Von rosaroten Erwartungen und blauen Wundern – wie wir unsere Babys auf Geschlecht eichen

Meine Tochter saß bereits in der Gender-Falle, als sie Null minus sieben Monate alt war und ich noch nicht mal wusste, dass mein Kind ein Mädchen werden wird.

Doch der Reihe nach: Als ich zum ersten Mal bewusst darüber nachdachte, ob ich vielleicht Mutter sein wollte, dachte ich gleichzeitig über eventuelle Namen für das neue Wesen nach. Der einzige, der in meinem Kopf aufploppte, war der Name eines osteuropäischen Brandys – ein Name, der beim Standesamt für ein Mädchen durchgehen könnte …

Monate später, als ich das neue Leben dann tatsächlich zum ersten Mal im Ultraschall sah, erst wenige Wochen alt, aber bereits wild mit den Armen rudernd, verabschiedete sich im Unterbewusstsein der Mädchenname. Da brauchte der Arzt gar nicht noch sagen: „Oh, da ist aber jemand schon seeeehr aktiv.“ Das musste einfach ein Junge sein: Gender-Falle zugeschnappt.

Jenseits des Unterbewusstseins sah die Sache jedoch anders aus. Ich hasste geschlechtsspezifische Zuordnungen lange bevor ich das Wort „Gender“ überhaupt kannte. Ein Gespräch mit der Nachbarin, ich damals ungefähr sieben, es waren die frühen 80er, erinnere ich noch lebhaft: „Einen schönen Pulli hast du an. Rot steht dir am besten, wie meiner Tochter.“ Ich: „Eigentlich finde ich Dunkelblau viel schöner. Da hab ich auch schicke Sachen.“ Nachbarin: „Ach. Aber das ist doch keine Farbe für ein Mädchen. Rot ist am schönsten.“

Dass wir das Geschlecht nicht wissen wollten, war eine Katastrophe für die Oma: „Dann weiß ich ja gar nicht, welche Wolle ich nehmen soll?“

Rot wurde im Lauf der Jahre zu Rosa, sonst hat sich in Sachen farblicher Zuordnung nichts (und auch sonst nicht genug) geändert. Deshalb wusste ich auch sofort, dass ich das Geschlecht meines Kindes erst bei der Geburt erfahren wollte.

Der Gynäkologe sagte zu meinem Wunsch, sich doch bitte nicht zu verplappern: „Ok.“ Das war nach drei Monaten. Nach fünf Monaten sagte er dann: „Das gibt’s nicht oft, dass Eltern das nicht wissen wollen.“ Und nach sieben Monaten: „Sie ziehen das ja wirklich durch. Respekt. Ich könnte das nicht.“

Eine Katastrophe für die strickende Oma: „Wie, ihr wollt das Geschlecht nicht wissen? Aber dann weiß ich doch gar nicht, ob ich blaue oder rosa Wolle kaufen muss?!“

Genau. Genau deswegen. Als ich diesen hochkomplexen Zellhaufen damals wild rudernd im Ultraschall sah, habe ich mich gefragt, was dieser Mensch einmal mit seinem Leben anfangen wird. Diktator oder Friedensnobelpreisträger, Musiker oder Mathematiker, Pfarrer oder Weltenbummler. Oder eben das ganze mit -in. (Momentan sieht es übrigens nach Diktatorin aus.) Was dieser Mensch zwischen seinen Beinen hat oder eben nicht, ist mir vollkommen egal.

Ich versuche mich frei zu machen von Erwartungen

Je mehr ich mich bewusst von einer geschlechtlichen Zuordnung distanzierte, desto mehr distanzierte ich mich auch von einer Vereinnahmung dieses werdenden Menschen als „mein Baby“, „mein Kind“, „ein Teil von mir“. Das mag lieblos klingen, aber es bedeutete für mich eher eine respektvolle Annäherung an den neuen Menschen als Individuum. Das neugierige Warten, die Vorfreude auf eine Überraschung, die ich in der Schwangerschaft gefühlt habe, ist auch nach der Geburt geblieben.

Aber zugleich auch eine Art Distanz. Ich versuche mich frei zu machen von den Erwartungen, welche Eigenschaften von Mama oder Papa dieses Kind wohl zeigt. Und tatsächlich: Es sind nicht viele Eigenschaften, die ich von mir selbst wiedererkenne. Dieses Kind ist bisher ganz anders als ich. Weil es nicht Ich ist. Und auch nicht werden soll. Von einer Philosophie-Professorin habe ich sinngemäß mal gehört: Liebe bedeutet, den anderen als Individuum anzuerkennen und die Distanz zwischen ihm und sich selbst ertragen zu können. Das übe ich jeden Tag.

Aber zurück zu Rosa und Blau bzw. erst mal weder noch. Die verständnisvolle Reaktion von gleichaltrigen, oft jüngeren, scheinbar modernen Frauen war für mich manchmal nahezu schockierend: „Ist doch nicht schlimm, gibt doch auch Babysachen in Gelb. Oder eben Weiß. Oder du wartest mit dem Einkaufen einfach bis nach der Geburt.“ Nein!!! Das war doch gar nicht der Punkt! Die kleine Mia soll verdammt noch mal ein dunkelblaues Shirt mit Käpt’n Sharky anziehen dürfen, und auf Leons Brust kann die glitzernde Eiskönigin prangen. Wenn er das so will. Oder seine Mama. Oder der Papa.

