Das beste Mittel gegen Hass ist der Verstand und die Selbstliebe

Hasse nicht

Die Versuchung war am Ende der Ferien groß. Der Vater wollte das Kind nicht wie vereinbart bringen. Wann der Kleine wieder zu mir kommen sollte, ließ er offen, nannte immer wieder andere Termine – nachvollziehbar war das alles nicht. Ein Anruf bei meiner Anwältin, mit der Frage, was ich jetzt machen sollte, ließ sie antworten: „Ja, ja, das machen die gern, die Väter, verlängern dann einfach mal, das kennen wir alle …“ Und ich dachte mir: Ja, das kennen wir alle! Was fällt den eigentlich immer ein?!

Es sind diese gängigen, mich schon lange anödenden Machtspielchen. Doch die Einsicht half ja leider auch nicht bei der Lösung. Bei Trennungskindern ist es wichtig, dass Absprachen eingehalten werden. Wenn einer anfängt rumzumauscheln und der andere es zulässt, dann zieht das Chaos ein. Daher macht man ja die Regelungen für Doofie-Eltern, damit sich beide daran halten und es eine verlässliche Basis gibt. 

Also Besuch beim Jugendamt mit allen Emails etc. und der Bitte, doch an die Vernunft des Vaters zu appellieren. Dann noch die Polizei informiert. Jugendamt schickte höfliche Email mit der Aufforderung den Jungen zu mir zu bringen. Die beiden Polizisten erschienen mit waffenschutzsicheren Westen in meiner Wohnung, hörten sich die Umstände an, sprachen gleich von „Kindesentzug“, verhielten sich dann aber auch auf meine Bitte höflich, fuhren beim Vater vorbei, um ihn aufzufordern, den Jungen zu mir zu bringen – aber trafen ihn nicht an.

„Ich denke, da will sie jemand fertig machen“

Was folgte war ein Bericht und noch ein Anruf bei mir: „Wir haben hier noch was gefunden, der Vater hat sie ja schon mal wegen Hausfriedensbruch angezeigt, als sie bei der Übergabe des Kindes seine Wohnung betreten haben … Wissen Sie, was ich denke: Da will sie jemand wirklich fertig machen.“ Ich sagte nichts, aber ich dachte mir: ,Ja. Das will der jemand. Nicht durchgehend zum Glück, aber immer mal wieder. Aber wissen Sie was: Er schafft es nicht. Er wird es einfach nie schaffen. Denn ich lasse mich nicht in Versuchung führen. Mein Verstand wird immer stärker sein als jeglicher Hass.‘

Und siehe da: Mein Kind kam zurück, am nächsten Tag – wenn auch mit drei Tagen Verspätung. Und der Vater machte das freiwillig und sogar aus Einsicht. Wenn auch mit später. Vorher hatte ich noch eine Voice-Nachricht per SMS bekommen. Mein Sohn sprach da im Vortragston: „Hallo Mama, ich will noch drei Tage bei Papa bleiben.“ Das war nun wirklich das Letzte. Das macht man nicht, das Kind instrumentalisieren. Natürlich sagt er, was sein Vater von ihm hören möchte. Das würde bei mir andersherum genauso klappen. Und genau deswegen macht man das einfach nicht. Ein paar Tage vorher hatte das Kind noch versucht zwischen seinen Eltern zu vermitteln: „Papa, noch zweimal schlafen und dann komme ich wieder zu Mama, ja?!“ Der hatte ihm daraufhin eine schnöde Abfuhr erteilt, gesagt: „Darüber sprechen wir noch“ und aufgelegt …

Die Versuchung war groß, dass ich mich auf den Hass einlasse

Als wir abends telefonierten sagte der Kleine wieder, den gleichen Satz in der gleichen Tonlage. Daraufhin sagte ich: „Weißt Du, es ist wichtig, dass wir uns an die Tage halten, die wir abgesprochen haben. Deswegen bringt dich Papa jetzt morgen zu mir.“ Und was antwortete der Junge da ganz normal und fröhlich? „Okay, Mama, prima, ich freue mich, bis morgen.“ So viel dazu. Was ich noch gemacht habe? Den Vater aufgefordert, mir für die Herbstferien schriftlich den Übergabetermin zu bestätigen. Hat er gemacht. Das war’s dann auch.

