Der Ehefrauen-Stolz und die Folgen

Mein letzter Post handelte von der Darstellung von Alleinerziehenden in den Medien, aber auch ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft.

Warum urteilen wir so, wie wir urteilen?

In unserer Gesellschaft gibt es eine Form von Familie (verheiratet, hetero), die anerkannt wird, die rechtlich und finanziell vom Staat gefördert wird. Alle anderen Familienformen bekommen quasi gesagt: Klassenziel verfehlt.

Eine sauschlechte Ehe ist uns immer noch lieber als eine glückliche Alleinerziehende, so der deutsche Rechtsstaat, das drücken seine Gesetze aus.

Und wir lassen das mit uns machen. Und das ist genau der schmerzhafte Punkt, an dem die Unterdrückung der Frauen beginnt.

Woher kommt diese Arroganz? Wie kann sich ein demokratischer Staat eine solche Herablassung leisten?  

Eine sauschlechte Ehe ist dem deutschen Staat immer noch lieber als eine glückliche Alleinerziehende

Und teuer ist das auch noch: 19 Mrd. Euro kostet das Ehegattensplitting die Steuerzahler jährlich – die bekommen gut verdienende Männer als Steuererleichterung vom Staat geschenkt, wenn ihre Frau zu Hause ist und kein oder nur wenig Geld verdient. Ich finanziere als steuerzahlende Alleinerziehende diese Familien quasi mit. Ein amüsanter Gedanke – eigentlich.

Kritiker nennen das Splitting eine staatliche Subvention, um Frauen in finanzielle Abhängigkeit zum eigenen Ehemann zu bringen. Ich sehe das genauso.

Eine Unterstützung ist ja nicht verkehrt, aber warum läuft sie über den Ehemann? Es gibt trotzdem Frauen, die dieses System unterstützen, allerdings auch oft, weil sie es nicht durchschauen.

Diese Muttis interessieren sich nicht für Politik oder haben die Schere im eigenen Kopf. Das steht ihrem Konsenzdenken, immer die gleiche Meinung wie Vati zu haben (müssen) im Weg. Und Vati unkt die „Zerstörung der Familie“ herbei, wenn der Mann nicht mehr Herr im Haus sein darf.

Dieser falsche, aber auch irgendwie peinlich Ehefrauen-Stolz geht gern einher mit einer herablassenden Sichtweise auf Alleinerziehende, Homo-Paare, Patchwork.

Doch leider sind diese Gestrigen gut aufgestellt. Der Mainstream denkt erschreckend dämlich – weswegen wir Gesetze haben, wie wir sie nicht haben sollten.

Der peinlich Ehefrauen-Stolz

Nein, sagen diese Frauen und Männer, das einzige wahre ist Mutter-Vater-Kind und strecken die Fahne der lebenslangen Ehe, der Ernährers und der Übermutter hoch in die Luft und wedeln sie aufgeregt. 

Und das allen Ernstes, obwohl es die lebenslange Ehe schon lange nicht mehr gibt. Heute ist die ein Fünftel-der-Lebenszeit-Ehe die Norm: Die deutsche Durchschnittsehe hält 14 Jahre. Jede zweite Ehe wird geschieden und jedes dritte Kind lebt bei getrennten Eltern. Weil: Es ist 2015!

Oh, Gott, oh, Gott, oh, Gott, rufen da Mutti und Vati, die Welt geht unter! Es werden keine Kinder mehr geboren. So viele Scheidungen. 

Kleine Richtigstellung: Wir sind 8 000 000 000 Menschen. So viel wie noch nie. Wir sind nicht die Pandabären. Wir sterben nicht aus. Im Gegenteil. Und zur Scheidung: Ja, wir lieben mehrere Menschen in unserem Leben – so wie immer schon – nur, dass wir uns manchmal vorschreiben lassen, so zu tun, als wäre das nicht der Fall. Weiß der Geier warum?!

