Die FAZ findet: „Alleinerziehende sind die Hätschelkinder der Nation“ und begründet es haarsträubend

Das liebe ich immer: Zwei ältere Männer schreiben über alleinerziehende Mütter – so mal von ganz nah dran und total auf Augenhöhe und dann wird ordentlich drauf gedroschen.

Kommt immer wieder vor. Auch die Medien wollen den Proporz beachten. Hier hat sich die FAZ-Gruppe erbarmt, zwei drögen Herren mit ihren Ansichten aus den Tiefen reaktionärer Knorzigkeit ein Forum zu geben. Team Hank und Meck (ja, sie heißen wirklich so) steht an der Front bereit, um auf Alleinerziehende ein- äh, gegen sie anzutreten!

Unter dem Titel „Die Hätschelkinder der Nation“ wurde ordentlich vom Leder gezogen. Zunächst wurde die Klischeekiste bedient: dass Alleinerziehende doch eh (fast) alle Schmarotzerinnen seien, die listig wie Schlangen einzig und allein darauf sinnen würden, wie sie die Steuerzahler bestmöglich aussaugen können.

Stein des Anstosses sind – Täta: Weiterbildungen von alleinerziehenden Hartz IV-Empfängerinnen. Diese hätten jüngst 60 Millionen Euro gekostet.

Dass es möglich ist, alleinerziehend UND Steuerzahler zu sein kann, ist bei denen mit 32-Bit laufenden Prozessoren der Autoren nicht programmiert gewesen, fast scheint es, dass es überhaupt auch Steuerzahlerinnen gibt, wäre hier vollkommen irrelevant, denn es wird der Eindruck erweckt: WIR Steuerzahler (männlich), zahlen diesen Alleinerziehenden (weiblich) jedes Jahr 60 Millionen Euro für Weiterbildungsmaßnahmen!

So what? Könnte man einwenden. Die Gesamtausgaben für Weiterbildungsmaßnahmn der Agentur für Arbeit belaufen sich auf jährlich auf weit über 1 Milliarde Euro, die Kosten für Hochschulen lassen sich auf einen zweistelligen Milliardenbetrag beziffern, usw. Wir sind ja auch das Land der Dichter und Denker, Bildung steht bei uns hoch im Kurs.

Man könnten auch einwenden: Ist doch bemerkenswert, dass sich alleinerziehende Mütter, die ja eh schon so viel alleine wuppen müssen, auch noch weiterbilden!

Auch dieser Gedanke drängt sich mir auf: Warum sollten Alleinerziehende KEINE Weiterbildung bekommen? Oder last but not least: Wieso wird der Familienstand hier so betont? Seit wann kommt es bei einer Weiterbildung darauf an, ob ich Single, verheiratet, alleinerziehend 2-,3-,4-fache Mutter bin? Fragen die Herren auch, wieviel Geld für Weiterbildung letztes Jahr beispielsweise für homosexuelle Hartz IV-Empfänger ausgegeben wurde? Hoffentlich nicht.

Aber, nein heute haben sich die Herren der Schöpfung nicht die homosexuellen Partnerschaften vorgenommen, heute geht es um die „Hätschelkinder der Nation“. Und weil niemand im Leben darauf kommen würden, dass es sich dabei um Alleinerziehende handeln würde, hilft das Team Hank und Meck mit stichhaltigen Argumenten nach:

a) Sie können Betreuungskosten absetzen! Oh, das können natürlich ALLE Eltern, egal ob alleinerziehend oder nicht. Und da es in diesem Artikel ja eigentlich um allein erziehende Hartz-IV-Empfängerinnen geht, die ja überhaupt gar nichts von der Steuer absetzen, weil sie ja keine zahlen, außer wahrscheinlich Mehrwertsteuer, tut das hier eigentlich überhaupt nichts zur Sache, aber, egal, das musste wohl einfach mal gesagt werden!

b) Zweiter pseudo Hätschel-Punkt: Wir Alleinerziehenden stünden seit Jahren unter verschärfter Beobachtung der Statistiker und Demoskopen: „Deswegen wissen wir auch, dass es im Jahr 2007 in Deutschland 1,6 Millionen Alleinerziehende …“ usw. Also, 1.: Ob unter verschärfter Beobachtung zu stehen jetzt gut ist, weiß ich nicht. Aber nehmen wir mal an, es wäre was Positives, dann wäre 2. ständig aber das letzte Mal vor acht (!) Jahren gewesen! STÄNDIG? Was ist denn dann bei Ihnen häufig oder oft? Denken Sie in den Zeitmustern des Alten Testamentes?

