Vater + Mutter + Kind = gesund! Mutter + Kind = ungesund?

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Mein Kind bekommt immer wider Vorurteile zu spüren, weil seine Eltern getrennt sind. Und er ist damit nicht allein. Laut einer Studie aus den USA, zu der 3000 Menschen die Frage gestellt wurde, ob Single-Elternschaft etwas Schlechtes sei, antworteten 2011 enorme 99 Prozent mit Ja!

Ist das den richtig? Macht die FORM den INHALT? Ist nicht eigentlich der INHALT wesentlich und die FORM nebensächlich? Sprich: Eine grauenvolle Ehe ist schlechter für alle Beteiligten als eine gute Mama-Kind-Beziehung. Oder eine umsorgtes Solo-Mama-Kind hat es besser als ein vernachlässigtes mit dafür aber verheirateten Eltern.

Der Autor eines der erfolgreichsten Männer-Blogs (ich füge hier bewusst keinen Link ein), veröffentlichte neulich einen Blog-Eintrag mit dem Titel „Warum die meisten (sic!) allein erziehenden Mütter gehörig einen an der Klatsche haben“ Es gab Teil I und Teil II und der Beitrag war voller Hass, sexistisch und frauenfeindlich, voller Klischees, Ungereimtheiten und Anfeindungen unter der Gürtellinie – von Anfang bis Ende.

Genau wie dieser irre Blogeintrag bedient auch die eher seichte und Besorgnis heischend , aber oft auch simple stutenbissige Vorurteilsschiene die Kompensation der eigenen Unsicherheit: Einfaches aber auch leider dummes Konzept: In dem ich den oder die andere runtermache, erhöhe ich meinen eigenen Status. 

Mary Beth Sommens berichtet sehr anschaulich, welche Vorurteile Alleinerziehende zu spüren bekommen – meistens gehen sie einher mit einer Abwertung als Mutter, häufig aber auch mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Es wird behauptet, die alleinerziehenden Mütter seien verantwortungslos, chaotisch, frustriert, einsam, würden sich schuldig fühlen, wären verbittert, zu bedauern, uns sei nichts zuzutrauen.

Aus Sicht mancher Väter wird uns je nach Stimmungslage und Trend vorgehalten, dass wir ihnen unsere Kinder entziehen oder keine Rücksicht auf ihre beruflichen Umstände nehmen und kein Verständnis hätten, wenn er denn mal einen Umgangstermin absagen müsse (kennen wir alle, oder?!), dass wir unsere Kinder manipulieren, sie gegen die Väter aufhetzen und natürlich die Väter einengen, dass wir einem neuen Mann die gemeinsamen Kinder unterjubeln und unverschämte finanzielle Forderungen stellen – oder wie es ein Vater auf meiner Facebook-Seite kommentierte: „Erst ein Kind machen lassen und dann die Hand aufhalten … Das ist alles nur zu ertragen, in dem man ganz schnell weghört.

Doch was ist mit unseren Kindern? Können die auch so gut weghören? Mein Sohn bekommt schon jetzt im zarten Alter von 4 Jahren die Vorurteile zu spüren. Er ist ein ganz normaler Junge, er hat seine Schwächen und er hat seine Stärken, aber nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, aber das sehen andere ganz anders. Nur: Sie sehen nicht auf meinen Sohn, sie suchen nach Dingen, die ihre eigenen Vorurteile bestätigen. Und plötzlich wird aus jeder Mücke ein Elefant … 

Zum Beispiel die Erzieherinnen im Kindergarten. Weil mein Sohn auch mal gern allein ist, sehr wählerisch mit seinen Freunden, nicht so super gern in den Kindergarten geht, sondern lieber zu Hause ist, wurden ihm schon Probleme auf Grund der Elternkonstellation unterstellt (übrigens: später stellte sich heraus, dass die Problematik bei zwei älteren Jungs liegt – übrigens beide aus verheiratetem Elternhaus – die eine ganze Reihe von Kindern tyrannisierten. Nachdem hier zahlreiche Gespräche stattgefunden hatten, ich mich natürlich auch viel mit den Eltern und Kindern auseinandergesetzt hatte, wurde es erst sehr viel ruhiger, als die beiden „Störenfriede“ dann in die Schule kamen, wo sie sich inzwischen auch wieder besser benehmen, mein Sohn hatte also das Richtige gemacht: sich aus den Konfliktsituationen herausnehmen, sich zurückgezogen, um sich zu schützen. Das war verkannt worden, die Interpretation hier von außen war das Problem gewesen…!)

