Kolumnistin Fee Linke ist die „Feeministin“. Heute: Der Markt regelt leider nichts

MAMA BERLIN Feeministin Fee Linke Der Markt

Sonntag erschien der erste Teil von Fees Kolumne, die ich in drei Teilen veröffentliche, gestern der zweite. Lest hier den dritten und letzten Teil. 

 Ich hatte meine Lektion gelernt: Die Gleichung mehr Arbeit = mehr Geld galt überhaupt nicht (mehr). Die Schere zwischen arm und reich nimmt weiter zu. Wir sind auf dem besten Weg eine Besitzgesellschaft zu werden. Der sicherste Weg an Geld zu kommen ist jedenfalls ein Erbe. Ein weltweiter, unguter Trend, der von der Politik gefördert wird, im Fall der Banken-Krise sogar noch mit Milliarden Euro an Steuergeldern gestützt.

Darüber hinaus werden Aktiengeschäfte bis heute nicht besteuert, ein ehemaliger Konzernmanager, an dem auch die Landesregierung in Niedersachens beteiligt ist, erhält 3 100 Euro Rente – pro Tag. Wer viel Geld hat, kann sein Vermögen durch das internationale Finanzsystem hin- und herschieben und Verluste abschreiben. Konzernen wird es noch einfacher gemacht, z.B. Facebook. Das weltumspannende Unternehmen hat in jedem Land ein Büro, um Werbung zu verkaufen, wickelt aber trotzdem Gewinne und Verluste über das Heimatunternehmen ab und zahlt in den anderen Ländern kaum Steuern.

Steueroasen ermöglichen Steuerflucht, oftmals ganz legal. Die harte Vorgehensweise der Bundesregierung gegen deutsche Steuersünder offenbarte den Umfang der jahrelangen kapitalprotegierenden Politik. Milliarden Euro konnten durch die Schweizerkonten-CDs immerhin noch eingetrieben werden, jedoch war das . Zuvor hatte der Finanzminister bzgl. dieses Umstandes ganz fest beide Augen zugedrückt, hohe Sozialausgaben gerügt, die vergebenen Steuermilliarden aber untern Tisch fallen lassen. Otto-Normalverbraucher kann da nur müde lächeln.

Wer für die Kinder in Teilzeit geht, verzichtet auf Rentenansprüche und riskiert Altersarmut

Ich jonglierte in ganz anderen Dimensionen, viel, viel weiter unten. In meinem Fall hatte ich nun unterm Strich etwas mehr Zeit für meine Kinder und mich, aber nicht so viel weniger im Geldbeutel, weil auch die Steuerlast sank. Doch ganz so easy war’s dann doch nicht. Als Teilzeitkraft gingen mir im erheblichen Maßen Rentenansprüche flöten, außerdem fielen Extraleistungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld wesentlich schmaler aus.

Auch Aufstiegsmöglichkeiten sind für Angestellte in Teilzeit selten. Und: Wer seine Arbeitszeit auf eigenen Wunsch reduziert, gibt damit alle Ansprüche auf, die Stundenzahl später wieder zu erhöhen. Daran wird sich hoffentlich bald etwas ändern. Pläne dazu liegen jedenfalls vor.

Die Idee vom idealen Markt, der alles regelt ist jedenfalls das eigentümliche Märchen. Mit der Hartz-IV-Reform wurde die Devise „Fördern und Fordern“ ausgegeben: Menschen, die joblos waren, sollten Unterstützung erhalten, aber gleichsam „Feuer unterm Hintern bekommen“. Faulsein wurde sanktioniert: Also das,  was Frau Holle der Pechmarie zukommen lässt, die sich im Märchen nicht bemüht. Klingt erstmal logisch. Allerdings galt auch hier nur die Erwerbsarbeit als Leistung.

Obwohl Familienpflege viel Arbeit ist, wird sie nicht entlohnt

Kaum berücksichtig wurde die Tatsache, dass Kindererziehung, Angehörigenpflege ja auch Arbeit sind, die aber so gut wie nicht entlohnt werden. Was da geschah, war fatal: Menschen, die zwar viel leisteten, aber nicht in Lohn standen, gerieten unter Generalverdacht, faul zu sein. Der Goldmarie wurde quasi vorgeworfen, sie helfe zwar Frau Holle, aber diese Arbeit sei ja nun nichts wert!

Und dann gab es noch das andere Extrem: Die reichen „Faulen“, Papas Söhne und Töchterchen, reiche  Erben und Jet-Set-Girls werden hofiert und gelten in unserer Gesellschaft als Leistungsträger und werden als Vorbilder vermarktet. Es reicht, dass da Geld ist. Wie es zustanden gekommen ist, scheint immer mehr egal zu werden.

