Wie Du Deine Bürgerechte wahrnimmst – Tipps von Anna Petri-Satter

Anne Petri-Satter
copy: Susanne Schlüter

Ich bin eine große Bewunderin, von Menschen, die ihre Bürgerrechte wahrnehmen. Die sich einsetzen, für das, woran sie glauben, die emphatisch sind und Wut gegenüber Ungerechtigkeiten empfinden, diese gleichsam reflektieren und kanalisieren und die die hart erkämpften Rechte der Demokratie nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren und – im besten Fall – Dinge zum Guten wenden.

Aktuell gibt Anna Petri-Satter ein großartiges Beispiel für Einsatz im Sinne demokratischer Grundrechte ab (Ihr findet das auch toll und möchtet Euch auch einsetzen? Dann lest unten Annas persönlichen Tipps, wie es gehen kann …)!

Die Musikpädagogin aus Aachen hat mit ihrer Petition gegen die Kürzung von Hartz-IV-Sätzen von Alleinerziehenden innerhalb kürzester Zeit über 40 000 Unterschriften zusammenbekommen. Petri-Satter ist nach Berlin gefahren, hat die gesammelten Unterschriften den zuständigen Abgeordneten überreicht, Fernsehinterviews gegeben und sich den gängigen Gaga-Anfeindungen der Maskulinisten, die in jeder Alleinerziehenden pauschal den Teufel in Menschengestalt sehen, ausgesetzt, sich in die Arbeit gestürzt und Aufklärung betrieben – liked ihre Facebook-Seite, denn sie wird weitermachen …

Petri-Satter vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin mit dem SPD-Abgeordneten Markus Paschke copy: Simone Katter
Petri-Satter vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin mit dem SPD-Abgeordneten Markus Paschke
copy: Simone Katter

Einfach wird das nicht, denn paradoxerweise ist das, was als die Krönung unserer Demokratie gilt – das Parlament – leider doch wieder voll von Menschen, die oft wirken, als hätten sie bereits vergessen, was die in Deutschland noch relativ junge, aber eigentlich gute Demokratie will. Dass es dabei vor allem um die Menschen, eine gerechte, eine lebendige Gesellschaft geht – und eben NICHT darum, dem Einfluss von Lobbyisten gerecht zu werden …

Parlamentarier, die sich nicht der Demokratie verschrieben haben, sondern schon abgestumpft und abgeklärt sind, sich im Parteiengemauschel und Aufstiegsehrgeiz verrannt haben – die eigentlich so viel – unabhängig und frei in ihrer persönlichen Entscheidung und allein ihrem Gewissen unterworfen, wie das Grundgesetz es für sich eingeräumt hat – bewegen könnten – denn dafür haben wir sie ja schließlich gewählt.

Bürgerrechte wahrzunehmen ist auch ein Appell an die Entscheidungsträger: Sorgt dafür, dass wir Euch ernst nehmen! Verkommt nicht zum Mainstream-Brei, sondern pflegt und hegt und dient dem großartigen Geist des Humanismus und der Aufklärung – und dem deutschen Volke, so wie es in großen goldenen Lettern über Eurem Dienstgebäude zu lesen ist!

Ich weiß, wie es ist, pauschal verdächtigt zu werden, ein Sozialschmarotzer zu sein, obwohl Du dir nichts sehnlichster wünschst, als da raus zu kommen …

MAMA BERLIN: Anna, Du bist Mama, du bist berufstätig, aber weder in einer Partei oder politisch aktiv – dennoch hast Du eine enorme Welle ausgelöst. Wie kam es dazu? Was ist da mit Dir passiert? Anna Petri-Satter: Anlass war dieser Artikel Ende April über die geplanten Kürzungen für Alleinerziehende im Berliner Tagesspiegel. Meine erste Reaktion war: Das kann doch nicht wahr sein! Ich bin selbst alleinerziehend, ich habe selbst zwei Jahre Hartz-IV bezogen. Ich weiß, wie es ist, pauschal verdächtigt zu werden, ein Sozialschmarotzer zu sein, obwohl Du dir nichts sehnlichster wünschst, als da raus zu kommen … Dann bin ich wütend geworden. Diese Änderung ist so sinnlos und ungerecht: Ich bekomme Geld dafür abgezogen, dass mein Kind Kontakt zu dem anderen Elternteil hat? Was soll denn als nächstes kommen? Abzug, dass wir überhaupt Kinder geboren haben …???

