Help! Ich mein‘ uns alle …

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Früher hieß es: Bis dass der Tod Euch scheidet. Und: In guten, wie in schlechten Zeiten. Das ist nicht grundsätzlich verkehrt. Eine Ehe sollte ernsthaft begangen werden und dass nicht immer alles nach Plan läuft, ist im Leben so, ob allein oder als Paar. 

Wenn Interessenkonflikte eine Partnerschaft erschweren, gibt es häufig eine Lösung. Wenn beide stetig kompromissbereit sind, können Krisen überwunden werden. Wer den Weg und die Mühe auf sich nimmt, kann seine Bindung und seinen Charakter stärken. Auch ist es nicht verwerflich, mal zurückzustecken, wenn es hier eine Ausgewogenheit gibt.

Was aber, wenn die schlechte Zeiten nicht enden? Wenn es nicht um unterschiedliche Interessen geht, sondern, wenn ein Partner den anderen benutzt oder sich dieser aus einer Not oder einer Angst ständig benutzen lässt? Wenn Beziehung krank macht?

Dann hat die Beziehung ihren Sinn verloren. Wenn es hier keinen Ausweg oder keine Lösung gibt, dann ist es Zeit, sie zu beenden. Eine Beziehung macht nur Sinn, wenn sie auf gegenseitiger Zuneigung oder zumindest auf einer gegenseitigen Unterstützung beruht.

Doch wie eine Beziehung beenden, vor allem wenn im Vorfeld schon viel zerstörerische Kräfte gewirkt haben, wenn es starke Verletzungen gegeben hat. Wenn Kinder involviert sind?

Rona, die den noch relativ neuen Blog Phönix-Frauen betreibt, widmet sich dieser Frage. Ganz toll, wie ich finde. Sie bietet gute Informationen zu dem Thema und hat sich weitaus tiefer mit den Umständen beschäftigt als ich. Wir haben vor zehn Tagen lange telefoniert und uns ausgetauscht. Ihr findet auch einen Beitrag in den Kommentaren zu meinem Post Häusliche Gewalt? Äh, und nun …?! über den ich sehr dankbar bin.

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, alle emotionalen Aspekte rauszustreichen und nur nach Vernunft zu agieren. Vielleicht in manchen Fällen einfach nicht möglich. Wir wollen uns schützen und wir wollen Gerechtigkeit. Und wir wollen Selbstbestimmung und Freiheit. Aber um welchen Preis?

Besonders schwer wird es, wenn Gewalt im Spiel ist und dadurch auch eine lebensbedrohende Situation entsteht. Für sich, vielleicht auch für die Kinder. Dann geht es nicht nur um Besitz oder Einfluss, dann ist das Leben in Gefahr.

Wenn uns auf der Straße ein Fremder Gewalt antut, dann schützt uns das Gesetz ziemlich gut, wenn es Zeugen gibt. Aber bei häuslicher Gewalt gibt es meistens keine Zeugen, oder die Zeugen sind die eigenen Kinder! Das ist der Grund, wieso Anzeigen hier meistens ins Leere laufen. Es steht Aussage gegen Aussage zudem hat eine Beziehung eine andere Matrix. Vielleicht hat sie ihn geschlagen, aber vielleicht hat er sie vorher mehrfach misshandelt. Vielleicht hat er sie gepackt und geschubst, aber vielleicht hat sie ihm vorher das Leben zur Hölle gemacht.

Vielleicht geht die Tortur schon über Jahre und sie hat viel zu lange geschwiegen oder ist immer wieder zurückgekehrt und nicht mehr glaubwürdig. Es gibt viele, traurige Fälle. 40 000 Frauen und Kinder gehen jedes Jahr in Frauenhäuser, aber Gewalt ist geschlechtsunabhängig. Jeder Fall ist einer zu viel.

Es ist unabdingbare Vorraussetzung in einer Beziehung, bei Gewalt SOFORT den Riegel vorzuschieben. SOFORT Grenzen zu setzen. Nicht zu warten, nicht zu entschuldigen, nicht blind zu verzeihen, sondern SOFORT zu gehen. Es SOFORT als das zu sehen, was es ist: das Ende, vielleicht nicht von allem, aber von vielem. Dazu braucht es im ersten Schritt innere Stärke und im zweiten Schritt Unterstützung. 

