Warum mich mein fast ganz normales Baby 24 Stunden braucht. #highneedbaby

#highneedbaby #mamaberlin

Alle Mamas kennen das. Auch wenn es nicht alle zugeben, aber ALLE kennen das. Das Kind will nicht so, wie man es will. Und das nicht mal nur kurz, für einen Moment, nach einem langen Schultag, weil der Schuh drückt oder weil es einfach müde ist oder aus irgendeinem anderen plausiblen Grund, sondern einfach so. Und dauerhaft. Und lang. Und ohne, dass man irgendwas dagegen tun könnte …

Da folgen dann endlose oder immer wiederkehrende Schreiattacken, Jaulkonzerte, Mauligkeiten, manchmal auch Tritte und Schläge und Bisse. Ich hatte auch gerade wieder so eine Phase, denn für meinen Sohn begann die Schule und IN der Schule war alles top – aber danach … Meine Damen, ich kann Euch sagen … es war ein 14-tägiger Gefühls-Marathon, bei dem ich zwischen großer Sorge, Was-habe-ich-nur-falsch-gemacht-?, am-Ende-mit-den-Nerven-Sein und Ich-hab-kein-Bock-mehr-!, Jetzt-reicht-es-wirklich und Das-macht-der-doch-mit-Absicht-!!!!! hin-und-her schwankte.

Bis dann plötzlich – von einem Tag auf dem anderen – alles wieder normal war und mein kleiner Mann sagte: „Mama, tut mir leid. Es war alles so aufregend für mich.“ Wie kann man da noch böse sein?

Auf MAMA BERLIN geht Autorin Christina dem Phänomen nach, warum gerade wir MAMAs uns in solchen Situationen doch immer erst den Schuldschein ausstellen und warum das aber auch eine große Stärke von uns ist …

Ein toller Text, der hier den speziellen (und noch ziemlich unbekannten) Fall der sogenannten #highneedbabys beleuchtet und darstellt und eine zentrale Aussage hat, die allgemeingültig ist: Denn, wenn unsere Kinder nicht so „ticken“ wie wir uns das idealerweise wünschen würden, dann geht es nicht um Schuldfragen und Ursachen, sondern um die Akzeptanz, dass die Dinge manchmal eben so sind, wie sie sind. Und wir sollten unsere Urvertrauen aktivieren: Es wird schon gut ausgehen!

Christina: Warum mich mein fast ganz normales Baby 24 Stunden braucht. #highneedbaby

Gut vorbereitet? Na, klar!

Ich bin realistisch. Manche nennen es pessimistisch. Jedenfalls war ich gut vorbereitet auf den neuen Status, Mutter zu sein. Ich stellte mich darauf ein, dass Babys morgens zu einer Uhrzeit aufwachen, die mein Biorhythmus bisher zur Tiefschlafphase rechnete. Den regelmäßigen Kontakt zu meinen kinderlosen Freunden sah ich innerlich bereits passé. Das nächste Mal Yoga, Konzert, Mädelswochenende, Fernreise würde in weite Ferne rücken. Abends spontan nett essen gehen, kreativ arbeiten sowieso.

Folglich wusste ich auch: dass es #Schreibabys gibt; dass kaum ein Kind in meinem Freundeskreis im ersten Jahr im eigenen Bettchen geschlafen hatte (geschweige denn durchgeschlafen); dass die Partnerschaft diversen Bewährungsproben unterzogen wird, wenn z.B. die Erlebenswelten und entsprechenden Gesprächsthemen plötzlich zwischen der Konsistenz des Windelinhalts (Mama) und Aktienhandel (Papa) auseinanderklaffen; dass er und ich uns „das“ nicht 50/50 teilen werden (auch wenn die Damen von der Leyen und Schwesig und ich das vielleicht gerne so hätten). Und dass zwischen dem Ideal des modernen Vaters mit seinen guten Vorsätzen in der Schwangerschaft und der Nachentbindungs-Realität möglicherweise doch 30 Jahre eben doch nicht angekommener Feminismus liegen …

