Lassen Sie mich durch, ich bin Opfer!

Manche Leute machen Sturm und regen sich auf, wenn es dann regnet

Traditionell denkende Frauen verlieren sich gern in einer Haltung: Opfer sein.

Ich kenne das von mir, manchmal verfalle ich mit meinen Freundinnen in ein Jammern und Klagen über unsere Enttäuschungen des Lebens … Gott-sei-Dank hält das bei uns nie lange an. Dafür passen wir zu gut auf uns auf. „Schluss mit Jammern, weiter, besser machen!“, ist ein Leitspruch von uns und der grundsätzliche Gedanke von Solidarität hilft ungemein.

Manchmal muss frau natürlich auch jammern dürfen! Klar. Ein Problem kann es aber werden, wenn man die Opferhaltung inhaliert. Oder wenn man diese Haltung automatisch ohne sie zu reflektieren immer wieder einnimmt oder sie anderen abverlangt. 

Manche haben noch nicht verstanden, dass es richtig oder falsch nicht gibt 

Auch das gibt es oft unter Frauen, dieses Gegenübertreten und nur annehmen, wenn die andere sich als Opfer sieht. Ein gegenseitiges Abgleichen der Opfer-Status, wer das größere Opfer, die ist am meisten zu bedauern und das ist dann gut!!??

Und wehe, man sieht sich nicht als Opfer und macht auch die anderen nicht zu Opfern, sondern sieht das Positive oder begegnet einer Sache mit Humor, dann ist man fast eine Verräterin. Denn die Opfer-Frau fühlt sich nur wohl unter anderen Opfer-Frauen. Da kann sie dann schön in ihrem Opfer-Status verharren und kann die eigenen Fehler und Schwächen ignorieren.

Meistens sind das Menschen, die aufgewachsen sind in einer Welt mit klaren Rollenbildern, traditionellen Vorstellungen, was Frau, was Mann ist. Was richtig und was falsch ist. Und diese Vorstellungen halten sie für allgemein gültig und fordern sie ein. Sie haben (noch) nicht verstanden, dass es richtig oder falsch im Leben gar nicht gibt. 

Sie denken z.B., die Frau, sein per se ein Wesen, das ge- und beschützt werden muss, umsorgt und versorgt. Die Frau bringt Kinder zur Welt, zieht sie groß, kümmert sich um den Haushalt. Der Mann hat für das finanzielle und die äußere Sicherheit zu sorgen. Eine Frau, die keinen Mann hat, die keine Kinder bekommt, sei zu bedauern. Ein Mann, der eine Familie nicht ernähren kann, der sich trennt, sei per se ein Arsch.

Sie sind nicht in der Lage, das Wechselspiel zu sehen. Ihre Verantwortung, aber auch nicht ihre Gestaltungsmacht. Sie denken, im Leben gehe es darum, Regeln zu befolgen und bestimmte Dinge (die mach so macht) möglichst richtig zu erfüllen. So wie in der Schule. Und wer die Regeln bricht, der macht es falsch und muss eine schlechte Note bekommen (eben wie in der Schule).

Und wieder andere schlagen auch aus dem Opfersein Profit. Sie bestärken andere in ihrem Opferdenken, damit sie von ihnen abhängig werden oder damit sie sich selbst weiter in ihrer Haltung suhlen können und nicht über die eigenen Fehler nachdenken müssen.

Eine Frau sollte sich fragen: WAS sind eigentlich meine REGELN? Und nach welchen spielen die anderen? 

Sie haben noch nicht verstanden, dass sie als Erwachsene nicht nur ihre eigenen (ich meine ihr WIRKLICH, echten, authentischen) eigenen Regeln finden müssen, sondern auch checken, nach welchen Regeln die spielen, mit oder auf die sie sich einlassen. 

Dass diese Arbeit auch anderes organisiert werden könnte, ist erstmal nicht in ihrer Vorstellungswelt. Auch leider nicht, dass es spezielle, ihre subjektiven Erwartungen sind, bedingt durch familiäre Prägung, ihre politische Haltung. Traditionell denkende Frauen reflektieren sich meist nicht. Deswegen denken sie ja traditionell – und nicht modern oder spätmodern … – sie sind ein wenig gefangen, in einem Muster, das ihnen aufgespielt wurde. Es ist selten selbst gestaltet. 

Wird dann diese Erwartungshaltung enttäuscht, reagieren sie emotional. Wütend, zutiefst enttäuscht, sie finden es ungerecht, fühlen sich auch bedroht, im Stich gelassen, benachteiligt, manchmal auch verfolgt, können nicht aufhören über sich, das Leben, den Mann, der ihre Erwartungen nicht erfüllt hat, zu jammern. Seine Schlechtigkeit zu benennen, die Fehler des anderen aufzuzählen, Schuldige zu suchen, scheinbare Moral aufrecht zu halten. Manchen gehen sogar soweit, dass sie denken, ihr „Opferstatus“ würde rechtfertigen, gegen andere aggressiv vorgehen zu können, so müssen sich ja „verteidigen“.

