Wie kann „Gewaltfreie Kommunikation“ Eltern helfen? Ein Interview mit Hanna Brodersen, Teil I

Kämpfende Löwin und Löwe

Hanna Brodersen betreibt auf Facebook die Gruppe „Gewaltfreie Kommunikation – Eltern sein“, die sich regem Zulauf erfreut und mit vielen, guten Dateien zum Thema aufwartet. Ich war neugierig. Ist GFK eine Option für mich?

Heute und morgen findet Ihr hier das Interview mit Hanna, die sich meinen teils kritischen Fragen sehr offen gestellt hat. Es sind spannende Antworten und Impulse dabei herausgekommen!

Hanna Brodersen – Gewaltfreie Kommunikation

Wie komme ich zu dem Thema? Ich versuche seit Jahren eine anständige, regelmäßige Gesprächsebene mit dem Vater meines Kindes aufzubauen, bislang ist es nicht wirklich gelungen. Er will es nicht. Mediationen haben auch nicht geholfen.

Das ist für mich sehr schwer zu akzeptieren. Wir fliegen ins All, aber DAS soll man nicht lösen können???? Daher bin ich schon lange auf der Suche nach Methoden. Hanna ist ein Baustein und ich hoffe, auch für Euch!

Keine Kommunikationsebene zu erreichen, kann viele Gründe haben. Meistens reicht es schon, wenn sich einer verweigert, um Kommunikation ins Leere laufen zu lassen.

Die Gründe warum Kommunikation unter Menschen nicht funktioniert sind vielfältig 

  • Es ist z.B. sehr schwer, wenn Menschen gefangen im Hass, im Frust oder Enttäuschungen sind, oder vielleicht auch erpicht, die Fehler ausschließlich beim anderen zu suchen.
  • Schwierig ist es auch mit Menschen, die über jeden Selbstzweifel erhaben sind.
  • Es gibt auch Sadisten oder Psychopathen, die sich daran erfreuen, den anderen zu gängeln.
  • Es gibt auch Unfähige, die gar nicht wissen, was sie wollen, nie gelernt haben, Verantwortung zu tragen und für die Kommunikation, bei der es ja auch darum gibt einen eigenen Standpunkt zu haben, eine unlösbare Aufgabe darstellt.
  • Immer noch viele Männer und Frauen denken zudem in normativen, oft auch traditionellen Mustern. Sie denken, es gibt ein „RICHTIG“ und ein „FALSCH“, nicht das es viele Möglichkeiten und Spielarten gibt. Und sie denken, dass ihre Position die einzig RICHTIGE ist und können sich nicht kompromissbereit zeigen.
  • Es kann auch daran liegen, dass es jemandem schwer fällt, störende Muster zu durchbrechen oder zu erkennen, dass die eigene Art immer nur ins Leere führt.

Gewaltfreie Kommunikation verspricht, eine Chance auch für hochstrittige Paaren zu sein, immer wieder gibt es Erfolgsmeldungen. Ich kenne selbst ein paar. Irgendwas muss dran sein … 

Welche Möglichkeiten sich durch gewaltfreie Kommunikation eröffnen – DAS INTERVIEW

Manche Paare tun sich schwer mit der Kommunikation. Was kann gewaltfreie Kommunikation hier an Hilfe bieten?

Hanna: In angespannten Beziehungssituationen geht es nach meiner Erfahrung oft um Verletzungen und Vorwürfe. Die gewaltfreie Kommunikation kann helfen, hinter die Worte zu sehen und herauszuarbeiten, worum es meinem Partner wirklich geht.

Was fühlst du? Was brauchst du? Und wie können Lösungen aussehen, die für beide passen. Gleichzeitig unterstützt sie uns, eigene Anliegen zu formulieren, ohne dass die Wahrnehmung meines Gegenübers an Platz und Richtigkeit verliert.

Gewalt im Sinne von Kommunikation geschieht übrigens immer dann, wenn wir uns unsere Bedürfnisse erfüllen, ohne die unseres Gegenübers wahrzunehmen.

Was ist das Ziel von Gewaltfreier Kommunikation?

Hanna: Die Ziele der Gewaltfreien Kommunikation sind, in einer mitfühlenden Verbindung mit mir selbst und anderen zu sein. Lösungen zu entwickeln, die für alle Beteiligten möglichst viele Bedürfnisse erfüllen und alte (Sprach-)Muster aufzulösen: Schulddenken, Verantwortung abgeben, verallgemeinern, vergleichen, Forderungen, Vorwürfe.