Dennoch wurde das Verhalten meines Sohnes zunächst problematisiert und dann auch gleich psychologisiert. Ich habe der Erzieherin meine Sicht der Dinge geschildert, seitdem nimmt sie sich zurück mit vorschnellen Beurteilungen, aber es ist noch ein langer Weg, bis die Vorurteile und die Bewertungsmuster, die zur Ausgrenzung führen – und die hat viele Gesichter, aus den Köpfen sind …

Zum Beispiel auf dem Sommerfest im Kindergarten zum Abschied der Schulabgänger. Mein Sohn freut sich immer auf dieses Fest einmal im Jahr, denn es ist ein schönes Fest. Es gibt viel zu Essen, viel Kuchen, viele Spiele und alle Eltern sind dabei. Ja, auch Brunos Eltern sind bislang immer beide mit dabei gewesen. Darum hatte ich den Vater gebeten und – da ich im Vorstand des Fördervereins bin, der das Fest mitorganisiert – ihn gefragt, ob das Lagerfeuer zu entfachen und zu betreuen. Ich mache dann jedes Mal Stockbrotteig, den sich die Kinder um Stöcke wickeln, um ihn über dem Feuer zu backen und zu rösten.

Für meinen kleinen Jungen ist das einer der wenigen Momente, in denen er beide Eltern gemeinsam für sich hat. Es macht ihn glücklich, es macht ihn stolz und er sieht, wie toll wir zusammenarbeiten können. Zu diesem Fest hatte ich Bruno gebeten, bei seinem Vater zu bleiben, weil ich mich um den Ablauf kümmern musste. Und da saßen dann Vater und Sohn gemeinsam am Lagerfeuer, Bruno hielt seinen Stock mit dem Teig von Mama ins Feuer und ich stand gleich daneben, half den anderen Kindern, verteilte den Teig und immer wenn was aufregendes passierte, schaute Bruno kurz hoch und weihte mich ein.

Später half ich dann noch beim Aufräumen und unser Sohn blieb wieder bei seinem Vater. Schließlich war das Fest zu Ende, der Vater musste gehen, unser Kind nahm uns beide in die Arme und versuchte uns aneinander zu drücken. Das war süß und ein ganz normales Verhalten eines kleinen Jungen, der seine Eltern liebt. Nachdem der Vater gegangen war, habe ich Bruno auf den Arm genommen und wir haben den Heimweg angetreten, es sei ein schönes Fest gewesen, sagte er.

Doch die anderen sahen das ganz anders. Es wurde vor allem von einem (mit dem Vater befreundeten) Elternpaar getuschelt und die beiden (Verheiraten) kamen ganz eindeutig zu dem Schluss, dass der Vater sich ja total kümmert und, dass Bruno ja offensichtlich lieber bei seinem Vater sei.

Mal abgesehen davon, dass es ein gemeinsames Arrangement war und die Einschätzung kompletter Blödsinn, ist es die Denke und die Haltung, die so schädlich ist. Wenn wir verheiratet wären, käme niemand auf die absurde Idee, die Eltern des Kindes in einen Wettstreit miteinander zu setzen und sie zu vergleichen.

Doch auch in der Familientherapie hörte ich Aussagen wie: „In einer gesunden Familie, mit Vater-Mutter-Kind, kann das Kind …“ und dann wurde ausgeführt, warum Bruno angeblich ein Handicap hätte, und das es daran lege, weil die Form nicht stimme.