Die Gräben zwischen den gesellschaftlichen Schichten wachsen nicht nur in Euros ausgedrückt sondern auch im Bereich Bildung und Gesundheit. Arm sein macht krank und verhindert den Zugang zu Bildung. Vor allem Alleinerziehende laufen Gefahr, ihre Armut an die Kinder weiter zu vererben. Ich habe keinen ausgeklügelten minutiösen und wissenschaftlichen Plan, wie das Problem gelöst werden kann. Dass das Paradox Armut trotz Arbeit jedoch gelöst werden muss, und der Sozialstaat neue Rückendeckung braucht, ist für mich jedoch unbestreitbar.

Eine Gesellschaft braucht die Bereitschaft, nicht immer finanzielle Gegenleistung in Erwartung zu stellen – um menschlich zu sein

Marie, das Mädchen, dass von ihrer Stiefmutter benachteiligt und unter Druck gesetzt wird, stützt beim verzweifelten Versuch das Blut von der Spule mit Garn zu waschen in den Brunnen. Sie landet auf einer grünen Wiese, trifft dort auf den Baum mit den reifen Äpfeln, die herunter geschüttelt werden wollen und dem Ofen, mit dem fertigen Brot dass heraus genommen werden will – sie tut es, weil es gut ist.

Eine Gesellschaft braucht solche Lebenseinstellung – die nicht immer eine finanzielle Gegenleistung in Erwartung stellt, sonst wird er entmenschlicht: Kinder versorgen, Kranken und Altenpflege, ehrenamtliche Tätigkeiten, wie zum Beispiel Sprachkurse für Flüchtlinge geben.

Was passiert, wenn wir immer nur materiell denken, zeigt das Beispiel der Pechmarie. Sie ist als leibliches Kind der Mutter im Gegensatz zu ihrer Stiefschwester privilegiert und wird bevorzugt. Doch statt Dankbarkeit erwachen in ihr Gier und Neid. Auf dem Wunsch nach Reichtum folgt sie dem Plan der Goldmarie, stützt sich in den Brunnen, ignoriert Baum und Brot, schert sich nicht ums Gemeinwohl und hängt dann faul bei Frau Holle ab, ohne die Betten auszuschütteln und so schneit’s auch nicht.

Doch bestraft wird am Ende nicht die Faulheit sondern vor allem die Gier. Denn die kluge Frau Holle weiß, dass sie es ist, die das gerechte Gleichgewicht unserer Gesellschaft bedroht. Und wir wissen das auch schon lange. In unserem Grundgesetz steht dazu in Artikel 14 Absatz 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Wir müssen das Frau-Holle-Prinzip wieder mehr beherzigen und die Anerkennung von Leistung so definieren, dass sich nicht allein kapitalistischen Grundsätzen genügt, sondern die Philosophie der sozialen Marktwirtschaft erfüllt und den innergesellschaftlichen Leistungen Rechnung trägt, die nicht über ein Lohnsystem abrechbar sind. Dem sozialen Frieden in Deutschland wäre es zuträglich. Da bin ich sicher.

MAMA BERLIN Fee Linke KolumnistinFee Linke ist Mama von zwei Kindern und seit 2005 vom Vater getrennt. Vor der Familienphase hat sie als Journalistin in Köln gearbeitet.

Nachdem sie alleinerziehend wurde und in ihrem Job nicht mehr einsteigen konnte, machte sie eine Umschulung zur Kauffrau für Bürokommunikation und arbeitet mittlerweile im öffentlichen Dienst. Während der Umschulung erhielt sie die Grundsicherung für sich und ihre Kinder.

 Fee Linke schreibt bei MAMA BERLIN über Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten und fordert ein Umdenken in der Arbeits- und Wirtschaftswelt. Denn da ist einiges verrutscht.

Fotos: pixabay, Fee Linke

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2 Comments

  • Ich stelle drei einfache Fragen und würde mich freuen wenn mir die Autorin antwortet. Wer soll die Betreuungsarbeit bezahlen, wenn die Nachfrager auf dem Markt für Betreuungs- und Haushaltsdienstleistungen chronisch und permanent pleite sind? Würde sich durch die intensivere Besteuerung von Erbschaften und Kapitalvermögen die Situation ändern? Wollen Sie eine Vollversorgung (Managergehalt) für alleinerziehende Mütter durch den Staat aus Steuermitteln?

    PS: Für mich gab es nie eine bessere Zeit als den Feminismus. Frauen wollen selbständig und gleichberechtigt sein. Sie sind mit dem Mann auf Augenhöhe, haben gleiche Rechte und Pflichten. Frauen bekommen und erziehen ihre Kinder allein. Ich muss kein hohes Einkommen machen, Vermögen vererben oder viele Steuern bezahlen, obwohl ich es könnte. Dafür bedanke ich mich wirklich bei den Feministinnen, die das möglich gemacht haben. Sie haben die Befreiung der Frau gewollt und die Befreiung des Mannes erreicht. Besser geht es nicht.

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