Sind die denn auch WIRKLICH alle ALLEINerziehend???

MAMA BERLIN mit Sohn im Urlaub
copy: Verena Schulemann

Immer wieder wird der Begriff „alleinerziehend“ in Frage gestellt. Aktuell z.B. wieder von der eher konservative Ideen vertretende Sabine Menkens von Welt.de unter der Überschrift „gemeinsam allein“. 

Menkens räumt nicht mit sämtlichen Begriffen auf, die aus ihrer Sicht nicht mehr zeitgemäß seien könnten, sondern eben nur mit dem Wort „alleinerziehend“. Sie könnte auch die „Ehe“ hinterfragen, die bei vielen Paaren, nur noch auf dem Papier besteht, damit steuerliche Vorteile genutzt werden können, was sicher nicht im Sinne des Erfinders ist, aber sie henkt sich eben am alleinerziehend auf und fragt, leider ist da nicht die einzige, sind die denn wirklich ALLEINerziehend?

Denn da sind ja noch Kita, Großeltern, neue Partnern und natürlich der Ex, der Pastor, die Nachbarn … Also, nur, das wäre jetzt Logik nach Sprachpolizistin Menkens, wenn die alle tatsächlich nicht da wären, dann dürfte ich z.B. sagen: ich bin alleinerziehend! 

Oder auch anders zusammengefasst: Wenn ich mich gut organisiere, dann bin ich nicht mehr alleinerziehend. Dann ist alles im Butter. Ja, kann man so sehen. Dann könnte man aber auch einer verheirateten Mutter oder verheiratetem Vater, die dieselbe Unterstützung in Anspruch nehmen und die sagen: WIR sind die Eltern und kümmern uns um unsere Kinder! Als Lügner abstrafen, denn das tun die ja gar nicht, das tun ja ganz viele andere.

Menkens kommt dann mit Vorschlägen: getrennt erziehend, z.B. Ja, okay, denke ich.

Auch da könnt man bei allen Eltern ansetzen: Das traditionelle Elternpaar darf dann nicht mehr sagen: WIR erziehen unsere Kinder GEMEINSAM, denn das stimmt nicht, in Wirklichkeit ist ER fast nie da, immer auf Reisen, ER gibt nur die Finanzen und den Samen – SIE erzieht die vier Kinder (bzw. die Schule, Oma und Opa (s.o.)).

Oder die berufstätige Mutter mit Nanny, die ihre Kinder morgens zwischen 7 und 8 und abends zwischen 19 und 20 Uhr sieht, darf dann auch nicht mehr sagen, dass SIE erziehe (denn das stimmt ja gar nicht, machen ja andere, könnt man jetzt glatt den Kinderfreibetrag in Frage stellen (natürlich NICHT!)). Doch das hinterfragt Menkens nicht. Nee, hier müssen jetzt einfach mal wieder die Alleinerziehenden herhalten.

Die Frage, die sich mir daher aufdrängt: Was verfolgt die gute Frau damit, dass sie immer alleinerziehende Mütter so angestrengt suchend attackiert?

Warum lässt sie raushängen, das die zugegebener Maßen äußerst heterogenen Masse der 1,6 bis 2,1 Millionen „Alleinerziehenden“ (so genau weiß das ja keiner, weil es keine zuverlässigen Meldungen gibt) quasi eine Gruppe sei, die vorgibt etwas zu sein, dass sie aber – so impliziert Menkens – gar nicht ist?

Und, das ist dann die zweite Frage, denkt die Autorin, „alleinerziehend“ wäre etwas, mit dem wir uns schmücken? So nach dem Motto: „Schaut her, ich bin alleinerziehend! Mitleid dieser Welt auf mich!“ Und Menkens jetzt voll exklusiv entlarvt: Hah! Sind die jarnüscht! Die sind „getrennt erziehend“! Echt?! Krass!!!

Prima, Frau Kollegin, damit ist dann mit einem Wisch die Kritik an ungerechter Besteuerung unverheirateter und getrennter Eltern, dem Ehegattensplitting und der Bevormundung durch Familiengerichte und Jugendämter vom Tisch. 

Dabei nennt Menkens in ihrem Artikel selbst die Zahlen, in dem sich sich auf das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München und dessen Studie „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ bezieht, die konterkarieren, was sie anfänglich in Frage stellt.