… ja. Ich war also auf alles eingestellt. Realistisch eben. Dachte ich …

Erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt …

Was dann bei uns einzog, war eine zuckersüße Tochter, die zwölf Tage lang höchstens mal gegrummelt hat. Bis an Tag 13 das Schreien begann. Das sich nur durch Stillen unterbrechen ließ. Alleine einschlafen – also ohne Hilfe von außen wie Brust, ruckelnder Kinderwagen, Spaziergang in der Trage etc. – konnte sie leider nicht. Nie. Bis heute nicht. Den beruhigenden Schnuller lehnte sie empört ab. Gab ja Brust.

Sie ließ sich auch nicht ablegen, ohne ein unerträgliches Schreien anzustimmen. Und auch heute, nach weit über einem Jahr, gibt es noch Tage, an denen sie schier ausrastet, wenn ich sie auf dem Boden absetze. Ich habe also viel Geld für Gerätschaften ausgegeben, die gehalten-und-bewegt-werden simulieren, um wenigstens kurze Momente der Freiheit zur Erledigung elementarster Dinge (z.B. sich anziehen) zu erlangen. Erfolglos.

Während des stundenlangen Stillens habe ich sehr viel über Schreibabys gelesen. Fast nichts, was ich an Ratschlägen fand, ließ sich auf mein Baby übertragen. Wenn ich zur Beruhigung ihren Rücken streichelte, schlug sie meinen Arm weg und schrie lauter. Einschlaf-Apps (der berühmte Fön) machten mich nervös und hatten auf das Baby gar keine Wirkung.

An Tag 13 begann das Schreien, dass sich nur durch stundenlanges Stillen aufhalten ließ

Autofahren war eine ernsthafte Gefahr, weil kein Mensch am Steuer konzentriert bleiben kann, wenn ein Baby über lange, lange Zeit scheinbar um sein Leben schreit. (Hatten mir nicht so viele Eltern erzählt, dass sie ihr Baby zum Einschlafen einfach um den Block fahren?). Feste Tagesstruktur war nicht möglich, weil sie oft schon schreiend aufwachte und sich dann alles nur darum drehte, das Schreien zu beenden.

Für drei Minuten oder so. Kleine, wertvolle Auszeiten. Bei dem immer wiederkehrenden Tipp, Rituale einzuführen, muss ich heute noch schmunzeln. Die funktionieren gut. Bei anderen Babys. Die Klassiker der Babyratgeber-Literatur schienen über eine fremde Spezies zu berichten, und das abgeklärte „War bei uns genauso“ von anderen Eltern machte mich aggressiv. So ein Quatsch. Wenn es sich herumspräche, dass tatsächlich alle Babys so sind, wäre die Menschheit bald ausgestorben.

Also trug ich mein Wunschkind stundenlang in der Trage (wobei ich nie stehenbleiben und mich auch nur im Freien aufhalten durfte); ich puckte; ich stillte und stillte und stillte; ich erfand Beruhigungsmelodien, die ich in Endlosschleife sang; Papa entwickelte eine Technik, den Maxi-Cosi einarmig fast bis zum Überschlag hochzuschaukeln und wir erreichten damit wenigstens phasenweise Beruhigung.

Ich ernährte mich nur noch von Trockenobst und Keksen und kam tagelang nicht zum Zähneputzen

Ich ertappte mich regelmäßig dabei, zwei Tage lang nicht Zähne geputzt zu haben (geschweige denn duschen). Ich ernährte mich von Trockenobst und Keksen und wog nach wenigen Wochen weniger als vor der Schwangerschaft. Der von Ärzten, Osteopathen (die außer einer extremen Muskelanspannung nichts fanden, was sie beheben konnten), Büchern und Freunden wiederholte Rat, sie möglichst wenigen äußeren Reizen auszusetzen, ließ mich schließlich an meinem Bauchgefühl als Mutter zweifeln und verunsicherte mich komplett.