Was sind die Grundsätze von Gewaltfreier Kommunikation?

Hanna: Die gewaltfreie Kommunikation ist für mich eine Lebenshaltung, in der es weniger um Technik, als vielmehr die innere Haltung, ein positives Menschenbild geht.

Grundgedanken sind hier:

  • All unser Handeln dient dazu, Bedürfnisse zu erfüllen. Bedürfnisse sind dabei die lebensdienliche Verbindung, die uns eint: Wir alle kennen Bedürfnisse nach Wertschätzung, Spaß, oder Erholung. Wir nutzen lediglich unterschiedliche Strategien, um diese zu erfüllen.
  • Jeder Mensch nutzt die besten Möglichkeiten, die ihm im Augenblick aufgrund seiner Lebenserfahrung zur Verfügung stehen
  • Es gibt kein richtig, oder falsch. Es geht niemals um Schuld, sondern vielmehr um die Frage: Was macht das mit dir und was löst das in mir aus? Oder anders gesagt: Jenseit von richtig und falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns!
  • Jeder ist für seine Gefühle und Bedürfnisse selbst verantwortlich: Die gewaltfreie Kommunikation geht davon aus, dass wir grundsätzlich selbst für unsere Gefühle verantwortlich sind, da sie aufgrund unserer Bewertungen entstehen. Die Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung ist darum eines der wichtigsten Elemente: Am Hemdkragen meines Mannes ist rote Farbe. Folgerung: Er hat mich betrogen! (Es gebe aber auch andere Erklärungsmöglichkeiten, wir können selbst bestimmen, welche wir wählen wollen…)
  • Jeder trägt gern zur Erfüllung anderer Bedürfnisse bei, solange er es freiwillig tun kann. In der gewaltfreien Kommunikation stellen wir Bitten, keine Forderungen. Wir bedauern, wenn sich Bedürfnisse nicht erfüllen. Wir drücken unsere Wertschätzung aus, wenn es uns gelingt, gut für uns zu sorgen, oder andere etwas für uns getan haben.

Kannst Du das an einem Beispiel erläutern?

Hanna: Es gibt vier Schritte, die eine Orientierung in der Kommunikation bieten: Beobachtung, Selbstwahrnehmung, Ausdruck und Bitte. Wir haben die Situation, dass jemand nach einem langen Tag nach Hause kommt, sich auf Ruhe freut und dann entdeckt, dass auf dem Wohnzimmerboden einige Gegenstände liegen …

  1. Beobachtung: „Deine Jacke liegt auf dem Boden. Neben dem Sofa sehe ich drei alte Zeitungen!“
  2. Gefühle warnehmen und äußern: „Ich bin ärgerlich!“
  3. Bedürfnis erkennen und ausdrücken: „Weil mir Ordnung wichtig ist!“
  4. Bitte formulieren: „Wärst du bereit, deine Jacke aufzuhängen und die Zeitungen an die Tür zu legen, damit du sie nachher unten entsorgen kannst?“

Macht gewaltfreie Kommunikation das Leben schöner?

Hanna: Für mich hat die gewaltfreie Kommunikation in allen Lebensbereichen viel zu einer Verbesserung meines Lebens beigetragen. Ich habe mehr Nähe zu mir selbst, sorge besser für mich. Auch die Begleitung meines Sohnes, die Verbundenheit zu meinem Partner hat davon profitiert. Meine Freundschaften sind lebendiger und inniger geworden. Konfliktgespräche mit Lehrern, Behörden und Arbeitskollegen führe ich heute vollkommen anders.

Für wen ist gewaltfreie Kommunikation denkbar? Gibt es auch Ausschlusskriterien? Wann ist abzuraten?

Hanna: Lange Zeit habe ich mich mit dem Gedanken herumgeschlagen, dass „GFK nicht immer funktioniert.“. Ich dachte da an Konfliktpartner, die weder für meine Einfühlung zugänglich sind, noch in der Lage, die Verantwortung für sich zu übernehmen. Mittlerweile habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass mich die GFK auch durch solche Situationen trägt: Indem ich mich selbst mitfühlend annehmen kann mit allem, was lebendig ist.

Wenn in schweren Situationen Urteile und Bewertungen in mir auftauchen, geht es nicht darum, sie wegzumachen und immer zu versuchen „sanft“ zu sein. Vielmehr geht es darum, Impulse, z.B. Schmerz und Verletzungen, zurückzugeben und persönliche Urteile als Zugang zu den Bedürfnissen zu verstehen.

HIER GEHT ES ZU TEIL II DES INTERVIEWS …

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