#schweigenbrechen – Tatjanas Geschichte: Ich wurde vergewaltigt

Tatjanas Geschichte

Sexuelle und körperliche Gewalt passiert täglich. Viele Männer, auch Frauen schlagen zu oder vergewaltigen. Opfer zu werden ist furchtbar. Und die Unkenntnis, aber auch Angst, die Vorurteile und das große Bedürfnis, sich aus Selbstschutz von diesen Dingen abzuwenden, ist groß.

Doch wenn wir nicht darüber reden, können wir auch nichts verbessern. Ich ärgere mich über jede Frau, die solche Taten abtut oder herablassend oder auch desinteressiert mit den Umständen umgeht – bis sie selbst davon betroffen ist. Die Aufklärungsquote von sexuellen Delikten ist erschreckend gering. Ich habe neulich darüber berichtet und Ihr könnt die Fakten hier nachlesen.
Um so mehr unterstütze ich Frauen, die sich trauen, ihr Schweigen zu brechen. Denn die Reaktionen sind nicht immer verständnisvoll.

Nachdem ich meine eigenen Geschichte zum Thema häusliche Gewalt erzählt habe, hat mir Tatjana (Name und auch sonstige, unwesentliche Details zu ihrer Person geändert) eine E-Mail geschrieben. Hier erzählt sie Ihre Geschichte.

Tatjanas Geschichte

„Ich selber hatte vor einigen Jahren auch etwas Schreckliches erlebt und obwohl auch ich sofort die Polizei rief, wurde absolut nichts unternommen und man wollte mir nicht glauben. Damals lief der Prozess gegen Jörg Kachelmann.

Ich war damals ganz frisch mit meinem damaligen Freund zusammen, der zu jenem Zeitpunkt für einige Monate nach Korea gereist war, um dort zu studieren. Einige Tage nachdem ich meinen Freund am Flughafen verabschiedet hatte, besuchte ich meine Cousine. Wir wollten den 5. Geburtstag ihrer Tochter feiern, meinem Patenkind. Normalerweise übernachtete ich ohne Probleme bei meiner Cousine. Sie kam aus Russland nach Deutschland, ist hier in Deutschland alleine und meine Eltern, mein Bruder und ich haben meine Cousine und ihren Mann so gut es ging unterstützt und waren immer für sie da. Allerdings war ihr Mann nicht gerade der Traum aller Frauen. Er trank, wurde oft aggressiv, auch meiner Cousine gegenüber, erniedrigte sie oft und betrog sie immer wieder.

Es geschah vor der Haustür meiner Cousine

An jenem Abend an dem wir den Geburtstag feierten, wollte ich eigentlich nicht bei ihr bleiben, aber dann war der Abend einfach so lustig und schön gewesen. Ich wollte mehr Zeit mit meiner Cousine und ihrer Familie verbringen. Also ließ ich mich überreden, zu bleiben und wir tranken noch etwas Wein. Dann wollten wir ins Bett gehen. Normalerweise schlafe ich immer mit ihren zwei Töchtern im Kinderzimmer. An diesem Tag hatte mir meine Cousine allerdings die Couch bezogen und bestand darauf die Couch auszuziehen damit ich es gemütlicher habe.

Immer wenn ich bei ihr übernachtet habe, haben wir vor dem Zubettgehen gemeinsam aufgeräumtund uns dabei über alles mögliche unterhalten. Wir machten es uns auf dem Balkon gemütlich und rauchten. In unserer Familie gilt es als nicht besonders anständig, wenn Frauen rauchten, also machten wir es heimlich. Aber wenn ich mit meiner Cousine alleine war, mussten wir uns nicht verstecken.

Ihr Mann zog mich ins Gebüsch und vergewaltigte mich

Doch an diesem Abend zog sich meine Cousine zurück. Ich blieb mit ihrem Mann noch am Tisch sitzen. Auch wir wollten auf dem Balkon rauchen, aber es waren keine Zigaretten da. Direkt an der Straße gegenüber ist eine Tankstelle, also entschieden wir uns, mal kurz rüber zu laufen. Das war ein großer Fehler von mir gewesen.

