunterhalt und die Fahrtkosten auszugeben … Anfangs rief er sie noch regelmäßig an, aber auch das ließ bald nach.

MB: Für Kinder ist Gewalterfahrung eine tiefschneidende Erfahrung. Hat Deine Tochter Gewalt miterlebt? S: Es gab immer wieder unschöne Anrufe von ihm, wenn er betrunken war. Dann beschimpfte er mich aufs Übelste und drohte mir alles Mögliche an. Danach war ich jedes Mal fix und fertig und lag zitternd im Bett. In diesen Momenten kuschelte sich meine Kleine völlig verängstigt an mich. Ich versprach ihr, immer für sie da zu sein und gut auf sie aufzupassen. Vor drei Jahren erlebte sie ihren Vater dann völlig betrunken auf einem Familienfest (ich hatte mich um des lieben Friedens willen dazu überreden lassen, seine Verwandtschaft zu besuchen) und bekam panische Angst vor ihm. Er konnte kaum noch sprechen, hatte einen stieren Blick und versuchte sie ständig auf den Schoß zu nehmen und abzuknutschen. Der Abend endete damit, dass ich mit ihr bei 5 Grad Außentemperatur in einer dünnen Jacke im Dunklen ums Haus herum schlich, damit er sie nicht mehr zu fassen bekam – bis er endlich auf dem Sofa eingeschlafen war. Danach ließ er acht Wochen lang nichts mehr von sich hören.

MB: Gibt es trotz dieser Vorfälle noch Umgang? S: Wir sehen wir uns gezwungenermaßen alle zwei bis drei Monate, manchmal vergehen auch vier, bis sie sich zu einem weiteren Treffen bereit erklärt. Vielleicht wird das Verhältnis eines Tages besser. Mittlerweile hat er eine neue Partnerin. Sie wirken glücklich zusammen. Ich mag sie und ich hoffe für sie, dass sie seine andere Seite nie kennenlernen wird.

MB: Was würdest Du anderen Frauen, die sich in einer Situation befinden, in der Du auch warst, raten? S: Allen Frauen, die noch in einer Gewaltbeziehung stecken, möchte ich sagen: Ihr schafft es, euch daraus zu befreien. Irgendwann kommt der Moment, in dem ihr ungeahnte Kräfte entwickelt. Glaubt an eure Stärke! Lasst euch nicht kaputt machen! Denkt an euch und eure Kinder! Natürlich werdet Ihr finanziell in den meisten Fällen schlechter dastehen, aber auch das wird wieder besser. Und: Holt euch jede Hilfe und Unterstützung, die ihr bekommen könnt!

MB: Wie fühlst Du dich heute? S: Nach nunmehr 12 Jahren habe ich auch endlich die Chance erhalten, meinen Freunden die Gründe für meinen damaligen Kontaktabbruch zu erklären. Es tut gut, das alles hinter sich zu lassen und endlich wieder nach vorne schauen zu können.

Liebe Sanna, ich danke Dir für Deine Offenheit, Dein Mitgefühl und Deine Stärke. Du bist toll! 

Du bist Opfer von Gewalt in einer Beziehung und brauchst Hilfe? Meine Empfehlung ist: Sortiere Dich, sprich vor allem mit jemanden, öffne dich, vetraue dich jemanden an und bitte ganz konkret um Hilfe. Falls niemand aus der Familie oder dem Freundeskreis in Frage kommt, versuche es beim Hilfetelefon. Hier bekommst Du rund um die Uhr professionelle Beratung – auf Wunsch auch anonym.

Fotos: Pixabay 

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