20 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden hätten gar keinen Kontakt zum anderen Elternteil. Knapp fünf Prozent der Eltern erziehen die Kinder mehr oder weniger paritätisch gemeinsam. Dazwischen reihen sich die vielen unterschiedliche Modelle. Doch mehr als 50 Prozent der Trennungskinder hätten mindestens einmal die Woche Kontakt zum anderen Elternteil.

Kontakt, das ist in der Regel etwas, das dem KIND zu Gute kommt. Es bedeutet nicht automatisch, dass es dem anderen Elternteil dann auch hilft. Im Gegenteil, wenn ich mich umhöre, dann ist die Meinung überwiegend: Natürlich finde ich es schön, wenn mein Kind seinen Vater/seine Mutter regelmäßig sieht, natürlich ist es wichtig, dass ein Kind beide Elternteile hat (und dann hinter vorgehaltener Hand: aber einfacher wäre es, wenn ich alles alleine organisieren könnte).

Das ist leider die Wahrheit, denn getrennt sein, aber sich dennoch ständig Kontakt halten müssen, ist in in vielen Fällen leider unglaublich nervig. Nicht alle Eltern tragen Verantwortung und es reicht in einer Elternbeziehung leider aus, wenn einer versagt, das muss in der Regel dann der andere ausbalancieren. Dass dieses Verhältnis gerade bei Trennungspaaren oft die Regel ist, liegt auf der Hand – sonst hätte man sich wahrscheinlich nicht getrennt …

Auch die freien Wochenenden, die man manchmal hat, wiegen eigentlich nicht den Stress auf, der die anderen Seiten mit sich bringt: Durch den stetigen Wechsel gestresste Kinder, um die man sich sorgt. Nervereien mit dem Ex, über seine inzwischen dritte neue Freundin, bis zu Lügen, nicht eingehaltenen Verabredungen, Geld-, Schul-, Ferienzeiten-, Umgang- und Sorgerechtsproblemen und Streitigkeiten, abgeblockte Kommunikation, Verantwortungslosigkeit, Ignoranz oder gezielte Kriegsführung gegen den andern Elternteil sind unschöne, aber leider gängige Zustände.

Allerdings: Auch in vielen Ehen hängt der Haussegen regelmäßig schief oder auch mehr, Loriots Humor begründet sich in weiten Teilen auf diesem Umstand und fand nicht zuletzt deswegen so viele Fans. Und nicht nur im Deutschen spricht man von der „Ehehölle“, dem „Familiendrama“, den „Familiengeheimnissen“ von „Mutter- oder Vaterkomplexen“.

Hinterfragen kann man natürlich alles. Sich im Kreis drehen aber auch. Vielleicht widmet sich Frau Menkens mal der Frage nach der Definition von Familie und Ehe. Wieso teilen wir in diese beiden Kategorien auf und was verstehen wir darunter – und wieso machen wir das eigentlich überhaupt?

Wir könnten ja auch Kinder bekommen und uns kümmern ohne diese Kategorien und Einteilungen. So wie es mal war, lange, lange Zeit, als es noch keine in Bedrängnisnot geratene katholische Kirche wie im 16. Jahrhundert gab, als die Ehe als heiliges Sakrament auf dem Konzil in Trient eingeführt wurde und ab da galt: Kinder nur noch verheiratet! (Toller Hintergrund zu unserer Geschichte lief bei der Süddeutschen). 

Aber vor allem: Warum wir auch heute immer noch danach leben. Oder denken, wir MÜSSTEN danach leben. Oder wir uns mal umsehen und merken, dass es aber auch schon sehr, sehr viele nicht mehr tun – und das eigentlich gut so ist. 

In den USA und England nennen sich solche Mütter „Single-Mums“ (oder auch „Single-Dads“), im übrigen mein persönlicher Lieblingsbegriff. Hier in Deutschland sind wir sprachlich träge und bedienen uns statt flotter Begriff gerne bürokratischer Umschreibungen.

Doch ob sie nun „Alleinerziehende“ heißen oder auch anders, ist ja eigentlich total egal, wenn man (oder auch frau) verstanden hätte, um was es da wirklich geht.

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1 Comment

  • So einen haarsträubenden Unfug habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Was ist so schwer daran zu verstehen, dass Kinder immer zwei Eltern haben und diese gleichermaßen brauchen, egal ob die Eltern zusammenlenen oder sich getrennt haben?
    Jörg Siegel

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