MAMA BERLIN fragt Jesper Juul zum Thema Beziehungsgewalt: Was machen wir mit unseren Kindern?

Juul Gewalt MAMA BERLIN

Für manche ist er wie ein Guru der guten Erziehung. Auch ich schätze den ehemaligen dänischen Lehrer und heutigen Familientherapeuten Jesper Juul ungemein. Seine skandinavische Unverkrampftheit, seine umfassende Erfahrung, sein befreiter und vor allem großer Blick auf das Ganze und sein Empathievermögen machen ihn für mich zu einer höchst inspirierenden Persönlichkeit in Erziehungs- und Familienfragen. Oft, wenn ich nicht weiter weiß, ziehe ich Juul zu Rate, schlage  in einem seiner zahlreichen Bücher nach und bekomme meistens gute Antworten.

Jetzt hatte ich zum ersten Mal anlässlich seines neuesten Buches „Liebende bleiben“ (Aff.link) Gelegenheit (und Ehre), ihn direkt anzufragen. Und dafür wählte ich eine Frage, die mich seit Jahren umtreibt und für die ich bis heute keine Lösung gefunden habe. Die Frage des Kindesumgangs bei Gewalt in der Familie.

Juul gibt eine sehr gute Antwort. Ihr findet sie weiter unten … 

Wenn Gewalt in der Familie besteht – sollen Kinder dann trotzdem Kontakt zum Elternteil haben?

Wenn Eltern wissen, dass Ihr Partner dazu neigt, psychische, emotionale, verbale oder physische Gewalt regelmäßig und dauerhaft anzuwenden, inwiefern können sie es vertreten, den Umgang der Kinder mit dem Partner zu begleiten? Oder ist es hier, zum Schutz der Kinder, besser, das Recht auf Umgang auszusetzen? Sind diese Belastung und die Ängste, die immer begleitend wirken, wirklich gut für die Kinder? Müssen wir sensibler werden, strenger mit uns selbst?

Auch der Gesetzgeber ist hier diffus. Auf der einen Seite haben Kinder Rechte und das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit – und diese Rechte machen keinen Unterschied zwischen Eltern und Außenstehenden. Auch eine Ohrfeige ist en Delikt am Kind und kann geahndet werden.

Bei mir kämpfen Verstand gegen Gefühl

Andererseits: Die Liebe der Kinder, die groß ist und auch über Enttäuschungen hinweg sehen kann, liegt einer prinzipiellen Sehnsucht nach beiden Elternteilen zu Grunde, die, wenn sie gekappt wird, oft Folgen hat. Auch die Einsicht von Elternteilen oder auch die Weiterentwicklung ist möglich und nur weil man Fehler gemacht hat, kann man nicht sein Leben lang dafür büßen müssen. Auch die destruktiven Dynamiken von Paarbeziehungen, die nach einer Trennung weiterbestehen können – aber nicht müssen und natürlich die Gradmessung von Gewalt (Okay, der Väter wird manchmal laut, aber ist das wirklich schlimm? Tut er nicht auch viele Dinge, die sehr gut sind? Ist vielleicht auch die Strenge manchmal notwendig? Wer will hier grundsätzlich urteilen, wenn wir nicht die gesamte Geschichte kennen?) zähle ich zu den Punkten, die vom Gesetzgeber und der Rechtssprechung berücksichtigt werden und das ist auch richtig so.

Dennoch ist da immer dieses Gefühl, wenn ich die Geschichten höre und sich bei mir automatisch ein ganz ungutes Gefühl einstellt, das auch häufiger stärker ist als der rein analytische Verstand. Dann denke ich: „Nein, das ist nicht gut fürs Kind. Dann lieber nur mit einem Elternteil. Da muss jetzt erstmal ganz dringend Ruhe rein!“ (Wobei ich hier nicht automatisch für die Mütter bin, ich kenne problematisches Verhalten von beiden Geschlechtern). Ist meine Intuition hier so falsch?

Juul schreibt dazu in seinem neuen Buch unter der Überschrift „Trennungskinder und das Kindeswohl“

„Wenn ein Elternteil das andere verletzt oder beide sich gegenseitig kränken, führen sie ihren Kindern dadurch existenzielle Schmerzen zu und schaden ihnen. Aber sie schaden auch ihrem eigenen, zukünftigen Verhältnis zu ihren Kindern – forever! Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos, auch wenn einer der beiden − oder auch beide − sich weit unter dem all- gemeingültigen moralischen Standard bewegt. Die Liebe des Kindes wird nicht dadurch weniger, dass Mama fremdgegangen ist, dass Papa schlägt und trinkt, dass Mama sich nicht an Absprachen hält und Papa seine Versprechen nicht einlöst. Viele Kinder haben darüber hinaus noch den Hang, dem Elternteil besonders loyal gegenüber zu sein, das Zielscheibe für moralische Kritik und Schuldzuweisung ist.“

