#goodwomen „Frau Papa“ Nina: Wie fühlt sich Frausein im Körper eines Mannes an?

Nina alias Frau Papa

Die Geschichte von Nina geht ans Herz. Nina wurde als Mann geboren, aber fühlte schon immer als Frau. Lange lebte sie eine Lebenslüge, heiratete, wurde zweifacher Vater und brach schließlich gegen alle Widerstände und Ängste das Tabu. Das Schöne: Es gab ein Happy End, ihre Frau hatte Verständnis, liebte ihren Mann auch als Frau, die Kinder sowieso und auch die Freunde, Nachbarn, Kollegen arrangierten sich in den meisten Fällen.

Nina bloggt als Frau Papa aus ihrem Alltag – und der ist trotz der Toleranz nicht immer einfach, denn immer wieder mischen sich wildfremde Menschen, so Nina, ungefragt in ihr Privatleben ein. Dabei hätten die meisten einfach ein Problem mit ihrer nicht dem Stereotypen entsprechenden Weiblichkeit.

Ihre Schilderung erinnerte mich an ein Seminar an der Uni: Damals analysierte die Dozentin, wie sehr wir Menschen uns über das Geschlecht definieren würden. Eine Definition, die eigentlich – bis auf den Geschlechtsakt – meisten ziemlich irrelevant sei. Es würde als Beleidigung empfunden, oft Empörung hervorrufen, so wies sie hin, eine Frau als Mann anzusprechen und umgekehrt.

Doch wenn wir an diesen Umstand mit Bewusstsein und Verstand herangehen, wird er albern oder auch einfach nutzlos. Sei es drum: Mit Nina führte ich ein spannendes Interview übers Frausein, denn es konterkariert unsere gängige, oft klischeebehaftete Sichtweise und wirkt sehr horizonterweiternd. Überzeugt Euch selbst!

MAMA BERLIN: Was bedeutet für Dich „Frausein“?

FRAU PAPA: Frausein bedeutet für mich frei sein. Bevor ich meine Transition und mein Coming-out hatte, musste ich jeden Tag eine Rolle leben, von der ich wusste, dass sie nicht auf mich passt. Ich wurde oft gefragt, woran ich Frausein festmache und ich kann diese Frage nur schwer beantworten. Meine Selbstwahrnehmung hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt, ich habe in kurzer Zeit verschiedene Stufen zum Alltag als Frau durchlebt (ich sag nur: pinke Phase) und bin inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ich Frausein mehr an Emotionen als an Äußerlichkeiten festmache.

Gibt es einen Unterschied zwischen Mann und Frau und wenn ja, wo liegt der?

Wenn ich diese Frage mit Ja beantworte, werden viele Leserinnen und Leser laut aufschreien, ich würde an Stereotypen hängen und daran ist durchaus etwas dran. Ich glaube, niemand will einem Stereotyp entsprechen, aber Stereotypen halten sich, weil sie teilweise einen Mittelwert der jeweiligen Gruppen abbilden. Mein Eindruck ist: Männer sind durchaus emotional, aber sie kommunizieren ihre Emotionen anders. Frauen sind durchaus logisch, aber sie wenden Logik anders an. In der Gesellschaft von Männern erlebte ich Themen als deutlich oberflächlicher, entsprechend umgaben mich im Großteil meines Lebens Frauen. Schon in der Kindheit hatte ich keinen guten Draht zu Männern, ich galt als Frauenversteher.

Normalerweise, wenn ich nach dem Unterschied zwischen Männern und Frauen gefragt werde, dann beschreibe ich einen Grillabend: Ein Mann macht Feuer, die anderen scharen sich um ihn und das Fleisch, während die Frau(en) den Tisch decken, Salat und Beilagen herrichten und am Ende alles abräumen. Natürlich gibt es Ausreißer aus den stereotypen Gruppen, aber im Groben haben wir das alle schon erlebt. Was die Ursache für dieses Verhalten ist, kann ich nicht beantworten, ich kann es lediglich beobachten.

Meine Erziehung hätte mir immer erlaubt, bei solchen Situationen nicht mit Bier in der Hand bei den Männern zu stehen. Ich habe oft Tische gedeckt und abgeräumt. Dennoch wurde ich als Mann wahrgenommen. Auch wenn ich ganze Abende nur unter Frauen verbrachte, war ich nie ganz Teil ihrer Gruppe.

Wie fühlt es sich an, über ein Geschlecht definiert zu werden, dass man selbst nicht fühlt?

Furchtbar. Zu erleben, dass komplett fremde Menschen sich in meine Identität einmischen, ob Ärzte, Gutachter oder nur der Paketbote, dass Unbeteiligte glauben, besser über mein Geschlecht bescheid zu wissen, als ich selbst, ist einfach furchtbar. Ich muss mich jeden Tag rechtfertigen und erklären. Noch schlimmer: auch meine Frau und meine Kinder trifft das. Menschen, für die mein Geschlecht eigentlich über keine Rolle spielen müsste, mischen sich in unsere Leben ein. Wir können nicht unbeschwert irgendwo hingehen, wenn wir dort Menschen treffen.