Aber nicht, dass das Kind mal schwul …? Klar. Mit drei. Und selbst wenn … Ich kenne zwei Männer, die sich als Kinder Barbies zum Geburtstag gewünscht haben (und bekamen). Der eine liebt heute gutes Essen, Shopping, Interior Design und seinen Mann. Der andere Metal-Bands, seine vierköpfige Familie (inklusive Ehefrau) und seinen Job als Mechatroniker.

Mädchen in Blau sind ja inzwischen okay, aber Jungs in Rosa? Immer noch exotisch

Ein großer Teil der Freiräume, die Kinder für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit brauchen, muss zuvor im Kopf ihrer Eltern entstehen. Freiraum im Sinne von „freier Raum“, also klischeefrei. Frei für Individualität, Überraschungen, Bedürfnisse.

Aber ist es nicht komisch: Mädchen, die in Blau daherkommen, sind okay. („Ach so, sorry, ich dachte das ist ein Junge, wegen der Klamotten und der kurzen Haare.“) Aber ein Junge ganz in Rosarot? Habe ich noch nicht gesehen auf dem Spielplatz. Aber warum eigentlich? Weil man die männliche Autorität schon vom ersten Tag an nicht untergraben darf? Jungs nicht ins Lächerliche (an-)ziehen?

Mein Bruder wurde als 13-Jähriger mit einem abgelegten Skianzug seiner großen Schwester ins Skilager geschickt: Lila, Pink, Orange. Er musste deswegen einiges einstecken von seinen Klassenkameraden, Jungs wie Mädchen. Noch heute macht er deswegen unserer Mutter gelegentlich einen scherzhaften Vorwurf. Andrerseits ist er ein überzeugter Feminist geworden (nein, kein Frauenversteher, sondern Feminist.). Ich will da keinen Zusammenhang hineininterpretieren.

Trotz aller guten Vorsätze bin auch ich den spezifischen Zuordnungen, dem sozialen Geschlecht auf den Leim gegangen. Wer dermaßen wild in meinem Bauch strampelt und boxt, Tag und Nacht, das kann nur ein Junge sein. Und so stand (bzw. lag) ich dann nur mit einem Jungennamen da, als die Hebamme sagte: „Es ist ein Mädchen!“

„Warum ist die nur so wild wie ein Junge?“

Ich zauberte einen weiblichen Namen, den wir „für den Notfall“ überlegt hatten, aus dem Hut. Glücklich mit der Überraschung, aber unglücklich mit dem Namen rang ich mich nach drei Tagen schließlich durch, das kleine Mädchen dann doch wie einen osteuropäischen Brandy zu nennen.

Jetzt, ein gutes Jahr später, ertappe ich mich immer wieder mal dabei, in geschlechtsspezifische Denkmuster zu verfallen. „Warum ist die nur so wild wie ein Junge?“, wenn sie zum Beispiel ihre Spielsachen durchs Zimmer feuert; Schreikrämpfe und Wutanfälle auslebt; ohne Rücksicht auf körperliche Unversehrtheit Klettern übt.

Neulich schubste ein etwas älterer, stärkerer Sandkastenfreund sie um, weil er eifersüchtig war. Sie zögerte keine Sekunde und gab ihm eine Ohrfeige. Der Junge weinte bitterlich, sie spielte ungerührt weiter. Vielleicht sollte ich mir weniger Gedanken über den Ausbruch aus sozialen Geschlechterrollen machen. Das kleine Fräulein lebt die Gleichberechtigung einfach.

Was sie dabei anhat? Alle Farben. Denn ich sehe das inzwischen pragmatisch. Einige Verwandte und Freunde schenken Klamotten in Rosa. Und freuen sich, wenn ihre Geschenke auch getragen werden. Warum nicht? Das tut keinem weh.

Einer guten Mama-Freundin nehme ich immer wieder mal etwas Second-Hand ab. Das ist ökologisch vernünftig und das freut unser beider Geldbeutel. Dass sie und ihre Tochter typische Mädchenfarben mögen? Egal. Neulich, ich gebe es zu, habe ich sogar selbst mal was in schreiendem Pink gekauft. Es musste auf die Schnelle eine Matschhose her, in anderen Farben war ihre Größe ausverkauft.

Ihr ungestümes, oft anstrengendes Wesen wird durch ein typisches Mädchen-Outfit (leider) nicht gebändigt. Die Werte, die ich ihr fürs Leben als Frau – aber vor allem als Mensch – vermitteln möchte, ändern sich dadurch natürlich auch nicht. Je älter sie wird, werden ihre Taten und Worte dafür sprechen, wer sie ist und welchen Platz in der Gesellschaft sie findet. Das bestimmt nicht die Farbe ihrer Kleidung.

Foto: pixabay

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