Das sagt Juul zu Gewalt in Familien

JESPER JUUL MAMA BERLIN PORTRÄTMeine Frage an ihn lautete: „Herr Juul, wir sind von Ihnen offene und direkte Worte gewohnt – und dafür werden sie geliebt und bewundert. Deswegen ein Kompliment an die Art und Weise, wie sie das Trennungs-Thema anpacken. Für die meisten Eltern treffen Ihre Ratschläge hier zu. Sie sprechen an dieser Stelle von der Liebe der Kinder – doch Gewalt (physische und psychische) von Eltern richtet sich nicht nur gegeneinander und tritt im Moment der Trennung zu Tage, sondern besteht schon oft lange vorher und wendet sich nicht selten leider auch gegen die eigenen Kinder. Wir haben in Deutschland jährlich 40 000 Frauen die zum großen Teil mit Kindern in Frauenhäusern vor Gewalt in der Beziehung fliehen. Wobei nicht ausschließlich Frauen von Beziehungsgewalt werden, allerdings sind die Zahlen doch deutlich signifikanter. Was raten Sie diesen Familien?“ 

Jesper Juul: „Sie (Familien mit Gewalterfahrungen) waren Opfer in Ihrer Beziehung, und nun ist es an der Zeit dafür zu sorgen, dass Sie nie wieder Opfer werden oder das Gefühl haben, Opfer zu sein. Sprechen Sie mit Menschen in Ihrem Umfeld, die Ihr Vertrauen genießen, und versuchen Sie herauszufinden, warum und auf welche Weise Sie einem anderen Menschen so große Macht über Ihr Wohlbefinden einräumen. Erforschen Sie Ihre persönlichen Grenzen und gestehen Sie sich diese zu, ungeachtet dessen, was andere darüber denken. Wenn Mütter, Väter und Kinder verbal oder physisch aggressiv werden, liegt es meistens daran, dass sie das Gefühl haben, innerhalb der Familie nicht genug Wertschätzung zu erfahren (wie auch in meinen Büchern Aggression und Nein aus Liebe beschrieben); diese Gefühle kann man offen zur Sprache bringen. Sie können nicht für Ihren Partner entscheiden, aber Sie haben das volle, uneingeschränkte Recht, den Mund aufzumachen. Möglicherweise haben andere seit Jahren versucht, Sie zum Schweigen zu bringen, doch von nun an sollten Sie sich vor Augen halten, dass Sie nur Ihre eigene Erlaubnis brauchen, das Schweigen zu brechen.“

Juul klärt über mögliche Hintergründe auf und setzt wie immer auf die Eigenverantwortung. Es gibt keine allgemeingültige Regel. Aber er macht auch deutlich, dass wir nicht passiv unserem Schicksal ausgeliefert sind, sondern für Recht sorgen können, indem wir Unrecht laut und deutlich benennen, uns mit vernünftigen und gesunden Menschen umgeben, die uns unterstützen, Ordnung in die Verhältnisse zu bringen, aber auch die Möglichkeit nutzen sollten, uns selbst weiterzuentwickeln und auch unsere eigenen Verhaltensweisen, die zu keinem guten Ergebnis geführt haben, zu erkennen und im besten Fall auch zu ändern. Wir müssen selbst dafür sorgen, kein Opfer zu sein, denn nur dann können wir auch durchsetzen, dass unsere Kinder – die viel weniger Möglichkeit als Erwachsene haben, sich zur Wehr zu setzen und ihre Rechte einzufordern – nicht weiter Opfer sein müssen. 

Ich sage: „Vielen, vielen Dank, Herr Juul. Wir wissen, wir schwer es für Sie geworden ist, überhaupt zu arbeiten, fragen zu beantworten. Von Herzen wünschen ich Ihnen Besserung und eine gute Therapie für Ihre Krankheit und bewundere Sie für Ihren Lebensmut!“ (Seit 2012 ist Juul auf Grund einer Auto-Immunkrankheit gelähmt, lag im Koma, hatte seine Stimme aufgrund eines Luftröhrenschnittes für vier Jahre verloren, kann nicht mehr Reisen und arbeitet heute ausschließlich online.)

Ihr habt noch Lust auf mehr Fragen zum neuen Buch?

Lest hier die Beiträge von meinen Blogger-Kolleginnen – auch ein enttäuschter Vater ist dabei …

  • Wie lange darf ich mein Kind alleine lassen? Die Antwort gibt’s bei CUCHIKIND
  • Wie finde ich eine gesunde Balance zwischen den Ansprüchen meines Kindes und meinem Bedürfnissen nach Ruhe? Die Antwort dazu gibt’s bei MUNCHKINS HAPPY PLACE
  • Paartherapie auch wenn die Luft am Brennen ist? Die Antwort gibt’s bei LIEBLINGSGÖREN
  • Soll ich mein Kind betreuen lassen, auch wenn es sich für mich nicht gut anfühlt? Die Antwort gibt es bei FRIEDA FRIEDLICH
  • Eine ausführliche Rezension gibt’s bei WHEELYMUM
  • Was kann die deutsche Familienrechtssprechung von der skandinavischen lernen? Die Antwort gibt es bei PAPALAPAPI

Bilder: Pixabay, Anja Kring, BELTZ-Verlag

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