Was hat Dich zur Frau gemacht?

Das ist so eine Frage, die einer Frau, die mit der entsprechenden anerkannten Anatomie geboren wurde, nie gestellt wird. Diese Frage zeigt eigentlich sehr gut, worin der Unterschied in der Wahrnehmung einer cis Frau und einer Transfrau oftmals liegt (cis beschreibt Menschen, die sich dem zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen). Ich war immer eine Frau. Als Kind versuchte ich bereits heraus zu finden, wieso ich keine Frau sein durfte/konnte. Meine Fragen wurden, wie soll ich sagen, mit der Anatomie abgeschmettert. Was mich zur Frau machte, weiß ich nicht, es ist meine Natur. Mir fiel es immer schwer, diesen Körper zu haben. Später in der Pubertät und Sexualität stellte der Körper ein echtes Hindernis dar, denn ich kannte die Natur meiner Seele und hatte das denkbar falsche Equipment dafür.

Eine Liebe ist eine Liebe ist eine Liebe. Ninas Frau blieb ihr treu, als sie die Wahrheit erfuhr

Welche Erlebnisse waren für Dich ausschlaggebend und prägend?

Bezüglich meiner Entscheidung aus der männlichen Rolle auszubrechen, war es die Schwangerschaft meiner Frau bei unserem jüngsten Sohn. In dieser Zeit kämpfte ich mit schweren Depressionen. Als meine Gedanken nur noch um Selbstmord kreisten, sah ich abgesehen von diesem nur eine Option: Ich sprach mit meiner Frau. In einem langen Gespräch erklärte ich ihr, dass Mann sein für mich eine Rolle war, an der ich zerbrach. Nein, ich trug dabei kein Kleid, keine Strumpfhose, keine Pumps, ich war nicht geschminkt und auch sonst erfüllte ich definitiv keine Klischeevorstellungen einer Transsexuellen. Es war ein Gespräch nach einem ganz normalen Tag und es veränderte meine Welt – nicht von einem Tag zum anderen, sondern in langsamen, gemeinsamen Schritten über die kommenden Jahre. Das Erlebnis, das mich wirklich verändert hat, war dieses Gespräch mit der Frau, der ich mein tiefstes Geheimnis anvertraute und die trotzdem nicht aufhörte, mich zu lieben.

Ist es in unserer Gesellschaft leichter als Mann oder als Frau?

Leichter ist es in unserer Gesellschaft für diejenigen, die nicht aus dem in ihrem Umfeld herrschenden Rollenbild ausbrechen. Bis heute sind Diskriminierung und Ausgrenzung auf Grund von Homosexualität, Bisexualität, polyamorer Beziehungformen usw. an der Tagesordnung. Am leichtesten hat man es nach wie vor als weißer, heterosexueller, gesunder Mann aus wohlhabendem, akademischen Umfeld. Gut, ich bin weiß.

Wenn Dich jemand nicht als Frau akzeptieren kann, will – was sagst Du dem- oder derjenigen?

In solchen Situationen versuche ich, den Menschen dazu zu bringen, mir Fragen zu stellen. Mit Antworten kann man besser umgehen, als mit Belehrungen. Aber das ist nicht immer möglich. Wenn mich jemand Transe nennt, bleibe ich auch in einer belebten Fußgängerzone stehen und antworte mit einem deutlich suchenden Blich und einem lauten: „Wo?“. Wenn ich dann die erstaunten Blicke sehe, kann es durchaus sein, dass ich darüber aufkläre, dass Transe eine ausgesprochen unfreundliche, ungenaue Bezeichnung und zudem falsch ist. In anderen Situationen suche ich generell den Dialog und dabei habe ich eine gewisse mentale Hornhaut gegenüber unüberlegter Formulierungen entwickelt. Es ist hilfreich, nicht jede ungeschickte Wortwahl persönlich zu nehmen.

Danke, Nina für das Interview! Fotos: Nina

Es steht jedem frei, zu tragen, was ihm beliebt. Allen, die daran Anstoß nehmen, sei gesagt: Kümmern Sie sich doch lieber, um die wirklich wichtigen Dinge
Es steht jedem frei, zu tragen, was ihm beliebt. Allen, die daran Anstoß nehmen, sei gesagt: Kümmern Sie sich doch lieber um die wirklich wichtigen Dinge

4
More from Mamaberlin

Brauchen wir noch den Schutz der EHE?

Es ist eine der großen Grundsatzfragen in der Familienpolitik: Brauchen wir noch...
Read More

3 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.