Denn ich hatte festgestellt, dass meine Tochter längere schreifreie Phasen hatte, wenn sie auf meinem Arm in lauten Cafés lag. Mit etwas Glück schlief sie bei Geschirrgeklapper, zischenden Espressomaschinen und dem Klangteppich von verschiedenen Unterhaltungen sogar an der Brust unter einem Tuch verdunkelt ein.

MAMA-BERLIN-HIGHNEED-BABYS

 

Dann waren die berühmten drei Monate der Schreibabyzeit vorbei. Und meine Enttäuschung und Verzweiflung hätte nicht größer sein können. Denn das überall beschriebene Phänomen, dass Schreibabys quasi über Nacht zu halbwegs entspannten, „normalen“ Babys werden, blieb aus.

Ich musste mich daran gewöhnen, dass mein Baby nachts alle 20 Minuten schreiend aufwachte

Ich hatte das Gefühl, dass sie an jenem Stichtag noch mehr geschrien hatte als zuvor. Dazu kam, dass sich das Schlafverhalten deutlich verschlechterte. Die luxuriösen Vier-Stunden-am-Stück, die sie inzwischen regelmäßig nachts geschlafen hatte, verkürzten sich wieder, bis ich mich im Alter von sieben Monaten daran gewöhnen musste, dass mein Baby nachts über mehrere Stunden alle 20 Minuten schreiend aufwachte.

Hat diesen Verzweiflungsbericht bis hierher jemand gelesen, der einen Kinderwunsch hegt oder womöglich gerade schwanger ist? Ich hoffe nicht. Denn die Situation ließ mich tatsächlich infrage stellen, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, ein Kind zu haben. Ob ich für das Muttersein vielleicht einfach nicht gemacht sei?

Ich fühlte mich als Versagerin

Ich suchte nach medizinischen und psychologischen Erklärungen: Die sogenannte überstürzte Geburt? Die Beckenendlage? Der Stress im Job während der Schwangerschaft? Hauptsächlich suchte ich Fehler bei mir und fühlte mich immer mehr als Versagerin, je mehr nicht funktionierende Ratschläge ich aus Büchern, Zeitschriften und Foren aufnahm.

Dazu kamen die Bemerkungen aus der eigenen Elterngeneration, die darauf abzielten, dass man ein Baby nach wenigen Monaten vielleicht doch schon zu sehr verwöhnt haben könnte … Wer ist denn bitte „man“? Ah, die Mama. Also ich. Alles falsch gemacht vom ersten Tag an.

Ich stieß auf den Begriff „High-Need-Baby“

Das erste Mal, dass ich sie auf dem Boden ablegen konnte, ohne dass sie nach 10 Sekunden furchtbar schrie, war, als sie sich nach fünf Monaten plötzlich drehen konnte. Ich machte ein Foto nach dem anderen, wie sie da auf dem Küchenläufer lag (Babydecke war mangels Nutzung irgendwo ganz hinten im Schrank). Ich konnte mein Glück kaum fassen. Das erste Mal, dass ich den Raum verlassen durfte, war, als sie mir hinterherrobben konnte. Mit zunehmender Mobilität und Artikulationsfähigkeit wurde unser Zusammenleben ein klein wenig einfacher. Was nichts daran änderte, dass auch ein artikulierter Wunsch genauso binnen weniger Sekunden erfüllt sein musste wie zuvor die teils schwer entschlüsselbaren Babysignale – sonst wieder langes, lautes Schreien.

Kurz vor ihrem ersten Geburtstag wachte ich einmal nach einer Nacht mit zehn oder zwölf Unterbrechungen auf und dachte: „Eigentlich ist doch das nervenzehrende Schreien und das Nicht-eine-Sekunde-ohne-Mama-Kontakt-sein-können“ inzwischen viel weniger geworden. So langsam macht das Mama-Sein Spaß.“ Genau an jenem Tag sprachen mich Eltern aus dem Nachbarhaus an: „Warum schreit die Kleine eigentlich immer noch so viel? Wart ihr mal beim Arzt?“

Das zurückliegende Jahr hatte mich scheinbar abgehärtet. Vielleicht hatte ich auch eine Art Filter entwickelt, der mich ignorieren ließ, dass sie immer noch bei nahezu jedem Windelwechsel sowie An- und Ausziehen so hysterisch schrie, dass ich automatisch vorher die Fenster schloss.

