Der wahre Grund für die Diskriminierung von Alleinerziehenden

Eigentlich sind wir mit fast 2 Millionen Alleinerziehenden (und täglich werden es mehr …) inzwischen viel zu viele, um uns über einen Kamm zu scheren. Das sieht das bürgerliche Publikum – vor allem das deutsche, konservative, patriachalisch lebende – aber anders. Und trägt damit dazu bei, dass Mütter und Väter, die ihre Kinder alleine groß ziehen, weiter beliebig abschätzig vom Establishment belächelt oder bemitleidet werden dürfen.

Aktuell bildet der aktuelle Artikel der ZEIT-Kollegin  ein passables Beispiel für subtiles Vorurteilsdenken. Eigentlich war es nett gemeint, wollte sie doch aufzeigen, dass es inzwischen so viele Alleinerziehende gibt, dass diese schon aus Kapazitätsgründen gar nicht mehr alle in dieselbe Klischee-Schublade passen.

Daher verglich sie unsere Inhomogenität mit der Gruppe der „Schwulen oder Rentner“ und verriet damit ihre eigene, ausgrenzende Sichtweise. Sinniger wäre ja ein Vergleich mit Ehefrauen (da gibt es ja auch solche und solche) und Wiederverheirateten (dito) gewesen. Aber nein, Rentner und Schwule wurden herangezogen – Randgruppen eben unter sich.

Und dann will sie mal so richtig aufräumen mit allen Vorurteilen, doch leider erreicht sie das Gegenteil. Zitat:

Die Wahrheit ist: Bei Weitem nicht alle Alleinerziehenden sind Helden oder Heldinnen, viele verhalten sich beispielsweise unfair gegenüber Expartnern. Natürlich sind auch nicht alle Verliererfrauen. Einige sind nicht einmal besonders unter Druck, jedenfalls nicht mehr als andere Eltern. Weil es mittlerweile 1,6 Millionen Alleinerziehende mit kleinen Kindern in Deutschland gibt, gibt es auch sehr unterschiedliche Lebensformen. Entscheidend für ihre Lebensqualität sind das Verhältnis zum Expartner, das Netzwerk an Freunden und Verwandten, das Einkommen, die Anwesenheitspflichten im Job.

Mmmhh … Nicht alle sind nett zu ihrem Partner? Nicht alle sind Verlierer oder Helden? Wichtig ist das Netzwerk, das Einkommen? Tja, das gilt für ALLE MENSCHEN. Aber wenn es für ALLE gilt, braucht man es auch nicht so aufzuschreiben, als gelte es nur für eine Gruppe.

Erst zum Ende hin kommt Niejahr auf den Umstand zu sprechen, der die tatsächliche Benachteiligung aufzeigt, die im demokratischen Deutschland tatsächlich einen enormen Missstand aufzeigt, der dem Ehegattensplitting geschuldet ist, das Deutschland 19 Milliarden Euro pro Jahr kostet, von denen Alleinerziehende aber nicht profitieren, obwohl sie als Eltern dasselbe wie alle Eltern leisten – einzig aus dem Grund, dass kein Ehepartner an der Seite steht.

Das ist das Bollwerk der Ehe und das Prinzip, dass ein Mehrverdiener (fast immer der Mann) und ein Kleinverdiener inkl. unbezahlte Haushaltsarbeit (fast immer die Frau) die Organisationsstruktur bildet, das die Konservative aufrecht hält. Aber das ist ein System von vielen Möglichkeiten. Wir sollten endlich anfangen, demokratischer zu leben. Mehr Mut zur Vielfalt zu haben, die uns Menschen schließlich ausmacht. 

Und warum soll die Ehe eigentlich so gut sein? Schließlich ist sie eine ganz junge Form der Menschheitsbürokratie, vielleicht zweihundert Jahre alt, vorher und auch heute noch in den meisten Teilen der Welt, sind die Menschen ohne sie ausgekommen. Ohne Struktur, ohne steuerliche Vergünstigungen, ohne Gesetze. Kinder wurden und werden dennoch geboren und groß gezogen – manche meinen sogar: besser als in etablierten Systemen (ich gehöre auch dazu übrigens). 

Wer hier eine Antwort haben will, muss selbst nachdenken: Wer ist in erster Linie Nutznießer dieser Strukturen? Wer eine Antwort darauf weiß, weiß auch die Antwort im Ganzen. 

Frauen werden in einer auf Gewinn orientierten Gesellschaft dazu erzogen, ihren Status von dem Status des Mannes abhängig zu machen. Den meisten ist die Struktur ihres Strebens nicht bewusst und viele haben sich mit ihrer erfolgsorientierten Stutenbissigkeit ganz gut arrangiert, vor allem wenn sie sich einen erfolgreichen Mann „geangelt“ haben , wie es landläufig leicht sarkastisch heißt.

Die Ehe befördert dieses System. Und es befördert die Abhängigkeit der Frauen von den Männern. In der Gesellschaft in der wir 2015 leben, in der Frauen bei Weitem nicht die gleichen Chancen von Männern haben, weil sie es ja auch meistens gar nicht wollen, was den Männern ja nicht verborgen geblieben ist und kein Wunder – schließlich ist es ein MÄNNLICHES Wirtschaftssystem – ist es einseitige Abhängigkeit. Das merkt frau meist erst, wenn es nicht mehr so gut läuft.

Das selbe Ungleichgewicht hat sich inzwischen im Familienrecht eingeschlichen, das den Part begünstigt, der sich weniger um die Kinder kümmert. Auch das ist ein ungerechter Unterdrückungsmechanismus, der sich in erster Linie gegen Frauen richtet, der von den verantwortlichen Ministerien und Gesetzgebern im Parlament auch schon erkannt worden ist, aber von weiten Teilen der Rechtssprechenden dennoch weiter praktiziert wird.

Es besteht auch hier ein Mangel an demokratischen Grundsätzen. Vielleicht aber auch ein Mangel an Qualitätsanspruch und vielleicht auch im Verständnis der jeweils Ausführenden.

Alleinerziehende machen hier offenkundig nicht mit. Daher sind sie entweder Loser oder Versagerinnen (in den Augen der anderen) – oder werden aus politischen Gründen (?) zu Heldinnen des Alltags stilisiert. Das sind sie vielleicht nur, weil sie sich im besten Fall nicht unterkriegen lassen.  

Alleinerziehende leben und wissen um die Schwachpunkte des Gesellschaftssystems in dem wir leben und sie reden darüber. Das hören aber die, die davon profitieren und die, die es mittragen, nicht gern.

DAS ist der wahre Grund für die Diskriminierung von Alleinerziehenden.

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