Automatisch werden wir zu Losern abgestempelt. So wie neulich eine Bloggerin (verheiratet, zwei Kinder) mich herablassend aufforderte: „Schreib doch mal darüber, wie krass es ist als Alleinerziehende so in Berlin …“ Ich hätte gerne geantwortet: „Schreib doch mal wie krass es ist als Verheiratete, mit ’nem Mann, der ständig unterwegs ist, fremd geht, sich nicht für dich interessiert – so in Berlin …“ 

„Gesund?“, hakte ich nach. „Habe ich das richtig verstanden: Brunos Leben ist also ungesund? Und führte aus: Vater+Mutter+Kind = gesund – Patchwork, Single-Mum, Regenbogen-Familien, etc. = ungesund?“. Da verstummte mein Gegenüber.

Und da wurde mir eines klar: Die meisten Leute denken in enorm einfachen Mustern. Sie denken zum einen, dass die Form den Wert mache und nicht der Inhalt. Sie denken, es gebe EIN FAMILIENMODELL. Und ihnen fehlt der realistische und reflektierte Blick, denn dann würden sie sehen, das die Welt alles andere als so läuft wie in der heilen Welt der „Kindern von Bullerbü“ und dass das meisten oft doch nur Fassade ist.

Und ich merkte auch, dass ein enormer Widerspruch zwischen dem besteht, was wir gedenken zu sein und dem, was wir tatsächlich leben.

Und dass die meisten Leute ihr eigenes Lebensmodell für das beste halten und es sogar noch mit harten Bandagen verteidigen, anstatt zu sehen, dass es genau die Vielfalt ist, die die Menschen so überlebensfähig macht und die Möglichkeit zu Diversität und dass jedem die Freiheit gegeben werden sollte, sein eigenes Modell leben zu können.

Später entschuldigte sich auch der verheiratete (sic!) Therapeut und meinte, dass seine Zustimmung und vorurteilsbehaftetes Reden nicht abwertend gemeint gewesen sein. War es aber. So wie bei viele anderen, die es genau wie er (wahrscheinlich) nicht mal merken.

Und deswegen möchte ich eines klarstellen: Es gibt viele verheiratete Elternpaare, mit denen niemand tauschen möchte und es gibt tolle Patchwork-Familien! Tolle Regenbogen-Familien! Super tolle Single-Mums!

Und: Grundsätzlich ist es jedem Familien-Modell möglich, es GUT oder es SCHLECHT zu machen.

Und: Modelle gegeneinander auf- und abzuwerten bringt niemandem etwas und schadet unseren Kindern, denn es setzt sie in Konkurrenz zueinander.

Und: Es ist eigentlich ganz einfach. Es geht darum, dass es unseren Kindern gut geht und wir ihnen einen stabilen Weg in die Zukunft bereiten. Daher müssen wir schauen, was sie brauchen und für sie da sein, verlässlich und verantwortungsvoll sein.

Und dafür ist es piepegal, ob die Eltern verheiratet sind oder nicht. 

https://www.youtube.com/watch?v=HPguMRUqhek

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5 Comments

  • Liebe Mamiberlin, ich danke dir für diesen tollen Artikel und merke wie wütend ich werde, wenn ich das zum Teil lese. Die anerzogenen Glaubenssätze in vielen Menschen führen zu diesen Vorurteilen. Meine Kinder spüren im Alter von 3 und 5 schon sehr wohl, welche Freunde „gleich“ und welche „anders“ sind. Ich wünsche mir mehr und mehr, dass „Familie“ vielfältig sein darf und wenn wir darüber schreiben, ist das ein erster Schritt! Viele Grüße Alexandra

  • Hallo Mamiberlin, ich kann deinen Post nur unterschreiben. Ich bin seit 14 Jahren alleinerziehend mit zwei Mädels, 18 und 15. Meine Kurze probt gerade den kompletten Pubertätsterror und das liegt natürlich nur daran, dass ich mich seinerzeit von meinem Mann getrennt habe und zwischenzeitlich leider auch zwei vier- und fünfjährige Beziehungen zerbrochen sind. Bei einem derart unstetigen Lebenswandel ist wohl offensichtlich nichts anderes zu erwarten^^.