„Da gibt es nichts  zum Rumdoktern, die ist so“

Ungefähr zu dieser Zeit stieß ich auf den Begriff „High-Need Baby“. Eine Art Erleuchtung für mich. Tagelang verschlang ich, was ich zu diesem Thema fand und konnte kaum über etwas anderes sprechen. Ich klickte mich durch die Website des amerikanischen Kinderarztes Dr. William Sears, dessen viertes von acht Kindern offensichtlich so viel anspruchsvoller war als seine Geschwister, dass er plötzlich verstand, wovon Eltern ähnlicher Babys in seiner Praxis verzweifelt berichtet hatten.

Die zwölf typischen Merkmale, die er zur Beschreibung dieser „24-Stunden-Babys“ zusammengestellt hat, charakterisieren recht detailliert mein Kind. Jaaa, man braucht etwas Zeit und Ruhe, um seinen Artikel ganz zu lesen. Und genau das hat die High-Need-Baby-Mama natürlich nicht. Deshalb gleich zur Schlussfolgerung: „Once we regarded her (Anm.: seine high-need Tochter) not as a behavior problem to be fixed but a personality to be nurtured, living with her became easier.“ Die „Diagnose“ einer erfahrenen Baby-Osteopathin, die ich nach fünf Monaten besucht hatte, kam mir wieder in den Sinn: „Da gibt’s für mich nichts zum Rumdoktern. Die ist so.“

Nicht für alle betroffenen Eltern ist diese Kategorisierung das richtige. Manche sind (verständlicherweise) enttäuscht davon, dass sie kein Patentrezept erhalten, wie sie möglichst sofort ihren unvorstellbar belastenden Alltag verändern können. Noch schlimmer: die Aussicht, dass sich die ausgesprochen hohen Bedürfnisse und das entsprechende Verhalten nicht im Laufe des Babyjahres in Wohlgefallen auflösen werden, sondern die Familie durch das Kleinkindalter und möglicherweise darüber hinaus begleiten werden (in welcher Intensität auch immer).

Ich bin nicht schuld

Für manche Frauen, die nicht selbst ein solches Kind haben, liegt der Reflex nahe, auf das Konzept mit Besserwisserei und impliziten Vorwürfen zu reagieren (wovon die High-Need-Baby-Mamas in ihrem Umfeld bereits genug mitbekommen haben, glaubt mir): „Jedes Baby hat doch hohe Bedürfnisse und muss 24 Stunden versorgt werden.“ „Wie kann man so lieblos über sein hilfloses Baby sprechen?“ „Das weiß man doch vorher, dass Babys auch schreien; dann hätte man eben keines kriegen sollen.“ „Typisch für unsere Gesellschaft, dass man gleich ’ne Diagnose braucht, sobald ein Mensch nicht nach Plan funktioniert.“ Mama-Foren werden schnell zu Schlangengruben.

Inzwischen lebe ich entspannter und sehr viel glücklicher mit meiner Tochter. Weil sich ihr Schrei- und Schlafverhalten nach und nach zum Besseren verändern. Und weil ich nun ein Wort habe für das, was sich monatelang nur schwer aushalten ließ. Mir tat es gut, aus der Feder eines Kinderarztes zu lesen, dass es solche Babys gibt; dass sie anders sind als die meisten Babys; dass ich an dieser anstrengenden Andersartigkeit nicht schuld bin; aber auch, dass das kleine Fräulein voraussichtlich niemals so „normal“ im Handling sein wird, wie fast alle ihre Freunde. Ich bin eben gern realistisch. Und gut vorbereitet.

Foto: Pixabay

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