Wie kann ich mich von Wut weniger beherrschen lassen?

giraffe solo

Hanna Brodersen betreibt die Facebook-Gruppe „Gewaltfreie Kommunikation – Eltern sein“ und beantwortet bei MAMA BERLIN regelmäßig Eure ganz persönlichen Fragen. Mehr zu Hanna und Gewaltfreie Kommunikation im Interview.

Ich merke, dass ich Dinge sage, die ich nicht sagen möchte. Sie kommen aus mir heraus und im Nachhinein denke ich: Warum hast Du es gesagt? Woran liegt das? Was kann ich dagegen tun?

Das sagt Hanna: Ich nehme an, dass es sich um Worte handelt, die Sie selbst als Kind hörten? Oder die Ihren Ärger so ausdrücken, dass es mit Ihren heutigen Werten nicht übereinstimmt?

Ich stelle mir vor, dass in solchen Momenten ein alter Schmerz berührt wird – die Erinnerung an einen Moment, in dem wichtige Bedürfnisse im Mangel waren. Britta Hahn beschreibt in ihrem Buch: „Mama, warum schreist du so laut?“ anschaulich, dass die Zuordnung zu sogenannten Ursprungssituationen blitzschnell und damit unter Ausschluss der bewussten Willenskraft erfolgt.

Zudem nach einem Muster, welches ganz anders funktioniert, als unser logisches Denken: Der intuitive Teil vergleicht Farben, Formen, Gerüche und stellt abstrakte Assoziationen her. Aus diesem Grund überfallen Trauma-Opfer oftmals wieder alte Angst-Gefühle, ohne dass sie den Auslöser überhaupt bewusst wahrnehmen können.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unser Gehirn sogar den selben Atem-Rhythmus und die gleiche Körperhaltung herstellt, die in der Ursprungssituation vorgeherrscht und unser Überleben schon einmal gesichert hat. Wir spüren wieder die selben Emotionen, die uns zur aktuellen Situation oft gar nicht passend erscheinen und haben tatsächlich einen Augenblick lang nicht die Bewältigungsressourcen zur Verfügung, die wir mittlerweile durch Erfahrungen erworben haben.

Naomi Aldort sprich in ihrem Buch „Von Erziehung zur Einfühlung“ von alten Programmen, die sich wie die Fenster eines PCs vor unserem inneren Auge öffnen und verweist darauf, dass wir die Wahl haben: Die Sätze unüberprüft vorzulesen und Handlungen auszuführen, oder das „alte Geschwätz“ nicht als Wahrheit anzunehmen.

Für mich hat es sich bewährt, zwischen Auslöser und Reaktion ein Zeitfenster zu schaffen, um dann bewusst reagieren zu können. Hilfreich, um wieder im hier und jetzt anzukommen, ist das „atmen“. Ein und aus und dabei achtsam wahrnehmen, wie die Luft durch die Nase ein und durch den Mund wieder ausströmt. Diese Achtsamkeit strebt auch die gewaltfreie Kommunikation an, damit wir nicht aufgrund von Interpretationen und Bewertungen handeln. Stattdessen verbinden wir uns wieder mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen.

Die fünf Schritte im stillen Selbstgespräch, können dafür eine gute Unterstützung bieten:

1. Welche Beobachtung habe ich gemacht, die etwas in mir ausgelöst hat?

2. Welche Gedanken und Urteile löst sie in mir aus? Die Reaktionen liefern uns wertvolle Hinweise darauf, welche Bedürfnisse wir haben.

3. Was fühle ich, wenn ich diese Beobachtung gemacht habe?

4. Welche Bedürfnisse habe ich?

5. Welche Bitte könnte ich an mein Gegenüber oder mich selbst richten, damit meine Bedürfnisse erfüllt werden?

Abraten würde ich davon, dass wir uns selbst anklagen, beschuldigen und verurteilen (Gewalt gegen uns selbst). Besser ist, mich mitfühlend anzunehmen, um dieses alte Muster aufzulösen. Wenn ich annehme, dass ich gute Gründe dafür habe, auf diese Weise zu reagieren (auch wenn mir die Ursprungssituation selten bewusst ist) anstatt mich abzuwerten, tritt eine Entspannung ein. Ich kann mich selbst einfühlsam versorgen und Verbindung zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen wieder aufnehmen. Gleichzeitig kann ich in meiner Verantwortung bleiben und nach der ersten Notfallempathie für mich selbst auch wieder in Kontakt mit dem Außen gehen: Wie war das für dich, als ich gerade geschrien habe? Warst du erschrocken? Hast du dich hilflos gefühlt? Das hat nichts mit dir zu tun! Etwas Altes in mir hat sich an etwas erinnert und darauf reagiert, nicht auf Dich! Du hast nichts falsch gemacht! Wollen wir zusammen überlegen, welche Strategien für uns beide sorgen, bis ich gelernt habe, meine Wut anders zu zeigen?

Eine hilfreiche Strategie kann z.B. der Giraffenschrei sein: Ich sage, was ich fühle und brauche, ohne dass sich ein anderer beschuldigt, klein, oder beschämt fühlen braucht und sich für mein Erleben verantwortlich fühlt.

Auch der Herzschlüssel kann eine Unterstützung sein. Dabei wird eine Geste, oder ein Satz vereinbart, der uns in solchen Momenten wieder zu unserer Herzenskraft zurückführt: „Atme, Mama“, oder eine sanfte Berührung an der Schulter. Damit können unsere Kinder nicht nur zu unserem Wachstum beitragen, sondern auch gut für sich selbst sorgen, ohne sich unseren automatischen Reaktionen ausgeliefert zu empfinden. Allerdings gilt: Der Herzschlüssel muss passen. Vereinbaren wir ein Zeichen, welches nicht die Kraft hat, uns in solchen Momenten zu berühren, verlieren unsere Kinder das Vertrauen.


Info: Gewaltfreie Kommunikation ist eine vollkommen andere Art der Kommunikation, als die, die wir meist kennen und praktizieren. Denn sie stellt nicht den Ausdruck des eigenen Willens in den Fokus, sondern zunächst einmal die innere Wahrnehmung: Was sage ich das gerade? Wie mag es wohl beim anderen ankommen? Was machen meine Worte gerade mit mir? Was löst die Reaktion meines Gegenübers bei mir aus?

Der GfK geht es nicht darum, den anderen zu einem bestimmten Handeln zu bringen, sondern eine Vertrauensebene aufzubauen, um ein Miteinander zu kreieren. Es ist ein entschleunigter Prozess des Redens und nicht für alle und auch nicht immer angebracht, birgt im Ganzen aber vor allem in ausweglosen Konflikten durchaus Potential.

Symbolbild der GfK ist die Giraffe: Ihr langer Hals symbolisiert den Überblick. Ihr großes Herz steht für Mitgefühl.

Wer mehr zu dem Thema wissen möchte, kann hier ein Interview mit dem Begründer Marshall B. Rosenberg (1934 bis 2015) lesen.

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