    • Liebe Sabine, Danke für Deinen Kommentar, mich hat es berührt, weil es deutlich macht, wie sehr Glaubensgrundsätze von außen auf die Kinder einwirken und das Leben komplizierter machen. Ich denke die Pubertät ist für Kinder häufig keine leichte Phase, sie müssen sich selber finden, Sie müssen sich abgrenzen lernen und auf eigenen Beinen stehen lernen und haben doch gleichsam so viele Fragen und Unsicherheiten. Nimm Dir Zeit für Deine Tochter, macht einen langen Spaziergang zusammen und erkläre ihr in aller Ruhe, dass ein Lebenswandel nicht Rückschlüsse auf den Charakter zulässt, dass es sich lohnt, immer genauer hinzuschauen. Erkläre Ihr die Umstände, warum Beziehungen nicht immer einfach sind und versuche Ihr, die Vor- und Nachteile von Beziehungen zu erklären, denn sie wird froh sein, über Deine Hilfestellungen und dankbar für Ratschläge (auch wenn Sie dir das vermutlich nicht zeigen wird… ; )). Kinder wissen um unsere wunden Punkte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Sie oft wütend werden, wenn Sie sich verunsichert fühlen.

  • Vielen Dank für Ihren erfrischenden Artikel. Ich bin seit 18 Jahen allein erziehend. Absolut respektlos benahm sich meine Familie, sehr schlimm erlebte ich verheiratete Frauen des Mittelstands. Die haben meine kleine Tochter oft auch verbal angegriffen. Bei einem Fest schrie eine gut situierte Mutter von zwei Kindern meine fünfjährige Tochter an, ob sie denn nicht gelernt hatbe NICHT zu stehlen, als sie einen Stock auf der Wiese aufgehoben hat, um dort eine Wurst aufzuspießen. Kinder im Kindergarten hatten meine Tochter angefasst und wuschen sich ihre Hände, die Tochter des Schulleiters beschimpfte meine Kleine rassistisch und meine Tochter, die sich gewehrt hat, wurde vor allen Kindern bestraft. Das selbe Drama hatte dann verschiedene Fortsetzungen in der Grundschule und auf dem Gymnasium. Viele Leute erlaubten sich mir und meinem Kind gegenüber sehr viel, ich könnte Romane darüber schreiben. Es gab auch liebe Menschen- oft 75+. Die waren oft viel offener als die „liberale“ Generation der ach so modernen Frauen und Männer(heute 40+). Ich habe heute einen richigen Hass in mir, habe noch nicht verzeihen können, denn irgendwie bedeutet der Status Alleinerziehende eine unendliche Serie voller Gift. Ich habe nie verstanden, weshalb gerade Frauen einem so arrogant begegnen. Ich denke nicht, dass Liebe und ein Kind Verantwortungslosigkeit bedeutet. Ich habe geliebt, BASTA! Meine Tochter ist KEIN FEHLER! Ich brauche keine wertenden Kommentare, ich bewerte das Leben verheirateter Mütter auch nicht. Mir gefallen viele Erziehungsstile, Meinungen, Umgangston etc. von verheirateten Eltern auch nicht. Niemals würde ich mir einen Kommentar erlauben, da ich weiß, wie schwierig Erziehung ist. ICH HABE DIE NASE gestrichen VOLL mit meinen 42 Jahren-es reicht. Meine Tochter hat ein Stipendium an ein brtitisches Elitegymnasium gewonnen, das hat sie mit 14 Jahren alles selbst organisiert, jetzt wurde sie an eine Elitehochschule für Musik in den USA genommen, auch das hat sie alles selbst initiiert und in London die Aufnahmeprüfungen bestanden. Sie ist intelligent, schön, gebildet, raucht nicht, nimmt keine Drogen, hatte noch keinen Freund, liest viel, hat einen sehr großen Freundeskreis, liebt Musik, spricht drei Sprachen auf muttersprachlichem Niveau-sie ist nicht aggressiv, auch nicht kriminell oder depressiv. Sie musste nur ihr ganzes Leben Diskriminierung und Respektlosigkeit ihr und ihrer Mutter gegenüber seitens weißer, bürgerlicher ,verheirateter Mütter erleben. Unfassbar alles! Letzer Kommentar: Ich habe eine Hochschulausbildung und arbeite Vollzeit. Jetzt arbeite ich an meiner Promotion. Einen schönen Gruß an alle Spießer!

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