Mama, Papa, hört mir zu! Gebt den Kindern das Kommando!

copy: Screenshot by MAMA BERLIN

 

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, kamen mir die Tränen. Das kleine Mädchen spricht mir einfach aus der Seele.

In dem kurzen Filmchen gibt die 6-jährige Tiana ihrem Wunsch Ausdruck und bringt zur Sprache, was sie sich von ihren Eltern, die sich gerade getrennt haben, wünscht. Ihre Mutter, die sie filmt, ist ergriffen.

„Ich möchte, dass alle Freunde sind. Und wenn ich nett sein kann, dann denke ich, können alle von uns nett sein. Ich versuche nicht, gemein zu sein. Ich versuche mein Bestes aus meinem Herzen heraus. Nichts sonst. Ich möchte, dass Du, Mama, mein Dad und alle von uns, Freunde sind …“

Es könnte alles so einfach sein, wenn der Verstand immer siegen würde. Wenn alle Menschen in der Lage wären, sich ausreichend zu reflektieren. Aus sich herauszugehen und sich selbst von außen betrachten würden und nicht nur sich, die ganze Situation. Wenn die Menschen immer empathisch wären. Verantwortungsvoll. Rücksichtsvoll. 

Leider wird aufgeklärtes Verhalten den Menschen zu wenig beigebracht, zu wenig eingefordert. Es gab mal eine Zeit des Lichts, Immanuel Kant, der große Philosoph aus Königsberg schrieb die Worte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Wir müssen ehrlicher mit uns werden

Unmündig nannte er die Menschen. Und sagte zugleich: Daran seid ihr selbst Schuld. Denn wenn ihr euch nicht wehrt, dann akzeptiert ihr diesen Zustand. Und er gab den Weg vor, wie sich der Mensch daraus befreien kann: durch Aufklärung! Also dem Bewusstsein über das, was passiert, abgeht. Über Machtstrukturen und ihre Folgen und die Zusammenhänge zu wissen, sie zu ergründen, Lügen und Manipulation zu durchschauen – und sich davon zu befreien.

Kant setzte einen hohen Standard: Er verlangte dem Menschen ab, wach zu sein und anspruchsvoll, nicht müde zu werden, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Denn wenn man weiß, was einen geprägt hat und weiterhin prägt, dann weiß man auch, warum man ist, wie man ist und ist in der Lage, dort heraus zu treten, um einen besseren Weg, aber vor allem einen selbstbestimmten Weg einzugehen. Verantwortungsvoll zu handeln.

Die kleine Tiana appelliert wie Kant an den gesunden Menschenverstand ihrer Eltern: Vertragt Euch, kommt runter. Seid nicht gemein, versucht, gute Menschen zu sein.  

Das intelligente kleine Mädchen beeindruckt durch ihre ehrlichen, liebevollen, verantwortungsvollen Worte. Es wird manche geben, die das merkwürdig finden, die denken, das sei zu viel für ein kleines Mädchen. Ich gehöre nicht dazu.

Wir müssen die Kinderrechte viel mehr stärken

Ich bin eine große Verfechterin, Kinderrechte viel mehr zu stärken. Ich finde, unsere Kinder treten fast überall in der Welt viel zu wenig in Erscheinung. Sie werden zu wenig gehört, zu wenig gesehen, zu wenig beachtet.

Stattdessen werden ihnen in einer Tour mit dem größten Selbstverständnis grundlegende Rechte aberkannt, sie haben zu funktionieren, zu gehorchen und sich unterzuordnen.

Viel zu oft werden Kinder auch in Wohlstandsgesellschaften nicht ernst genommen, werden regelrecht für dumm verkauft, klein gemacht, auf dämliche Art und Weise verniedlicht, bewusst ignoriert und in Abhängigkeit gehalten. Ein großer Fehler und ein arrogantes Verhalten von uns Erwachsenen, meist von Menschen ausgeübt, die sonst nicht viel Macht besitzen.

Du musst kein Psychologe sein, um zu wissen, dass Kinderseelen noch den Vorteil haben, unverletzt und stark zu sein, sie schauen auf die Welt ohne Berechnung. Sie glauben noch an das Gute. Sie sind weder verstellt noch desillusioniert oder resigniert.

Wir sollten dazu beitragen, dass unsere Kinder mehr gehört werden. Dazu müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich gut ausdrücken können. Deswegen sollten wir viel mit ihnen reden und ihnen zuhören.

Aber ich habe das Gefühl, viele Menschen wollen es gar nicht – sie haben Angst vor ihren eigenen Kinder und den „Schwächen“, denen diese ihnen aufzeigen würden. Denn das ist, was sie selbst von ihren Eltern abverlangt bekommen haben. Sie sollten „gut“ funktionieren.

Es ist vielleicht auch die verbreitetet „Geman Angst“, die uns abhält, sich mit uns selbst zu beschäftigen, uns anzunehmen, so wie wir sind. Ganz individuell. Wir hängen lieber an den Normenbildern anderer und versuchen uns dort hineinzuzwängen, als authentisch zu sein.

 

Daher wäre der erste Schritt, zu lernen, nicht vor den eigenen Schwächen davon zu laufen, sondern sich ihnen zu stellen und in der Auseinandersetzung mit ihnen zu wachsen. Erst dann können wir uns selbst wirklich annehmen, lieben und erst dann können wir auch andere wirklich lieben.

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