Möchten Sie, dass der Vergewaltiger Ihrer Tochter nicht bestraft wird?

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Das Sexualstrafrecht soll in Deutschland reformiert werden und ich bin froh darüber.

Doch wie immer ist es nicht das, was sich die meisten Frauen erhoffen. Und noch immer ist die Unversehrtheit eines Autos in Deutschland weitaus besser geschützt als die von Vergewaltigung- und Missbrauchsopfern.

Daher rufe ich Euch auf, sich zu engagieren und sich einzubringen. Und natürlich auch die Männer! Vor allem die Väter von Töchtern, oder um es anders zu sagen:

Möchten Sie, dass der Vergewaltiger Ihrer Tochter NICHT bestraft wird? Dann machen Sie auch am besten: Nichts!

Hier einmal kurz die Fakten: Rund 8000 polizeilich gemeldete Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung werden pro Jahr in Deutschland polizeilich gemeldet – das macht eine Tat pro Stunde. 

Doch diese Zahl ist nur die Spitze des Eisberges. In den meisten Fällen verzichten Opfer auf eine Anzeige – oder sind auf Grund von Bedrohung und Abhängigkeit, aber auch aus Scham und Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung nicht in der realen Lage dazu.

Noch ein Problem, das in der aktuellen Reform nun angegangen werden soll: Nur 8,4 Prozent der angeklagten Täter – also die Fälle, die nach Anzeige und Überprüfung durch die Staatsanwaltschaft, auch vor Gericht landen – werden verurteilt. Eine beschämend niedrige Aufklärungsquote. 

Jede Stunde wird in Deutschland eine Frau oder ein Mann vergewaltigt

Grund ist auch die sperrige Formulierung, so gewählt wurde, dass Richter die meisten Taten nicht verurteilen können, zudem bringt sie die Opfer in Beweisschuld.

Der Gesetzestext geht in diesem Fall an den natürlichen Schutzmechanismen vorbei und setzt zudem noch eine übermenschliche Stärke voraus. Vergewaltigung ist, so unser Gesetz, wenn sich die Frauen nach Leibeskräften zur Wehr gesetzt hat.

Ich weiß, man sollte Gesetze nicht vergleichen, ich mache es aber trotzdem: Es wäre ungefährt so, als würden wir Sachbeschädigung nur als Sachbeschädigung anerkennen, wenn man sich vorher schützend und unter Gefahr des eigenes Lebens vor sein Eigentum geworfen hätte und nur, wenn man nachher schwere Verletzung hat und eindeutig nachweisen kann, dass diese vom Täter stammen, würden wir Sachbeschädigung geltend machen. 

Wenn jemand mein Auto zerkratzt, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit bestraft und muss für den Schaden aufkommen. Wenn ich vergewaltigt werde in Deutschland, gibt es für mich weder Gerechtigkeit noch ein Schmerzensgeld.

Das entspricht nicht unserem Gerechtigkeitsinn und es offenbart auch unsere moralische Tabuisierung und Kategorisierung von Sex und eine prinzipielle Akzeptanz von sexueller Gewalt und Erniedrigung und der Durchsetzungsmacht von Stärkeren.

Daher meine Bitte an, die, die es alles schon mal durchgemacht haben: Sprecht offen über das, was Ihr erlebt hat, wie sich das anfühlt, warum Ihr Euch in den Momenten nicht wehren konntet, wolltet… Über die komplexen Gefühle von Angst, Schuld, Ekel, Abwehr auch der eigene Person, Unsicherheit, Naivität, Verblendung, Abhängigkeit …

Über die Angst, die lähmt. Erklärt die Umstände, damit die Formulierungen der Gesetze in Zukunft so gewählt sind, dass sie die Taten erfassen und zu ihrer Aufklärung führen.

Zum Glück macht sich von allen Seiten Kritik breit, es müsse ein besserer Schutz her, sind sich alle engagierten Frauen einig und fordern die Nachbesserung. 