Die jungen Leute haben damit übrigens überhaupt kein Problem mit Scheidung, Trennung, Homo oder was sonst noch die Gestrigen vor Aufregung zum Schnapsglas greifen lässt: 90 Prozent der jungen Menschen sagen: Kinder groß ziehen hat viele Formen und NATÜRLICH ist alles Familie.

Den Frauen von heute ist klar, dass sie sich – auch mit Kindern – selbst versorgen müssen und beruflich am Ball bleiben. Es gibt keinen Versorgungsanspruch mehr, egal ob verheiratet oder nicht und die meisten wollen auch gar nicht mehr ausgehalten werden.

Dass die traditionelle Ehe als Leitbild Käse ist, weiß eigentlich auch jeder, der nur einen flüchtigen Blick auf die Weltgeschichte werfen mag: Die großen Diktatoren, die Kriegsherren, die Zerstörer wuchsen alle in traditionellen Familien auf. Ein Allheilmittel ist sie also überhaupt nicht. Und das ist ja nur die Spitze des Eisberges.

Die Zeitungen sind täglich voll davon, wieviel Grauen unter und zwischen Mama-Papa passiert, Sexualvergehen an Kindern finden fast innerhalb von Familien statt, die Schläge, die Lügen, die Untreue, die Demütigungen … Auch alles hunderttausendfacher Familienalltag. Doch wie gesagt: Eine sauschlechte Ehe ist dem deutschen Staat … s.o.

Doch das Schlimmste: Wir produzieren unsere Dramen selbst durch unsere starren Strukturen. Oder anders gesagt: Scheidung und alles was damit zusammenhängt, gibt es nur, weil es die Ehe gibt. 

Eine Nicht-Verheiratete fühlt sich nur minderwertig, weil wir ein System haben, dass in gute (s.o.) und schlechte Familien einteilt.

Doch warum und in Gottesnamen! machen so viele diese totale Volksverarschung mit? Sind die Leute wirklich so naiv/dumm/einfältig?

Die Weltgeschichte ist voll von alleinerziehenden und Patchwork, schon allein, weil die meisten Weltreligionen eine Viel-Ehe zulassen, ganz Afrika ist ein Familienmix. Nur wir möchtegern tugendhaften Christen tun so, als wären wir immer der/dem einen treu. Ja, klar.

Aber auch bei uns, gibt es mehrere Zehntausend Kuckuckskinder jährlich und das auch in den vornehmen Kreisen, Carla Bruni ist z.B. eins. Fast die Hälfte der Männer geht in den Puff. Ob die alle Singles sind? Logisch. Sicher. 

Passt die Gesetze an das Leben der Menschen an – nicht umgekehrt

Statt nun geheuchelten, traditionelle Familienbilder als Leitbilder der deutschen Lebenskultur wider besseren Wissens aufzustellen, sollten wir uns der Realität zuwenden und gerechte Gesetze schaffen und ehrlich sein.

Es wäre gut, wenn wir die Gesetze den Menschen anpassen, nicht andersherum!

Am Ende ist es eine Frage der Organisation, der Strukturen. Im und nach dem Krieg war der Großteil der Mütter alleinerziehend. War es ein Drama? Nein. Was lernen wir daraus? 

Alleinerziehend, Patchwork, oder wenn gleichgeschlechtliche Paare Kinder erziehen, ist nämlich kein Drama. Im Gegenteil. Es macht unsere Gesellschaft vielfältig. Und das brauchen wir, um zu überleben.

Und: Ein Problem ist Armut, Herabwürdigung des eigenen Lebens und der Kinder, gesellschaftlicher Ausschluss, Diskriminierung – DAS sind Probleme. Und die produziert derzeit der Staat und das Familienministerium mit seinen lausigen Gesetzen. 