Das größte Problem ist, dass in einer partnerschaftlichen Beziehung auch ein destruktiver Part reicht, um alle Beteiligten in den Abgrund zu reißen. Es müssen nicht zwangsläufig beide sein. Wenn einer den Kampf eröffnet, den der andere nicht will, dann kann er entweder auch kämpfen (meistens wird es dann endlos) oder nachgeben (aber der Preis kann dann sehr hoch sein), der Ruhe wegen. 

Rona und ich waren uns einer Meinung: Es geht nicht ohne Unterstützung von außen. Und es reicht dabei meist nicht eine Person. Wir brauchen ein ganzes Bataillon, um in diesen Fällen zu einer Lösung zu kommen, einen neuen Anfang hinzubekommen. Wir brauchen Hilfe. Und dazu die richtige, die echte Hilfe. Niemanden, der den Kampf weiter anstachelt. Niemanden, der schnell abarbeitet, abhakt.

Aber was ist mit den Kindern? Immer wieder gibt es Fälle, in denen trotz Gewalt in einer Beziehung und trotz des Umstandes, dass auch die Kinder von der Gewalt betroffen sind oder sein könnten, dennoch der Umgang beider Elternteile für die Kinder begünstigt wird, auch eingefordert wird. Von den Ämtern, von den Familiengerichten. 

Ich will hier nicht urteilen, denn das geht nicht allgemein. Ich bleibe auch hier bei meiner grundsätzlichen Haltung: Jeder Fall ist einzigartig. Es gibt KEINE GENERELLE Lösungsmodelle. 

Aber was ich hier sehe, ist ein Mangel an einem breiten gesellschaftlichen Diskurs, ein Mangel an guten Überlegungen, ein Mangel an Konzepten für etwas, das immer mehr zunimmt. Immer mehr Menschen trennen sich, immer mehr Kinder sind betroffen und immer mehr sind überfordert.  

Die katholische Kirche hatte früher im schlimmsten Fall lediglich die Antwort: Augen zu und durch. Im besten Fall stand und steht die Kirche mit Angeboten und (wirklicher) Hilfe und Gesprächen bereit, um hier zu intervenieren, zu helfen, zu unterstützen, nach den Ursachen zu forschen.

Die Aufgabe der Kirche übernimmt heute in den meisten Fällen der Staat. Tatsächlich gibt es, zumindest in den Städten, zahlreiche Angebote und Beratungen, in den sich Betroffene Hilfe holen können. Es gibt Gerichte, es gibt Jugendämter. Sie bemühen sich zumindest, wenn auch nicht immer. Ich denke, das reicht trotzdem bei Weitem nicht aus.

Wir brauchen auch ein Bewusstsein und eine Einstellung in jedem von uns, dass wir uns wieder mehr für einander einsetzen. Dass nicht nur die Frau bei der Beratung, die Sachbearbeiterin beim Jugendamt oder die Vorsitzenden bei den Gerichten die Sorgen der Klienten professionell, aber ohne persönlichen Bezug abarbeiten, sondern dass jeder/jede von uns bereit ist, für Menschen dazu sein, zu sehen, wenn jemand Hilfe braucht, zuhört, Hilfe anbietet.

Das tut uns allen gut. Und schon morgen, kann es uns selbst betreffen … 

Und all denen, die Hilfe brauchen, macht die Augen auf: Da sind viele, die für Euch da sein mögen. Prüft, bevor Ihr euch anvertraut, aber öffnet Euch.

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1 Comment

  • Grundsätzlich sollte unser allgemeines Bild einer Ehe, einer Beziehung hinterfragt werden.
    Ein Sparkassen Werbevideo oder das von der Bausparkasse scheint nicht der Realität zu entsprechen.
    Beziehungen sind komplexer Natur, resultieren aus Erfahrungen und Sozialisation.
    Grundsätzlich sollten keine Abhängigkeiten im emotialen Sinn bei den jeweiligen Partnern entstehen.
    Sowohl Opfer von Gewalt, als auch die gewaltätige Person benötigen Hilfe bei der Konfliktlösung.
    Ausgeübte Opferrolle und ausgeübte Gewalt haben eine Vorgeschichte, oft in der Kindheit.
    Wenn man dies Problematik von häuslicher Gewalt lösen möchte, darf man versuchen die Ursachen zu verstehen.
    Sonst ist es wie in der Medizin, man behandelt nur Symptome.

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