Doch wie immer offenbart die Debatte auch wieder so viel reaktionären Gehabe auf Seiten der Männer und einiger arroganter Juristen ein dümmlich bis überheblich daherkommenden Desinteresse von Frauen, die Paradebeispiele in Victim Blaming abgeben, meist, um sich nicht mit der sexuellen Abhängigkeit und Unterwürfigkeit ihrer selbst konfrontieren zu müssen.

Bitterer Beigeschmack: Ausgerechnet den Flüchtlingen haben wie die Reform des Sexualstrafrechtes zu verdanken

Doch immerhin gibt es nun ein bisschen Bewegung, auch wenn wir diese Entwicklung laut Justizministerium unter der Leitung des eher zurückhaltend agierenden Minister Maas nun einer Handvoll fehlgesteuerten Flüchtlingen zu verdanken haben (ich hätte mir einen weniger emotional aufgeladenen Anlass gewünscht, selbst Kachelmann wäre mir lieber gewesen). Aber auch das ist Politik, Deutschland, 2016. 

Im Verständnis von Deutschland-Durchschnitssfrau sind jetzt in erster Linie die Flüchtlinge und Ausländer eine Gefahr. Und die Deutschland-Durchschnittsmänner sehen das genauso! Schneller kann man sich nicht aus der Affäre ziehen. Doch die meisten Täter sind weiße Männer. 

Auch praktisch: Zwangsprostitution, Zuhälterei und Prostitution bleibt für die davon Gebrauch machenden Männer weiter nicht strafbar. Dafür können aber Prostituierte weiterhin bestraft werden, wenn sie ihrem Gewerbe nachgehen.

Auf Abtreibung, der berühmte § 218, ist bis heute strafbar und wird mit Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren belegt. Zum Vergleich: Auf Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, §177, stehen mindestens ein Jahr, in besonders schweren Fällen mindestens zwei Jahre Gefängnisstrafe.

Diese archaischen Kräfte wirken stark, diese Kräfte, die einen Menschen zum Feind eines anderen Menschen werden lassen.

Es gibt viele, die das kritisieren und mahnen. Ich denke eine menschliche Weiterentwicklung aus diesem zurückgebliebenem Stadium führt nur über Bildung, Charakterreife und seelische Stärke.

Und eins muss auch und Frauen klar sein: Es gibt nicht nur homosexuelle Männer, die Opfer von Vergewaltigung werden. Es ist kein Frauenproblem. Es gibt auch viele aggressiv sexuelle Frauen, die sich Männern aufdrängen, obwohl nicht nur deren Körpersprache deutliche Ablehnung signalisiert, die sie ignorieren … Auch er kann sich in Abhängigkeit fühlen. Und natürlich NATÜRLICH! ist das genauso wenig in Ordnung.

Und noch eins: In diesen die Grenzen meines Gegenüber überschreitenden Momenten geht es nicht um Sex, es geht um Macht!

Vor allem sollten per se die Aussagen der Opfer nicht zweifelnd sondern interessiert angenommen werden – erst dann kann man die entscheidenen Momente, die zu einer Überführung von Tätern in der Regel notwenig sind, vor allem wenn es keine Zeugen gibt, herausarbeiten.

Diese prinzipielle Einstellung könnte in den polizeilichen und juristischen Apperaten sofort veranlasst werden. Und wir alle sollten sie ebenfalls annehmen. Das würde schon viel bringen.

Wir brauchen prinzipiell eine auf die Würde des Menschen ausgerichtete, eine starke, auch nach außen gelebte Haltung, was falsch und was richtig ist.

Daher bei aller Notwendigkeit der theoretischen Grundlage: Meines Erachtens muss vor allem auch an der juristischen Praxis und dem gesellschaftlichen Verständnis und der Achtung von Menschenrechten deutlich nachgebessert werden. 

Hier fehlt es noch an Rolemodels mit einer deutlichen Sprache, so jemanden wie die grandiose, smarte TV-Richterin Toler (ich weiß, Reality-Fernsehen, ich find’s trotzdem super!):

 

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