Warum wurden eigentlich die Familiengesetze geändert? Und wofür?

Ist schon ein älteres Interview, aber die Beobachtung ist richtig. Herr Blüm stellt fest:

Mütter, die zugunsten ihrer Familie auf eine eigene Karriere verzichteten, würden heutzutage im Scheidungsfall brutal bestraft, rügt der Ex-Minister … Und ihn ärgert dabei besonders, dass seine Partei es war, die die gesetzliche Grundlage für eine derartige Rechtspraxis geschaffen hat …

Ergänzung: Für viele Mütter ist es nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern schlichtweg gar nicht möglich, zu arbeiten und davon zu leben in einer Arbeitsrealität, Deutschland 2015. Auch gutausgebildete, hoch motivierte Frauen und vor allem Mütter bleiben immer mehr auf der Strecke und finden einfach keinen Job, von dem sie und ihre Kinder leben können …

Und: Leider nicht nur eine Partei, alle haben es mitgetragen, viel ist auch unter Kanzler Gerhard Schröder reformiert worden. Hat man wirklich gedacht, eine Gesellschaft lasse sich so schnell umorganisieren – alle arbeiten, egal ob Mutter oder Vater? So wie es in der DDR angeordnet wurde? Obwohl klar war, dass das bei Weitem nicht alle wollen, es dazu auch an Kitaplätzen fehlt …? An dem Ehegatten-Splitting, das allein patriarchaische Strukturen festigt, eisern festgehalten wird – von Männern UND Frauen. Wo leben denn die Väter und Mütter, die über diese Gesetzesreformen abgestimmt haben? Im GLEICHBERECHTIGUNGS-WUNDER-TRAUMLAND, weit ab jeglicher deutscher Lebensrealität?

Ich bezweifle das, denn es sitzen in der Regel ja doch ziemlich intelligente und informierte Leute im Bundestag und in den Ausschüssen. Daher finde ich eine Diskussion, aber auch eine Nachbesserung unbedingt notwendig.

Die Gesetzeslage zum jetzigen Zeitpunkt führt zu einer enormen Benachteiligung,  es müssten zudem viel mehr unternommen werden, um Müttern den Berufseinstieg zu erleichtern, hier auch gesellschaftlich eine andere Arbeitsweise zu etablieren, überhaupt erstmal Jobs für Mütter zu schaffen, von denen sie auch leben können.

Oder eben auch die Väter wieder stärker in die finanzielle Verantwortung zu nehmen. Ihnen stehen ja jetzt die Rechte wie gemeinsames Sorgerecht zu – dann bitte auch auch die Pflichten!

Doch auch hier fällt es an Kapazitäten, überhaupt den Unterhalt ordnungsgemäß zu erfassen und einzufordern – und das Prinzip, geteilte Rechte und geteilte Pflichten, zu erklären. Immer wieder höre und bemerke ich selbst, dass Viele in traditionellen Bahnen denken, ihnen der (latente) Sexismus nicht auffällt. Frauen und Männer werden dann per se Aufgabenbereichen zugeordnet und es wird mit einer „genetischen Struktur“ der Geschlechter begründet – oder auch mit der „Natur“ (was immer das heißen mag). Den meisten Deutschen ist (noch) nicht bewusst, dass das eine fatale Geisteshaltung ist … 

Bei den politischen Entscheidungen und ihren Folgen frage ich mich ernsthaft: Ist es gewollt, nach einer Trennung das meiste auf den Schultern der Mütter abzuladen? Tja, was denn nun?

Gleichberechtigung oder doch nicht? Staatliche Vorgabe oder doch individuelle Gestaltung? Beides? Was WOLLT IHR? UND: Wieso finde ich nirgends eine Erklärung, das die Ziele öffentlich darlegt? Wieso diese Mauschelei?

Und auch die Justiz scheint überfordert: Richter urteilen aus dem Lameng. In Bayern anders als in Berlin. In der sächsischen Provinz beurteilen sie die Dinge anders als im rheinischen Bonn.

Auch hier frage ich mich: Was denn nun? Gleichberechtigung eigentlich schon, aber als Familie gilt nach deutschem Recht ALLEIN: Vater-Mutter-verheiratet.

Unverheiratete, Homosexuelle schon gar nicht, Alleinerziehende oder auch Patchwork – rechtlich keine Familie. Kinder werden ihnen nicht VERBOTEN, aber der Staat schützt sie und ihre Kinder auch nicht. Bildet das wirklich noch die Lebensrealität Deutschland 2015 ab? Ich finde nein. 

Hier fehlt es meines Erachtens eindeutig an einem klaren GESAMTKONZEPT.

Also, alles ins allem, eine nicht im geringsten in ihren Auswirkungen durchdachte Reform. Hier waren wirklich tumbe Knorzköpfe am Werk … Es wäre wünschenswert, wenn sich das Justizministerium dieser wichtigen Aufgabe annehmen würde – es geht um die Kinder und Familien. Den Menschen von morgen.

Hier noch mal eine weitreichende Zusammenfassung der so schnell und so still und leise vorgenommenen Gesetzesreformen, von denen bis heute viele Frauen keine Ahnung haben …

Die Eltern wachen erst im Scheidungs-/Trennungsfall auf, was dann passiert: s.o. Was noch dazu kommt: Recht und Rechtspraxis sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge … 

Mehr zum Thema – und die vielen, vielen Meinungen dazu: 

http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpolitik/198764/familie-familienrecht-und-reformen?p=all

http://www.wackelpudding-blog.de/warum-die-probleme-von-alleinerziehenden-auch-meine-probleme-sind/

http://www.rechtslupe.de/blickpunkt/reformen-im-familienrecht-312835

http://www.juraexamen.info/familienrechtsreform-examen-familienrecht/

https://editionf.com/Lieber-Personaler-erinnerst-du-dich-noch-an-die-junge-Mutter

http://atkearney361grad.de/gleichstellung/die-vaterchance/

https://www.lpb-bw.de/publikationen/stadtfra/frauen4.htm

http://www.emma.de/artikel/gesetzgebung-vorher-nachher-265857

http://www.anwalt.de/rechtstipps/reform-des-sorgerechts-laesst-unverheiratete-vaeter-aufatmen_070182.html

https://www.familienrecht.de/sorge-umgang/sorgerechtsreform-regierungsentwurf-steht/

http://www.fes-forumberlin.de/pdf_2008/Vortrag_Peschel-Gutzeit.pdf

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