Ihr Mann hatte schon seit Langem einen Plan und nutzte die Situation aus. Wir gingen zur Tankstelle, holten die Zigaretten. Auf dem Weg nach Hause zerrte er mich in ein Gebüsch und vergewaltigte mich. Ich versuchte mich zwar zu wehren, aber da er größer und stärker ist als ich, konnte ich nicht gegen ihn ankommen, außerdem drohte er mir. Nachdem alles vorbei war, lockte ich ihn unter dem Vorwand, dass ich dringend auf Toilette muss, wieder zur Tankstelle. Auf dem Weg dahin drohte er mir dass ich niemandem etwas sagen darf, sonst wird es für mich noch schlimmer enden.

Bei der Tankstelle angekommen bat ich die Kassiererin, mir den Toilettenschlüssel zu geben, die Toiletten befinden sich hinter der Tankstelle. Als ich draußen war, bat ich die Kassiererin durch das Fenster die Polizei zu rufen und sagte ihr, was passiert war. Während wir auf die Polizei warteten, hatte ich mich in der Toilette eingeschlossen.
Die ganze Zeit über weinte ich. In diesem Moment wurde ich schon teilweise hysterisch und begriff gar nicht mehr, was passiert war. Erst später erfuhr ich in welchem schrecklichen Zustand ich tatsächlich war.

Weil ich keine blauen Flecken hatte, hieß es, es sei keine Vergewaltigung

Der Vorfall wurde von der Polizei aufgenommen. Die Polizistin, die mich befragte, wollte mir nicht wirklich glauben, obwohl die Kassiererin und die zwei anderen Polizisten die an der Tankstelle erschienen in ihrer Aussage deutlich sagten, dass ich in einem schrecklichen Zustand war.

Ich hatte auch einen Anwalt eingeschaltet, doch meine Anzeige wurde fallengelassen mit der Begründung, dass es keine Beweise für eine Vergewaltigung gab. Meine Anwalt sagte mir später, wenn man keine blauen Flecken oder sonstige Verletzungen hat, dann war es ein Geschlechtsverkehr, der von beiden Seiten gewollt war. Ohne diese Beweise war es keine Vergewaltigung. Es bestehe der Verdacht, ich wollte mich einfach nur am Mann meiner Cousine rächen.

Ein ganzes Jahr lang kämpfte ich darum, gehört zu werden, damit dieser Mann für seine Taten bestraft, wenigsten angeklagt wird. Leider schenkte mir niemand Gehör oder nahm mich ernst.

Ich musste zur Gesprächstherapie, konnte einige Monate nicht richtig schlafen. In großen Menschenmengen bekam ich Panickattacken und ging eine Zeitlang gar nicht mehr aus. Von meiner Cousine und ihrer Familie wurde ich als Lügnerin dargestellt, als eine, die es auf ihren Mann abgesehen hat und die Familie zerstören wollte. Es war eine sehr schlimme Zeit. Mit der Zeit lernte ich damit umzugehen und alles zu verdrängen.

Ich bin von unserem Rechtssystem enttäuscht

Heute weiß ich, das es absolut keinen Sinn macht, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu erstatten. So schrecklich es auch klingen mag, aber ich würde nie wieder zur Polizei gehen … Von unserem Rechtssystem bin ich sehr enttäuscht. Als Frau wird man völlig im Stich gelassen, niemand glaubt einem und niemand hilft. Man ist völlig auf sich alleine gestellt.

Auch wenn ein Täter vor Gericht kommt, sind die milden Strafen oft ein Schlag ins Gesicht für die Frau. Die Opfer leiden aber ihr ganzen Leben darunter. Auch wenn hier ein Kind missbraucht oder sogar verletzt und entstellt wird, dann wird der Täter sehr milde bestraft. Es fühlt sich ungerecht an.“

0
More from Mamaberlin

„Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“

https://www.youtube.com/watch?v=PQHkP9Rb-rY Neulich in der Frauen/Männer-Runde. Ich rede so ein wenig über meinen...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.