 

Mütter ohne Trauschein wurden früher verstoßen

Ich gehe nochmal zurück in der Geschichte: Denn wir müssen uns klar machen, warum wir denken, die Hochzeit sei der schönsten Tag im Leben einer Frau, wir seien ohne Mann nichts wert und Muttersein wäre die Lebensaufgabe jeder Frau. Wir müssten es unserem Ehemann recht machen.

Wenn wir so denken, dann sind ein Opfer unserer sexistischen Vergangenheit. Leider ist das den wenigsten klar. 

Eine Dokumentation lief auf der BBC. Die ehemalige Pop-Sängerin Jamelia, Mutter von zwei Kids und eine von über 2 Millionen Single-Mums in England, hat sich auf Spurensucher begeben, von  den 50er Jahren bis heute, um herauszubekommen, warum die Sichtweise auf Single-Mothers bis heute so herablassen ist. Ich fasse mal zusammen:

Bis in die 1970er Jahre, als die großen bürgerlichen Revolutionen die Welt und ihre Werte in den Industrienationen ins Wanken brachten, war für Frauen Sex außerhalb der Ehe eine Schande.

Eine Frau, die nicht verheiratet war, hatte keine Rechte. Zuerst bestimmte ihr Vater. Dann ihr Mann. Frauen wurden systematisch klein gemacht: Sie könnten kein selbstbestimmtes Leben führen, sie könnten kein Geld verdienen, nicht wählen, Bildung sei sinnlos für Frauen, hieß es. Sie bekam eine einfache Schulbildung, lernte Handarbeit und Kochen und wurde auf ihre Rolle als Dienstleisterin des Mannes vorbereitet.

Ein Kind ohne Trauschein in die Welt zu setzen, war eines der schlimmsten Vergehen, dass eine Frau begehen konnte.

Diese Frauen wurden verstoßen, versteckt und mussten ihre Kinder heimlich und alleine zur Welt bringen, die Kinder wurden ihn anschließend weggenommen. Viele starben bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen.

Ein Kind ohne Vater galt als Niemandskind, eine Mutter ohne Mann hatte keine Rechte.

Die Mütter hätten Schande über sich und ihre Familie gebracht, so die damalige Denke, für die Kinder sei es daher am besten, wenn sie im Heim oder einer anderen Familie (verheiratet!) aufwüchsen, um die richtige Moral zu lernen.

Die Frau als Übermutter und der Mann als Familienoberhaupt 

Ein Kind aus einer ehelichen Gemeinschaft galt als Vaterkind, trug automatischen seinen Namen wie auch die Ehefrau. Eine Frau war Ehefrau auf Lebenszeit, sie zog meist vom elterlichen Haushalt direkt in den Haushalt des Mannes und war seine Dienstleisterin, sie räumte seinen Haushalt auf und pflegte die Kinder, die sich den Bestimmungen des Vaters unterordnen mussten, wie sie selbst auch.

Eine Frau, die sich dagegen auflehnte, galt als hysterisch, als krank. Viele wurde in die Psychiatrie verlegt. Frauen war eine eigene Meinung oder gar Kritik streng untersagt!

Die Vergangenheit ist bei vielen von uns deutschen Frauen noch ziemlich nah dran. Unsere Großeltern, manchmal auch noch unsere Eltern lebten und leben nach diesen Regeln. Wir tragen – auch wenn wir es nicht wollen – diese Schemata ins uns, können uns nur mit hoher Selbstreflektion oder Therapie von diesen Mustern befreien. Oder wenn wir Glück haben und eine emanzipierte Mutter hatten – das ist nicht oft der Fall.

Je nachdem wie wir aufwuchsen, ob in einem reflektierten, modernen, emanzipierten Umfeld oder in einem traditionellen, konservativen, fällt es uns leichter oder schwerer, diese Strukturen zu erkennen.