c) Alleinerziehende sind ja gar nicht alleinerziehend. Die tun nur so. Vor allem wenn sie Hartz IV beziehen. In Wirklichkeit wohnt der Alte eine Treppe tiefer. Hier wird tatsächlich ein interessantes Werte-Paradoxon angesprochen. Denn während das Ehegattensplitting, das die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen jährlich 19 (!) Milliarden (!) Euro kostet, ein verheiratetes Paar, bei denen nur einer den Hauptverdienst (meistens der Mann) leistet, während eine zu Hause bleibt (meistens die Frau) und damit ihre Karriere und die Altersvorsorge den Lokus runterspülen muss, finanziell hätschelt (mit bis zu 15 000 Euro mehr im Jahr), ist dieses Prinzip bei Hartz-IV-Empfängern genau umgekehrt: Wenn eine Partnerschaft besteht, gibt es weniger. Und daher – so mutmaßt THE MAN-WRITER, denn Zahlen hat er keine, es gebe aber „Hinweise“ – ist es so, dass diese Alleinerziehenden BESTIMMT den Kindsvater im Bettkasten verstecken, um auf diese Weise skrupellos die Steuergelder der Autoren zu verjubeln.

So! Aus diesen hier noch mal aufgeführten Gründen – so Hank-Menk – nennen wir die Alleinerziehenden nun „Hätschelkinder der Nation“ und publizieren das in der FAZ.

Na, gut, eine Meinung haben kann jeder und die FAZ druckt anscheinend auch inzwischen alles, was sie kriegen kann, vielleicht sind die Autoren in der Colonia Dignidad aufgezogen worden und haben nicht nur ein spezielles Zeitempfinden, sondern auch eins, das Zuwendungen anders empfindet – und für sie ist das, was hier mit Alleinerziehenden passiert, eben ständiges Hätscheln. So aus dem Bauch raus empfunden. Logisch nachvollziehbar ist das aber alles nicht.

Eine Frechheit ist dann allerdings der vorletzte Absatz, da stellen Hank-Meck eine finanzielle Unterstützung durch den Staat von Alleinerziehenden prinzipiell in Frage. Zitat:

„Kein Wunder, dass die Gesellschaft immer mehr Geld für Alleinerziehende ausgibt, ohne dass sich dies positiv in der Arbeitslosenstatistik bemerkbar macht. Allein für Babyausstattung, Hilfen für Klassenfahrten oder für Kommunion respektive Konfirmation stieg der Aufwand zwischen 2005 und 2007 von 42 auf 62 Millionen Euro.

Was die staatliche Förderung der Alleinerziehenden aber insgesamt den Steuerzahler kostet, hat bislang noch niemand errechnet. Hinter der Intransparenz steckt Methode. Denn verschleiert wird, wie weit der Wohlfahrtsstaat sich unterdessen von seinem Gründungsgedanken entfernt hat.

Zu Bismarcks Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts ging es darum, die von der Industriegesellschaft geschaffenen Risiken (Arbeitslosigkeit, Unsicherheit im Alter) von der Allgemeinheit sozial abzufedern. Heute versichert der Staat existentielle Risiken: Eine Trennung von einem Partner, so schlimm sie oft ist, ist eine private Entscheidung eines Paares, für die weder der Kapitalismus noch die Industriegesellschaft etwas kann.“

AHA! Der KAPITALISMUS KANN was dafür, wenn Sie krank werden, ihr Haus niederbrennt, Sie den Job verlieren oder frühzeitig in Rente gehen müssen, der KAPITALISMUS KANN aber NICHTS dafür, wenn der Mann seine Frau verlässt oder sie und die Kinder ständig schlägt und sie ihn verlässt und dann alleine sich selbst und die Kinder alleine zu versorgen hat. Harkts?

Was denken die beiden ollen Mannsbilder eigentlich? Wir Alleinerziehenden, wir trennen uns mal so aus Jux und Dollerei? Und dann bedienen wir uns bei den Steuerzahlern, kassieren ordentlich für uns und unsere Brut ab? Obwohl wir nehmen ja kein Cash: Wir beantragen Weiterbildungsmaßnahmen! Tja, so sind sie die Alleinerziehenden, total verhätschelt eben!

 

Ist Ihnen schon aufgefallen, Sie, die Sie bei der FAZ über Geld und Wirtschaft schreiben, dass wir in der SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT leben? Wir sorgen für Menschen, denen es nicht gut geht und dabei fragen wir nicht nach Schuld, denn wer sollte die bemessen? Oder sollen wir – wenn es nach Ihnen ginge – in Zukunft so leben: Im Krankenhaus Unfall gehabt, weil die rote Ampel übersehen wurde? Tut, mir leid, da zahlt die Krankenkasse nicht. Nach dem Ski-Unfall nicht mehr arbeitsfähig? Kommen Sie selber klar, was betreiben Sie auch so einen dusseligen Sport? Ihr Kind ist vom Auto angefahren worden? Da können wir nichts machen, da hätten Sie besser aufpassen müssen. Alleinerziehend mit kleinem Kind und sie möchten Hartz IV? Gibt’s nicht, suchen Sie sich einen Mann, der sie versorgt! So, meine Herren Kapitalisten?!

