Das Drama vor Gericht, das keines sein müsste, Teil 1

 

Vor Kurzem ging es um die Möglichkeit Kommunikation unter Eltern zu verbessern – Hanna lieferte eine gute Einführung in das Themenfeld der Gewaltlosen Kommunikation.

Heute nehme ich mich der Familienrechtssystem an. Auch da finde ich, gibt es eine Menge zu optimieren. Es wird wieder in zwei Teilen erscheinen, im ersten Teil schildere ich die Problemfelder, im zweiten Teil morgen geht es um Lösungsideen …

Fast alle Menschen trennen sich – es ist normal, doch wir machen jedes Mal ein Mega-Drama. Warum nur? Sind wir alle solche Pussis?

Rund 380 000 Ehen werden jährlich in Deutschland geschlossen. Dass sie halten, ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall. 

Rund 180 000 Scheidungen gibt es jährlich in Deutschland. Über 140 00o minderjährige Kinder sind betroffen. Doch das ist nicht alles, denn die nicht-verheirateten Paare, die sich trennen, werden von dieser Statistik nicht erfasst.

Warum machen wir aus Trennungen so ein DRAMA? Sie sind normal!

Die Realität, die wir anscheinend nicht ganz annehmen wollen, ist: von einer Ehe auf Lebenszeit ist nicht mehr auszugehen (abgesehen davon, dass wir meistens nicht mehr als Jungfrau in die Ehe gehen und in der Regel eh mehrere Beziehungen führen, bis wir denn mal heiraten …). Die Durchschnittsehedauer liegt in unseren Breiten bei 14 Jahren. Also, die Durchschnittsehefrau, die mit 29 Jahren heiratet, lässt sich mit 43 wieder scheiden. Bleibt also noch viel Lebenszeit übrig …

Eine Aneinanderreihung von Beziehungen ist die REALITÄT. Unser Staat, aber auch die Gesellschaft tut allerdings so, als wäre dem nicht so. Wir verhalten uns bewusst naiv. Warum, ist mir bislang noch ein Rätsel …

Wenn es denn zu einer Trennung/Scheidung kommt, wird es teuer. Das müsste nicht sein, liegt aber auch daran, dass wir eben so ein Drama aus der Sache und uns – ob wir übrigens wollen oder nicht, denn es reicht, wenn EINER der Beteiligten einen Antrag bei Gericht stellt, die Gerichte und auch immer öfter die Jugendämter sich in die Angelegenheiten mischen (dürfen).

Scheidung und Trennung ist ein Millionen-Geschäft

Halten sich die Behörden bei verheirateten fein aus der ganzen Sache raus, haben sie das recht bei unverheirateten, reinzumischen. Nicht immer ist das von Vorteil. Natürlich nicht. Aber es ist ein gutes Geschäft für juristische Dienstleister.

20150103 Verfahrensdauer.png

Ich habe selbst erlebt, wie meine Anwältin mich anheizte, möglichst viele „Verfehlungen“ des Vaters aufzuführen. Als ich mich dagegen äußerte, bzw. wissen wollte, wozu das gut sei, wurde sie ungehalten. Viele Anwälte interessiert es gar nicht, wie ihr Beruf dazu führt, Unfrieden zu stiften. Sie verdienen damit ihr Geld. Also, was soll’s … 

An Scheidungen und Familienrechtsprozessen verdient eine ganze Armada von Richtern, Anwälten und auch Mediatoren, Gutachter und Beistände, aber auch Jugendamtsangestellte gutes Geld. 200-250 Euro beträgt der anwaltliche Stundensatz eines guten Familienanwaltes in der Regel, das Erscheinen vor Gericht und sonstige Kosten nicht mit eingerechnet.

Bei Familienrechtsverfahren MUSS bei Scheidungen und Unterhaltsverfahren ein Anwalt genommen werden, das Erscheinen ohne ist nicht gestattet. Auch ein Grund warum in Familiensachen die Anträge auf Prozesskostenhilfe sehr hoch sind. Oft wird gleich beiden Parteien Prozesskostenhilfe gestattet.20150103 prozesskostenhilfe familiengericht

Die Fälle werden abgearbeitet, die Gerichte sind überlastet, die Richter oft müde von den immer gleichen Anschuldigungen der Eltern gegeneinander, der verfahrenen Situation.

Und auch Richter und Jugendamtsmitarbeiter sind bloß Menschen, Familienrechtsverfahren obliegen keiner Kontrolle, finden durchweg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, die subjektive Sichtweise des Richters entscheidet am Ende. Hat er einen schlechten Tag, kann es anders ausgehen, als wenn er frisch verliebt ist.

Oder um m es platt zu sagen: Ist er mutterfreundlich hat die Mutter Glück, mag er Väter gerne, kann sich Papa freuen. Das nennt man die Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit.

Das ist zwar unprofessionell, aber – wie gesagt, die Verfahren obliegen keiner Kontrolle des Richters. Auch das ist ein Missstand, der viel, viel kritisiert, aber dennoch weiterhingenommen wird.

Die Zusammenarbeit der Gerichte mit den Jugendämtern ist erwünscht – eigentlich absurd in einem Staat, der Gewaltenteilung als demokratisches Grundprinzip ansieht – also das Prinzip, dass sich die Mächte Judikative, Exekutive und Legislative gegenseitig kontrollieren sollen.

Die Familiengerichte der Bundesländer urteilen sehr unterschiedlich – und das ist KEIN Zufall …

Auch das offenbart enormen Reformbedarf, auch hier ist die Ursache dafür, dass wir keine Gleichberechtigung der Familienmodelle haben, sondern die traditionelle Ehe als hehres Ideal aufwerten und alle andere Familienmodelle abwerten. Den Traditionalisten sei Dank. 