Alleinerziehende Mütter sind verheirateten Mütter gegenüber rechtlich benachteiligt

Und diese Vergangenheit ist der Grund, warum heute noch alleinerziehende Mütter verheirateten Müttern gegenüber rechtlich benachteilig und weiterhin an Jugendämtern und Familiengerichten eine Bevormundung erfahren, warum sie gesellschaftlich abgewertet werden – und schlimmer noch: sich selbst abwerten.

Sie sind die Vergewaltiger ihrer eigenen Seele. Sie spulen das Programm der Unterdrückung sogar selbst ab. Soweit hat man uns an den Boden gedrückt. 

Väterrechtler wollen diese alte Bevormundung unter dem falschen Deckmantel der Gleichberechtigung wieder ausbreiten. Unter ihnen gibt es viele, die tatsächlich finden, Frauen gehören unterdrückt. Oder schlimmer noch: Gar nicht merken, dass sie sexistisch sind. Wie diese Leute, die immer sagen: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …“ Sagen Sie: „Ist ja in Ordnung, wenn Frauen auch arbeiten wollen, aber …“

Im Vergleich mit England und den USA hinken wir in diesem Feld weit zurück. Unsere Wahrnehmung ist noch nicht genug geschult auf diesen alltäglichen Sexismus. Viele verstehen ihn nicht, sehen ihn nicht. Wir müssen mehr aufpassen und ihn öfter anprangern! 

Genau aus diesen Abgründen spricht gar nichts für diese starre, traditionelle Definition von Familie und alles für eine pluralistische Definition von Familie.

Wir bräuchten wieder sowas wie zu den Zeiten der großen, gesellschaftlichen Revolutionen des 20. Jahrhunderts in den  1960er und 70er Jahre – sie waren eine große Befreiung.

Es gab die Pille, Abtreibung wurde möglich, Scheidung ebenso und die freie Liebe gelebt und gefeiert. Frauen durften jetzt auch ohne die Einwilligung ihres Mannes ein Konto eröffnen und über ihr Geld selbst bestimmen (ab 1969) und sogar arbeiten gehen (ab 1977). Der Vater als gesetzliches Familienoberhaupt wurde abgeschafft (1961). Homosexuelle konnten nicht mehr bestraft werden, wenn sie ihr Liebesleben lebten (1971).

Und auch damals wetterten Männer und Frauen gegen die Veränderung. 

Wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet, aber dazu auch noch sieht, was weiterhin schief läuft, ist es beschämend für alle Männer und Frauen, die da noch drin hängen …  

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3 Comments

  • Du schreibst mir aus der Seele- und tausenden anderen Frauen sicherlich auch! Nur eins-gerade im Hinblick darauf, dass von anderer Seite solche Artikel gerne unter die Lupe und dann zerrissen werden…- es gibt einige Unreinheiten rein formaler Natur…- das macht angreifbar. Lieber dreimal Korrektur lesen…

    • Hallo Patricia, das ist ja ein Blog, keine professionelle oder kommerzielle Plattform, es geht um Austausch, daher bin ich froh über alle Kommentare. Sage doch bitte konkret, welche Fehler Du entdeckt hast, wenn Dich da was stört. Danke! Ich ändere es dann entsprechend.

  • Ja, auch dieser Artikel bringt es in seiner Leidenschaftlichkeit ziemlich auf den Punk! Die Muster sind noch tief in das kollektive Unterbewusstsein eingeschrieben. Zum Glück lebe ich (auch?) in Berlin, wo es leichter ist, sich „normal“ gesellschaftlich als Alleinerziehende zu bewegen,denn z. B. Da wo ich herkomme (westdeutsche Kleinstadt) schlägt mir genau oben beschriebene Grundhaltung entgegen. Aber dieses unbewusst- bewusste sich-selbst-abwerten gegenüber dem übermächtigen „Ehe-Paar-Glück“ Bild kenne ich zu gut, die gesellschaftliche Erzählung, dass Frau mit oder ohne Kind ohne Mann zum scheitern ist, ist noch immer wirkmächtig!

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