Sind wir nicht alle ein wenig … allein erziehend?

In letzter Zeit wurde mal wieder darüber diskutiert, ab WANN eine Mutter alleinerziehend ist.

Es fing ganz harmlos an, mit dem Beitrag von Dr. Christine Finke auf ihrem tollen Blog „Mama arbeitet“, über die 6 Stadien vom Paar mit einem Kind zu einer Alleinerziehenden mit drei Kindern und erreichte seinen Höhepunkt mit dem Beitrag von Stadt-Mama, die sich als verheiratete Mama eigentlich auch alleinerziehend empfindet, weil ihr Mann immer so spät abends heim käme und der Hauptteil der Erziehung auf ihren Schultern laste.

Ich rede oft privat darüber, dass es schwer ist, alleine dazustehen und wie ungleich verteilt die Verantwortungen sind und mein Ziel ist dabei, einander aufzuklären, denn ich habe erfahren, dass es leichter ist, wenn wir Mütter und Väter uns austauschen, uns unterstützen, zusammentun – und das klappt auch meistens gut, aber manchmal bekomme ich ganz andere, kritische, sehr negative Reaktionen. Und das nicht nur von Männern, die sich durch meine Aussagen angegriffen fühlen, was sie gar nicht bräuchten.

Immer wieder sind es auch die Frauen, die sich über meine Aussagen und Erzählungen monieren. Da gibt es die Mutter, die sagt, sie habe drei Kinder und ihr Mann arbeite und sei nie zu Hause und wenn, dann interessieren ihn die Kinder nicht, sie würde auch alles alleine wuppen, aber nie auf die Idee kommen, zu klagen und sie hätte da ihren Weg gefunden (welcher das ist wird leider nie verraten …)

Oder es gibt die Frau, ohne Kinder, die dann sagt: „Aber schau, Du bist so eine attraktive Frau, dein Kind ist so gesund, Du bist eine engagierte Mutter, hast einen tollen Job … Das ist doch total schön!“ Oder die Frau, die sagt: „Ich bekomme überhaupt keinen Unterhalt, mein Ehemann hat mich nach 15 Jahren einfach sitzen gelassen wegen einer anderen, hat jetzt mit ihr ein Kind und ich sitze hier, alleine mit den beiden, das ist richtig hart … Da geht es Dir doch richtig gut!“

Das ist zwar alles nicht unrichtig, aber wozu soll das Mama-Bashing gut sein? Alles drei klingt nach Tadel und Kampfansage: Jammer nicht rum Mädchen, so ist das nun mal als Mutter. Und sagt auch: Schau mich an, ich bin eine leistungsstarke Mutter, eine konstruktiv denkende Frau, die die Zähne zusammenbeißen kann! Oder: Wie kannst Du klagen, wenn es mir so schlecht geht?

Bis dato war mir mein Klagen gar nicht bewusst. Ich dachte immer, es ist gut, ehrlich zu sagen, was einen belastet. Vielleicht erleichtert es dann uns allen das Reden und der Trauer Lauf zu lassen und das gemeinsam, nicht jeder nur für sich in seinem Kämmerlein. Und vielleicht kommt uns nach dem Reden und dem gemeinsamen Tränen vergießen eine gute Idee, vielleicht nehmen wir uns einfach alle in die Arme, haken uns unter und überlegen uns, WIE wir uns zusammentun, WAS wir gemeinsam machen können, damit es leichter für uns wird … Stattdessen: DAS s.o.!

Eine traurige, eine irrsinnige Sache. Denn nicht nur, dass die Diskussion vollkommen sinnlos ist (auf die ich mich nicht mehr einlasse) und immer ins Leere läuft, weiß ich inzwischen, dass dahinter eine äußerst ungesunde Denkweise steht: Nämlich, dass der Wert der Frau über 1. ihre Mutterschaft und 2. die Leistung definiert wird – nicht nur von der Gesellschaft, die Frauen haben es selbst verinnerlicht (und natürlich auch viele Männer).