Das Schöne am Opfersein: Du gibst Verantwortung ab – das Dumme: Es gibt keine Verbesserung

Das Schöne am Opfersein: Du musst nicht über deine eigene Verantwortung nachdenken, geschweige sie dann tragen. Am eignen Elend sind die anderen Schuld. Herrlich, so einfach ist man dann raus aus der Sache …! Zumindest scheint es so. 

Das Dumme: So kommst Du nie raus aus der Sache. Das schaffen wir erst, wenn wir die Verantwortung allein bei uns suchen.

Ich gebe mal das Beispiel an meiner eigenen Person … 

DAS OPFER SAGT … 

Wie gesagt, ich kenne das Jammern von mir. Ich hatte Männer, die mich geschlagen haben, erniedrigt haben und bin schwanger sitzengelassen worden, ohne, dass ich ein schlechter Mensch wäre, und als das Kind da war und ich immer nett war, mehrfach wegen Sorgerecht und Umgang oder sonstigen Kleinigkeiten vor Gericht gezwungen worden, obwohl ich dass für Irrsinn gehalten habe und eine von den Eltern erarbeitete Regelung viel besser gehalten hätte. War aber nicht möglich. Und jetzt muss ich seit Jahren mit jemand mein geliebtes Kind groß ziehen, der mich in einer Tour herabwürdigt, jegliche Kommunikation verweigert. Schön ist das nicht. Außerdem werde ich steuerlich, beruflich, gesetzlich, gesellschaftlich als Frau benachteiligt, weil ich nicht verheiratet bin und keinen „Mann an meiner Seite“ habe.

Oder ist sage …

Das ist mein Leben, das habe ich alle zu verantworten. Auch wenn es den Typen nicht auf der Stirn steht, wie sie ticken, habe ich sie mir ausgesucht. War ich zu dem Zeitpunkt an dem Ort. Hatte einfach Pech und dann auch wieder Glück, denn zweimal ist mir das nicht passiert. Ich habe mir auch den Mann ausgesucht, mit dem ich ein Kind habe und ich habe mir das Kind ausgesucht, denn ich habe nicht abgetrieben und damit auch den Vater akzeptiert, der ist wie er ist. Gegen Ungerechtigkeiten gehe ich an. Wenn ich einen Fehler sehe, mache ich ihn öffentlich. Ich bin gewissenhaft und prüfe genau, ob hier  jemand einen großen Fehler macht und führe auf nachvollziehbare Weise auf, was schädlich ist, und fordere mutig Recht ein. Ich trenne die Spreu vom Weizen und schaue, wer wie ich Interesse hat, dass es mehr Gerechtigkeit gibt, dass Fehler im System behoben werden, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln kann, damit sie stark bleibt. Lächerliche Klischees und Rollenbilder und die, die diese nicht durchschauen, schüttel ich mit einem Lächeln ab.

Na, entscheidet selbst, welche Haltung gefällt Euch besser?  

PS: Es gibt so viele Menschen, die sind durch die Hölle gegangen, die haben die schrecklichste Gewalt erlebt, sind für ihr Leben gezeichnet und kämpfen trotzdem voller Mut und Größe gegen die bösesten Kräfte dieser Welt.

Und es gibt andere, die klagen weil, ihr Friseur keinen Termin frei hat, ihr Kind Schnupfen hat, sie im Internet was gelesen haben, dass sie nicht verstanden haben oder unmöglich finden. Sie hängen in einer Enttäuschung nach, die Jahre zurückliegt, als ein Ex-Freund sie mal betrogen oder ihnen nachgestellt hat. Oder können immer noch nicht glauben, dass ihr Ex-Mann vor zehn Jahren die Scheidung eingereicht hat, eine Liebe zzt. nicht klappt, wie sie sich das vorstellen.

Prüft doch selbst mal, wo Du stehst. 

 

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2 Comments

  • Liebe Mamiberlin. „Noch immer gibt es in Deutschland bloß ein rechtlich anerkanntes FAMILIENMODELL: verheiratet, hetero.“ Ja. dabei ist unsere Welt schon so lange „bunt“. Ich selbst habe keine Kinder… leider…… Bin gerade Singel (auf Zeit….. don’t know). Habe gerade meinen JAMMADRAMMA Blog gestartet und bin auf Deinen Blog gestoßen. Gefällt mir, was ich lese. Wünsche Dir viel Erfolg! Jamma Dramma.

  • Ja, genau , andere Haltungen einnehmen, üben , riskieren ausserhalb dem zugeschriebenen Opfersein und auch „Opfer gemacht werden“ lassen – allerdings wären viel mehr sichtbare role-models, daher ist jede Öffentlichkeit, wie auch Dein Blog hier, so notwendig. was ich auch für total nötig halte: Geschichten (in Film, Fernsehen und Literatur) die frau deutlich weniger als Opfer, viel stärker darstellt / erzählt.

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