Damit wir nun nicht ohne Ergebnis aus dem Diskurs gehen, biete ich den Herren selbst eine Weiterbildung an, die den Steuerzahler dazu – das verspreche ich – keinen Cent  kostet! 

Und hier der Ablauf: Sie ziehen in eine 60-Quadratmeter-Platte im 13. Stock, z.B. in Berlin-Hellersdorf. Wir stellen ihn 24 Stunden drei Kindern im Alter zwischen 4 und 13 Jahren an die Seite.

Und nun die Aufgabenstellung: Suchen Sie sich einen Job, halten sich den gewalttätigen Ex-Mann vom Leib (vergessen Sie die Polizei, die kann nichts machen), bringen sie ihre Kinder JEDEN Morgen pünktlich zur Schule bzw. in die Kita und holen Sie die Kleinen pünktlich ab. Seien Sie immer für ihre Kinder da und sorgen Sie für gesundes Essen, kochen Sie täglich für vier. Sorgen Sie für ausreichend Schlaf, betreuen sie sie bei den Hausaufgaben. Verzichten Sie auf Hartz IV und Zusatzleistungen – weil Sie sind ja selber Schuld an Ihrer Trennung, das war Ihre private Entscheidung und sie hätten ja auch abtreiben können.

Werden Sie nie krank. Und ihre Kinder auch nicht. Dann machen sie sofort Schulden. Denn sie bekommen nirgends eine Festanstellung, Sie kriegen Stundenlohn und den nur, wenn Sie zur Arbeit erscheinen. Auch bezahlten Urlaub haben Sie natürlich nicht, aber den können Sie sich eh nicht leisten.

Und beschweren Sie sich nicht. Lesen Sie einen Artikel auf Faz.net unter der Überschrift „Die Hätschelkinder der Nation“ und seien Sie richtig glücklich, wie viel der Staat und DER Steuerzahler für Sie und Ihre Kindern tun! Auch wenn es nicht von Herzen kommt.

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11 Comments

    • Danke für den Hinweis, in der Tat der Artikel ist älter – steht aber leider ja weiterhin im Netz und hat daher weiter bestand. Er kommt immer wieder auf, wird immer mal wieder gepostet und sorgt jedes Mal für Unmut.

      Auch beide Autoren arbeiten weiterhin für die FAZ, daher ist es besser, wenn man weiß, wie sie so ticken…

      Ich denke, die FAZ könnte in so einem offensichtlichen Fall von Diskriminierung auch reagieren. Da sie das aber nicht tun möchte, wollte ich nun mal was dagegensetzen. Das bleibt dann auch stehen ; ))

  • *kopfschüttel* Wovon haben die beiden Herren denn zu wenig bekommen, als dass sie es nötig haben Frauen-(in diesem Fall Alleinerziehenden-)Bashing zu betreiben?

    Spannend wäre zu erfahren, wie viele der Fortbildungen an alleinerziehende Männer vermittelt wurden. Ebenso ob die zwei Autoren Kinder generell mögen oder nur die Kinder von bestimmten Menschen.

    Liebe Grüße
    Saranya

  • „Sie ziehen in eine 60-Quadratmeter-Platte im 13. Stock, z.B. in Berlin-Hellersdorf. Wir stellen ihn 24 Stunden drei Kindern im Alter zwischen 4 und 13 Jahren an die Seite“…
    das würde ich auch gerne mal sehen, bei so manchem Mann allerdings!
    Liebe Grüße
    Nunu

  • Ich halte nichts mehr aus!!!!
    Unfassbar, wie können diese Redakteure überhaupt an diversen Menschen, die hoffentlich MIT HIRN ausgestattet sind (eigentlich finde ich die FAZ ziemlich niveauvoll) vorbei schleichen? Überprüft keiner was für einen Sch*** die da schreiben???

    Bei der FAZ gibt es jedenfalls offensichtlich keine alleinerziehenden Mütter?!

    Deine Weiterbildungsmaßnahme unterstütze ich indem ich eine zweijährige Trotzkopfmaus dazu geselle;)

    Danke und liebe Grüße!
    Mira und Püppilotta

  • Tausend Dank!!!! Spricht mir sowas von aus dem Herzen- und die Weiterbildungs-Idee mit der Platte, 13.Stock, 3 Kinder ….- genial!!!!!

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