MAMA BERLIN: Viele sind wütend, über das, was sie in der Zeitung lesen, aber die wenigsten werden auch aktiv. Was hat Dich dazu gebracht? Anna Petri-Satter: Ich wollte einfach nicht mehr bloß dasitzen und das so hinnehmen. Ich habe dann die Petition bei campact verfasst, ich war so im Flow mit meiner Wut, dass die Sache innerhalb einer Stunde online war …

MAMA BERLIN: Wie hast Du für Verbreitung gesorgt? Anna Petri-Satter: Ich habe Leute angeschrieben, Lokalpolitiker, aber auch Blogger, wie Christine Finke von Mama arbeitet und ich bekam Unterstützung von Campact. In der Kampagnenbetreuung arbeitet zufällig auch eine Alleinerziehende und ebenfalls ehemalige Hartz-IV-Empfängerin, die das Anliegen sofort verstanden hat. Sie nahm die Petition in den Newsletter auf und wir überlegten gemeinsam, wie wir die Aktion erfolgreich machen können.

Du fühlst Dich inspiriert und willst Dich auch einbringen, aber weißt noch nicht wie? Hier kommen Annas Tipps: 

  1. Du solltest total überzeugt sein, dass Du was bewegen kannst und das geht nur mit einer Sache, die Dir wirklich am Herzen liegt, damit Du nicht in den Modus verfällst: Ach, ich kann ja eh nichts erreichen. 
  2. Richte Dich darauf ein, dass es Widerstände gibt – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
  3. Mache weiter. Ich habe so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie ich nie gedacht hätte, eine kurze, erfolgreiche Aktion ist gut, aber um wirklich etwas zu verändern, musst Du sehr viel länger am Ball bleiben
  4. Glaube an Dich. Ich finde uns Alleinerziehenden überhaupt nicht schwach – ich finde uns unglaublich stark. Allein dadurch, dass wir Kinder groß ziehen, uns alleine durchboxen – und ich möchte, dass das auch anerkannt wird.
  5. Überzeugung, dass das was Du machst, richtig ist.
  6. Suche Dir Helfer. Ich kann gut schreiben, weniger gut organisieren und habe einfach Leute gefunden, die diesen Part übernehmen. Suche dir die Leute, die können, was Du selbst nicht hast. Zusammen geht es viel besser.
  7. Multiplikatoren: Ich habe gesehen, welche großartige Funktionen Social Media hat – davor war ich immer eher skeptisch im Bezug auf Facebook, aber für die Verbreitung ist es ein unglaublich gutes Medium, Du kannst große Kreise ziehen und Deine Botschaft verbreiten.
  8. Entschlossenheit und sich von Bedenken nicht überrennen lassen. Bevor ich online ging, habe ich inne gehalten und nachgedacht: ,Soll ich das jetzt wirklich machen?‘ Aber dann habe ich mir gesagt: „Wenn ich anfange, nachzudenken, dann habe ich schon verloren …“ Manchmal muss man einfach machen.
  9. Glauben an Gerechtigkeit. Ich habe diesen tiefen Wunsch nach einer gerechten Welt in mir, das treibt mich regelrecht an.
  10. Bescheidenheit, sich immer wieder sagen: Es geht nicht um dich, es geht um die Sache. Natürlich kommt auch bei mir das kleine Ego hoch, ich bin nicht frei davon, wenn ich im Fernsehen bin, dann höre ich natürlich auch gerne: „Ach, dass hast du aber gut gesagt …!“ Aber das muss man in Schach halten, vor allem, wenn man in Konflikte gerät oder merkt, dass man gerade gar keinen Bock mehr hat, weiterzumachen, dann muss man langfristig denken können …
  11. Dickes Fell: Ich muss mich mit zwei Jobs durchboxen, weil keiner der beiden genug Geld zum Leben bringt, ich werde – wie alle unverheirateten Eltern – durch steuerlichen Nachteile diskriminiert. Ständig habe ich mit Vorurteilen zu kämpfen – das nervt, das zerrt an mir, aber ich lass mich nicht unterkriegen und ich benenne die Ungerechtigkeit, das bewirkt oft kleine Wunder. 

Anna hat beschlossen: Sie gibt nicht auf. Ihr Ziel ist es, das Gesetz zu stoppen.

Unterschriften Übergabe
Anne Petri-Satter überreicht die Unterschfriften an Kerstin Griese (SPD) und Matthias BIrkwald (Die Linke)
copy: Simone Katter

Petri-Satter: „Vor dem Bundestag wurde mit von der Vorsitzenden des Ausschusses für Arbeit und Soziales, Kerstin Griese (SPD), gesagt, dass sei überhaupt keine Änderung, dass wäre schon immer so gewesen. Das ist eine komplette Lüge.“ Nächster Schritt von Petri-Satter: „Ich werde ihr meine alten Hartz-IV-Bescheide schicken, dann soll sie mir aufzeigen, wo denn da was gekürzt worden sei … Es gibt so viele, die genau das ebenso belegen können, wir ich.“

Mehr zur der geplanten Hartz-IV-Änderung bei Monitor, 2. Juni, 21.45 Uhr, im Ersten.

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