Das Motto scheint hier zu sein: je mehr Kinder, je mehr Stress, je mehr Probleme, desto mehr Arbeit, desto höher die Leistung, desto besser die Mutter, desto besser der Mensch. Daher Zähne zusammenbeißen und durch! Denn: Nur wer leistet, ist es wert, geliebt zu werden. Augen zu und durch. Die Gefühle kontrollieren, sich beherrschen, nicht nach außen zeigen, was sich innerlich in Dir abspielt: „Never complain, never explain.“. Es gibt viele, die haben sich wie ein Löwe im Zirkus dieses Verhalten antrainiert, sind sogar stolz drauf und geben Tipps, wie es funktioniert …

Oder wie Helmut Kohl die Stimmung einer Nation auf den Punkt brachte: „Meine Hochachtung gehört unseren Müttern, die eine Leben lang ihre Pflicht getan haben, ohne zu protestieren.“ Muttersein als Pflicht? Wer immer noch so denkt, verkennt vielleicht die Realität: Wie sind 8 Milliarden Menschen (also 8 000 000 000), niemand MUSS Kinder in die Welt setzen, wenn er lieber was anderes machen möchte, von uns gibt es mehr als genug. Und wenn dann sollte es doch aus Liebe geschehen, nicht aus Pflichtgefühl, oder?! Ein Mensch ist viel mehr als seine messbare Leistung, glücklich wird nur, wer versucht, ein guter Mensch zu sein – mit oder ohne Kind.

Ich halte das für unsere Psyche sehr, sehr gefährlich. Nicht nur für uns Mütter, sondern für jeden Menschen, für unsere Gesellschaft … Wir erziehen uns zu einer Masse heuchelnder Funktions-Wesen, die jegliche Gefühlsregung hinter einer aalglatten Maske der politischen Korrektheit verbergen, wir werden Personen, die innendrin leben und außen herum einen sehr, sehr dicken Panzer tragen, der nichts durchlässt – weder in die eine, noch in die andere Richtung. Wer seine Gefühle unterdrückt, um damit die Fassade aufrecht zu halten, tut sich Schlimmes an. 

Mutterseelenalleinerziehend hat über die Hintergründe eines übertriebenen Leistungsdenkens ein sehr gutes Stück geschrieben. Und wen interessiert, wie sehr wir von eigentlich längst überholten Mütterbildern geprägt sind, wie sehr sie uns unbewusst anhaften, kann die Entwicklung der Mütter-Leitbilder in den letzten zwei Jahrhunderten in einer sehr schönen Abhandlung aus der Planet-Wissen-Redaktion nachlesen.

Und schauen wir uns doch jetzt noch mal an, welche alleinerziehend-Definitionen so zu finden sind …

Da gibt es zum einen die strikte juristische Definition § 21 des Zweiten Buches Sozialgesetzgebung (SGB II), die ausschlaggebend z.B. bei der Bestimmung von Mehrbedarf bei der Agentur für Arbeit ist. Es gibt eine ungefähre Umschreibung vom Bundesministerium für Familie, mit ein paar hilfreichen Tipps und die vom Duden empfohlende Schreibweise Alleinerziehende bzw. Alleinerziehender, die/der nach der Rechtschreibreform auch allein Erziehende/r geschrieben werden darf und die/der laut Duden, jemand sei, die/der ihr/sein Kind, ihre/seine Kinder allein erzieht.

Sein Kind allein erzieht … Jetzt sieht „das Wort“ schon ganz anders aus und es wirkt auch anders! Wenn ich mich im erweiterten Bekanntenkreis umhöre, die Frage stellen würde: „Wer von Euch, erzieht sein Kind (meistens) allein?“. Ich bekäme von vielen Ehefrauen viele „Hier, ich“-Stimmen.

Das ist nicht nur gefühlt richtig. Laut Studie übernehmen zwei Drittel aller Mütter die Erziehung – verheiratet oder nicht verheiratet. Sie kümmern sich zum Großteil um die Erziehung der Kinder, um den Haushalt, um die Pflege der Angehörigen, den Familienzusammenhalt. Da kann man doch wirklich mal die Frage stellen: „Sind wir nicht alle ein bisschen allein erziehend?“ Falls ja, macht es dann für uns Mütter und für unsere Kinde Sinn, in „alleinerziehend“ und „allein erziehend“ zu unterscheiden? Ich finde nicht, unsere Gesellschaft, unser Staat, unser Rechtssystem macht das aber!

