Die Emanzipation des Privaten

Malala Yousfazai

Teresa Bücker von Edition F hat beim Freitag einen Artikel zum „State of the Art“ im Bezug auf Gleichberechtigung im Fall von Gewalttaten an Frauen in Deutschland geschrieben, den ich sehr gut finde.

Kurz die Fakts zum The: 

  • 8,4 Prozent der angezeigten Täter bei Vergewaltigung werden nicht verurteilt.
  • Noch schlechter ist die Rate bei sexuellen Missbrauch von Kindern, fast alle werden von Tätern aus dem familiären Umfeld missbraucht
  • 95 Prozent der Taten von sexueller Gewalt werden nicht angezeigt
  • Die Hälfte der gewaltsam getöteten Frauen in Deutschland wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht
  • Ein Viertel aller Frauen zwischen 16 bis 85 Jahren gaben zu, Gewalt in der Beziehung erfahren zu haben
  • Gewalttätige Männer: Ein Viertel der Männer kennt leichte körperliche Gewalt von Frauen, wie z.B. Wegschubsen, schwere körperliche Gewalt tritt so gut wie nie in Erscheinung. Dagegen ist die Gewaltrate in männlichen homosexuellen Beziehungen höher als in heterosexuellen.
  • Aggressives Verhalten wird bei männlichen Jugendlichen dreimal so häufig diagnostiziert wie bei weiblichen

Noch viel umfangreicher berichten Emma seit Jahrzehnten über das Thema … Auch immer wieder über Gerichtsverhandlungen, die die so hoch gepriesene deutsche Rechtsstaatlichkeit ad absurdum führen.

Sehr nachdenklich hat mich der Report über den Fall der 17-jährigen Kölnerin gemacht, er liegt schon ein paar Jahre zurück, die ihren Vergewaltiger, der sie bei einem Konzert hinter einem Busch neben einem Klohäuschen entjungferte, ihre Einstimmung dazu gegeben habe – so sah es der Richter. Vergewaltigung sei das nicht!

Der Hinweis der jungen Frau, sie sei nicht nur noch Jungfrau gewesen, sondern auch homosexuell und hätte kein sexuelles Interesse an Männern, half nichts. Er, der Täter, wurde auch in zweiter Instanz freigesprochen.

Ich habe es gelesen und mich gewundert. Und wollte innerlich sehr, dass da ein Fehler in der Berichterstattung sei, ein Detail, das nicht Erwähnung gefunden hatte, aber der wirkliche Grund sei, warum hier statt einer Verurteilung ein Freispruch folgte – doch auch nach weiterer Recherche, in diesem und anderen Fälle, kam ich zum Ergebnis: Es gab keinen. Kein Wunder, dass die Quote (s.o. Pkt. 1) in Deutschland bei 8,4 Prozent liegt.

Männer machen in der Regel die Gesetze – noch immer. Und sie begünstigen sich. Man muss es so klar sagen.  

Die kruden Formulierung des §177 StGB, der 1997 noch als scheinbarer Durchbruch gefeiert wurde, da von da an nun auch verheirateten Frauen Vergewaltigung-Anzeigen gegen den eigenen Ehemann gebilligt wurden, definiert, dass Vergewaltigung

Was die Gesetzgeber bei dem einen ausließen, schufen sie an scheinbarer Gerechtigkeit in die andere Richtung: Der Paragraph wurde zum ersten Mal geschlechtsneutral definiert, zuvor galten nur Frauen als potentielle Vergewaltigungsopfer, jetzt konnten sie auch Täterin sein …

Der Nachteil der Definition ist die Hürde, die eingebaut wurde und die seitdem kritisiert wird: Eine Frau, die ruft: „Nein, nein, nein, ich will nicht, lass mich“ während der Mann gegen ihren Willen in sie eindringt, gilt nicht als vergewaltigt, wenn der Täter dabei keine zusätzliche Gewalt wie z.B. Schläge anwendet, ihr nicht droht. Was es zusätzlich schwer macht: Eine Frau muss die Tat beweisen können, wenn der Täter schweigt.