Wie gesagt, die Versuchung war groß, dass ich mich einlasse auf den Hass. Ich müsste lügen, wenn ich hier sagen würde, dass ich in den Tagen keine schlaflose, sorgenvollen Nächte (und Tage) hatte und viele Tränen vergossen hätte … Die Versuchung war sehr groß, mit allen Mitteln gegen ihn zu fahren. Alle rechtlichen Register zu ziehen. Seinen Versuch, mich zu treffen, mich einzuschüchtern, mich zu ängstigen, mich aufzubringen, erfolgreich werden lassen.

Aber ich bin stark und klar geblieben. Das habe ich mir von Anfang an geschworen: Ich lass mich nicht vom Hass anstecken. Und bis heute habe ich das geschafft, all die ganzen Jahre, diese vielen Prozesse, die er gegen mich führte, diese unzähligen Verleumdungen, Angriffe, Lügen und falsche Beschuldigungen, seine Anzeigen und Anklagen, seine Versuche, mich gesellschaftlich auszugrenzen, mich zu demütigen, habe ich ausgehalten.

Liebt Euch, seid gut zu Euch – und hasst nicht. Sonst haben sie Euch für immer in ihrer Gewalt

Liebe sich wer kann

Ich bin ein gläubiger Mensch, wenn ich merke, dass mich der Mut verlässt, dann bete ich. Das war schon als Kind so und ich muss sagen: Der Liebe Gott und ich, wir haben inzwischen ein richtig gutes Verhältnis. Er hat mich eigentlich noch nie im Stich gelassen, manchmal dauert es ein wenig, aber am Ende bleibt er immer bei mir.

Daher werde ich das mit dem Beten auch weiter so machen. Das gibt mir tatsächlich die Kraft, stark zu bleiben. Mich wie ein Jedi-Ritter oder Zen-Mönch nicht vom Hass erfassen zu lassen und auf einen irren Kampf ohne Gewinner und mit unserem Kind als Opfer einzulassen. Denn Hass hat keine schöpferische Kraft. Hass kann nur zerstören. Nur Liebe gepaart mit Verstand kann etwas erschaffen.

Ich glaube an die Liebe, ich glaube an das Gute und ich bleibe stark, ehrlich und fair. Denn das macht mich immer noch stärker. Und ich wünsche es Euch allen auch da draußen: Lasst Euch nicht vom Hass mitreißen. Tretet für Eure Rechte ein, lasst Euch nichts gefallen, was unrecht ist. Seid gut und vorausschauend und sagt deutlich, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und vor allem liebt Euch, seid gut zu Euch – und hasst nicht. Sonst haben sie Euch für immer in ihrer Gewalt. 

 

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4 Comments

  • Oh mein Gott, was für ein Albtraum – und ganz ehrlich – ich bewundere dich für deine Stärke. Ich schaffe das nicht! Auch wenn ich diese Spielchen so nicht kenne, aber dafür andere – natürlich – zieht mich so etwas runter, ganz tief. Es trifft mich und ich werde dann ungerecht und wütend – allen gegenüber.

    • Ich denke, das ist auch ziemlich normal und vollkommen in Ordnung. Aber wenn Du es schaffst, dabei immer gut an Dich zu denken und Dir tief und fest vertraust, dann gewinnst Du unglaublich viel für Dich. Vielleicht kannst Du deine Wut in Bahnen lenken, wo Du Power brauchst und sie Dich richtig nach vorn bringt. Ich habe das nicht von heute auf morgen geschafft, aber irgendwann habe ich verstanden, dass Wut und Hass einem selbst am meisten schaden.

  • Liebe Verena,
    ich lese Deinen Blog seit einigen Monaten und finde immer wieder Hilfestellung für meine derzeitigen Probleme. Gerade den Artikel über Hass habe ich, seitdem Du ihn gepostet hast, fast täglich gelesen. Leider befinde ich mich derzeit auch im Strudel von Gerichtsprozessen, Verleumdungen, Beleidigungen usw. Wie oft habe ich gedacht: dem zahle ich es mit gleicher Münze zurück, den mach ich fertig. Dann lese ich nochmal Deinen Bericht und denke mir: nein, so will ich nicht sein. Bisher habe ich es geschafft (mal besser, mal schlechter), mich von diesem Blame-Game zu differenzieren. Ich hoffe, es bleibt so. Vielen Dank dafür!

    • Hallo Bri, ich finde das ganz toll und ich glaube, Du tust Dir und Deinem Kind damit einen großen Gefallen, wenn Du so stark bist. Am Ende gewinnt immer das Gute. Und ich danke für das Kompliment. Wir sitzen alle im selben Boot und können uns gegenseitig so gut austauschen und unterstützen. Danke DIR!

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