Und dann muss ich doch noch eine Lanze brechen!

Niemand sagt, dass eine Ehe, speziell wenn kleine Kinder im Haus sind, ein Zuckerschlecken ist – doch es IST was anderes, als eine Mutter zu sein, die sich ohne Unterhalt und Unterstützung tatsächlich allein mit ihren drei (kleinen) Kindern durchs Leben robben muss.

Es ist sicher nicht aufregend und ermüdend, den ganzen Tag mit kleinen Kindern beschäftigt zu sein, während der Mann weiter an seiner Karriere schraubt, seine Altersvorsorge sichert und zwei Wochen mit der ehrgeizigen, attraktiven Assistentin auf Geschäftsreise ist – doch es IST etwas anderes, als mit dem Rücken zur Wand und verschuldet dazustehen und dann noch, wenn man dringend eine Wohnung/einen Job/ein Darlehnen braucht, gesagt bekommt: „Ähem… tja, wissen Sie, Sie als alleinerziehende Mutter, ich will Ihnen da nichts unterstellen, aber, nun ja, …“ Oder von anderen Frauen/Müttern noch zu hören: „Ja, wärst du doch bei deinem Mann geblieben …“ Als wenn das immer so einfach wäre. Oder als wäre es keine Leistung, sich von jemanden zu trennen, der einen selber und die Kinder schlägt.

Denn einmal sind es Probleme, die theoretisch lösbar sind. Bei dem anderen geht es um die Existenz!

Und was kommt nun unterm Strich heraus? Das alles doch sehr nah beieinander liegt. Oder sich auch – von einem zum anderen Tag, schlagartig – von dem einen zum anderen entwickeln kann.

Die einen fühlen alleinerziehend, die anderen sind alleinerziehend. Aber wisst Ihr, was eigentlich wichtig ist: dass unsere Kinder gut versorgt sind. Und dazu gehört, dass auch die Menschen, die sich um sie kümmern, gut versorgt sind – in welcher Konstellation auch immer sie leben (wollen).

Allein darüber sollten wir uns Gedanken machen: Können wir ausreichend für unsere Kinder da sein? Falls nicht, wie helfen wir uns gegenseitig? 

Und das muss das Ziel sein:

Eine gute Versorgung unserer Kinder durch eine gerechte Verteilung der Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen und durch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Modernere Gesetze, die das ein Gleichgewicht und den Gemeinsinn zwischen Eltern, Vätern und Müttern stärken (unabhängig ihres Ehe- Familienstatus), anstatt Ungleichheit zu produzieren. Die dafür sorgen, dass Benachteiligten Unterstützung zu Teil wird, anstatt sie auszugrenzen.

Und der Anfang dazu kann sein, mit den Klassifizierungen um des Klassifizierenwillen aufzuhören – und mit dem Irrsinn eines immer weiter getriebenen Leistungsdenkens, weil das unsere Kinder benachteiligt.

Die Denke sollte sein: Wir wachsen alle unter bestimmten Umständen auf. Was können wir tun, damit wir das Beste herausholen? Jedes Familienmodell hat seine Vor- und Nachteile. Und wir brauchen auch nicht alle so zu tun, als wüssten wir nicht um die Gefahren einer Ehe. Die Statistik belegt es: Eine verheiratete Frau stirbt früher als eine unverheiratete. Bei Männer ist es umgekehrt. Und wir sollten aufhören, darauf auch noch insgeheim stolz zu sein und uns den Irrsinn vor Augen führen (s.o.).

Und wer jetzt noch Lust hat, kann hier noch mal vergleichen und ich bitte, genau hinzusehen: Alleinerziehende Mama, Verheiratete Mama.

Schaut doch mal, ob es wirklich GRAVIERENDE Unterschiede gibt. Gut, Mama 2 ist traurig, weil sie gerade verlassen worden ist (das könnte Mama 1 oder Papa 1 auch noch passieren und geht ja bekanntlich vorbei). Aber sonst? Irgendetwas Herausragendes? Ich freue mich über Kommentare …

Mama, allein erziehend mit Mann:

https://www.youtube.com/watch?v=oxPwQqKxz0Q

 

Mama, allein erziehend ohne Mann:

 

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