Und natürlich spielt die politische Stimmung eine Rolle, was man auch daran erkennen kann, zu welchen unterschiedlichen Ergebnissen die Gerichte in den einzelnen Bundesländer kommen.

Als Mutter lohnt es sich, nach Bayern zu ziehen, als Vater ist man in Brandenburg gut aufgehoben … 

sorgerechtsregelung bl vergleich

Das wir in einem System leben, in dem ein außenstehender Richter den Eltern sagen soll/darf/kann, wie sie ihre Kindererziehung zu organisieren haben, ist im Prinzip ja schon absurd.

Manchmal sind die Eltern daran selbst schuld, weil sie ihre Verantwortung tatsächlich nicht übernehmen wollen und sich als ewiges Opfer des anderen sehen, nicht selten steckt auch Berechnung dahinter.

Es wird in oscarreifer Leistung gelogen, geschauspielert und dramatisiert, viele verlieren den Sinn dabei aus dem Fokus. Sie denken, sie müssten „gewinnen“. Und viele Richter nutzen ihre Position tatsächlich dazu, um am Ende Elternteile zu Gewinnern oder eben Verlierern zu degradieren.

Und das sind die eigentlich schlimmen Fälle, wenn sich Gerichte für den Rachefeldzug eines Elternteils instrumentalisieren lassen, bzw. den nicht durchschauen können.

Der Krieg der Eltern wird oft von Institutionen angeheizt 

Auch dass mit bestimmten Mittel wie Gutachtern etc. Druck auf die Eltern ausgeübt werden kann und das auch gemacht wird, eigentlich, damit sie zur Vernunft kommen und nicht weiter gegeneinander ankämpfen, sorgt in den meisten Fällen nur für eine weitere Verschärfung der Konflikte.

In meinen Augen ist das eine sehr fragwürdige Strategie, denn sie bestraft am Ende, die die überhaupt nichts dafür können: die Kinder.

Dass man überhaupt die Kinder involviert, sie vor Gericht lädt, sie über die Eltern ausfragt – für mich ein unglaublich rückständiges, nein, verwerfliches, Verfahren. Früher konnten sich Richter zu Hause einen Eindruck von den Familienverhältnissen machen, heute sind die meisten Richter zu müßig. Sie laden die Kinder ohne Rücksicht auf die Konsequenzen vor.  

Es gibt gute Ideen – doch sie werden nicht umgesetzt. Wieso eigentlich nicht?

Bei all den Möglichkeiten und Kenntnissen, die wir zur Konfliktbeilegung haben, bei der gewaltigen Millionensumme, die jährlich in die Kosten für Famillienrechtsverfahren fließt, ließe sich ein viel besseres, ein unterstützendes Programm für Familien in Trennung und Neustart etablieren. 

Es ist ein gewaltiges Armutszeugnis, dass wir stattdessen bei den offensichtlichen Schwächen uns dieses behebigen Apparates bedienen.

Es KÖNNTE alles viel, viel besser gelöst werden. Aber dafür bräuchte es Reformen, einen Justizminister, der sich der Sache annimmt, offen ist für Vorschläge, eine Kommission beruft und eine Lobby, die sich stark macht, um eine bessere Gesellschaft ein besseres Zusammenleben zu ermöglichen. 

Der ehemalige Richter Hans-Christian Prestien gilt als einer der Verfechter einer reformierten Familiengerichtsbarkeit. Seine Ideen wurden zum Teil umgesetzt.

Als Familienrichter kam er durch seine eigene Scheidung und die Möglichkeit, seine Kinder zu verlieren, ins Zweifeln, ob seine Arbeit so, wie sie praktiziert wird, sinnvoll ist. Die persönliche Erkenntnis motivierte ihn, sich für Veränderungen stark zu machen …

Christian Prestien
Hans-Christian Prestien

Prestiens Grundinteresse ist, die Zusammenarbeit der getrennten Eltern zu stärken, mehr Kindermitsprache, grundsätzlich gemeinsame Sorge und den Rückzug von Gerichten und Ämtern und den Schwerpunkt bei den Eltern anzusetzen.

Vor allem in den 1980er und 1990er Jahren setzte er sich dafür ein, gilt als Verfechter des Cochemer Modells.

Doch was ist heute von seinen Ideen umgesetzt worden? Ist er zufrieden?

Lest morgen hier die Antworten!

0
More from Mamaberlin

WORK IT! Warum #Arbeit, #Kohle, #Verantwortung so wichtig sind

Das Wort ARBEIT stammt aus dem Mittelhochdeutschen AREBEIT und das ist wiederum vom...
Read More

1 Comment

  • Richter und Gutachter haben zu viel Macht. Ich habe erlebt, wie der Vater lediglich suggeriert hat, dass die Mutter gegenüber dem Kind möglicherweise gewalttätig werden bzw. geworden sein könnte. Das hat genügt, dass die Mutter, die bis dahin die Hauptbezugsperson für das zum Zeitpunkt der Trennung dreijährige Kind war und eine sehr gute Mutter ist, seit Jahren nur betreuten Umgang mit ihrem einzigen Kind hat. Wie kann ein Gericht der Lügengeschichte eines hartherzigen Vaters nur so stark folgen, anstatt dass beide Eltern sich tageweise die Sorge für das Kind teilen? Ein Unrecht, das zum Himmel schreit! Mit so einer Lösung kann auch der Vater kaum glücklich werden, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.