Und das ist der Grund, warum Vergewaltigung passiert, die Menschen schwer schädigt – und dennoch zum Alltag gehört. Mit Heuchelei wird darüber gegangen und so getan, als sei nichts passiert.

Die Frage nur: Wollen wir so eine Gesellschaft denn? Ist es nicht ein unglaubliches Armutszeugnis?  Sicher, es sieht in vielen Ländern schlimmer aus, Frauen leben dort in viel größerer Gefahr. Nur ist das kein Argument. 

Nach der Silvesternacht war ich erstaunt, wie viel Männer sich plötzlich die Frauenrechte auf die Fahnen schrieben, darunter auch Rocker und Hooligans, Rechtsradikale und Türsteher, die bislang weder gewaltfrei, noch als bekannte und verurteilte Nutznießer von Prostitution und Verfechter unzweifelhafter patriarchischer Strukturen bekannt sind.

Das Problem, dass Gewalttaten, vor allem im häuslichen Bereich nicht ernst- und gewissenhaft verfolgt werden, liegt daran, dass die Zuständigen häufig selber schon gewalttätig waren. Sie spielen Umstände herunter – also zum eigenen Schutz oder der Gewissensberuhigung.

Wir, die erkannt haben, dass Gewalt ein stetiges, aber dennoch klar abzulehnendes Moment der menschlichen Gesellschaft ist, müssen klare gewaltfreie Standards in der Gesellschaft definieren, aber vor allem etablieren. Das beginnt bei der Erziehung unserer Kinder. Der Staat steht in der Aufgabe, diese Richtlinien in seine Erziehungseinrichtungen hineinzutragen, damit sie verstanden und etabliert werden können.

Außerdem gibt es viel Aufklärungsarbeit von Dynamiken von Gewalt vor allem in Beziehungen. Nicht häufig lassen sich Frauen aus einem vermeintlichen Unterwürfigkeitsverständnis gegenüber dem Mann jahrelang misshandeln. Nicht selten wurden diese zersetzenden Verhaltensweisen im Kindesalter antrainiert – von den eigenen Eltern. Auch hier bilden das traditionelle Rollenbild der Frau und starre Konventionen die Rahmenbedingungen für derartige, perverse Abhängigkeitsverhältnisse.

Die „Emanzipation im Privaten“ ist eines der wichtigsten Frauenthemen der Zukunft. Denn sie erfordert eine enorme Verantwortung und eine hohe Gestaltungskompetenz. Hier brauchen wir unbedingt mehr Role-Models, um eine gesunde, auf Bildung und echten Erfolgsmomenten basierende Stärke zu etablieren, die uns in die Lage bringt, über erfahrene Ungerechtigkeiten reflektiert zu sprechen, aber vor allem: Diese aus der Welt zu schaffen. Aber das geht erst, wenn die Männer verstanden haben, WARUM das für uns alle so wichtig ist … 

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3 Comments

  • Ja, mehr Role-Models sind wichtig; aber wie sähe das konkret aus? Wo können wir Frauen selbst direkt und konrekt ansetzen? Wenn noch immer solche Gerichtsurteile wie oben beschrieben heute möglich sind, dann ist doch in erster Linie politischer Handlungsbedarf nötig.

    • Wir leben ja in einer Demokratie… Die Gesetze werden durch den Bundestag bestimmt und der setzt sich aus den Menschen zusammen, die gewählt wurden, dadurch sind sie wandelbar. Wähle am besten Frauen, die sich für Frauenrechte stark machen und engagiere Dich selber politisch, damit Du diese Bewegung stärkst. Es geht nicht von heute auf morgen – aber eins muss man wissen: Die Politik sind wir, je mehr Frauen sich engagieren, desto weiblicher wird die Politik und damit auch die Gesetzgebung.

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