Dowentown Abbey: Strenge und Regeln in Paarbeziehungen

„Ja, Strenge und Regeln bereiten auf das Leben vor. Wenn man aber nie gelernt hat, nett und höflich zu sein, zu gefallen, auch Anordnungen von Menschen, die man nicht mag, zu befolgen, die eigene Langeweile zu beherrschen, Dinge zu tun, die einen überhaupt nicht interessieren, dann kommt man nicht weit: Denn darum geht es im Leben, all das ist sehr wichtig, um sich eine Karriere aufzubauen.

Aber schauen Sie sich heute die Jugend an: Sie glaubt, irgendwas sei falsch, nur weil sie sich langweilt. Nichts ist daran falsch. Und wenn Menschen in Paarbeziehungen voneinander müde sind, dann glauben sie, das sei unerträglich und trennen sich. Ist es aber nicht. Man muss da durch, das genau ist eine Ehe. Aber wir halten die Regeln für Teufelszeug, weil sie unsere Freiheit einschränken.“

Julian Fellowes (64), eigentlich Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford, Member of the House of Lords, konservativer Abgeordneter und Drehbuchautor u.a. von „Downton Abbey“ – derzeit die erfolgreichste Serie der Welt – hat dies im Interview mit der „Welt am Sonntag“ (Ausgabe vom 22. Juni 2014) gesagt.

Ich bin an der Darstellung hängen geblieben, denn sie beschreibt vortrefflich die Denkweise einer etablierten Generation, der es darum geht, Besitz zu wahren, Sicherheit zu haben – und das durchaus aus verantwortungsvollen Beweggründen. Nichts daran erscheint auf den ersten Blick verkehrt. Es ist, worauf unsere Gesellschaft, unser Streben nach Glück, nach Wohlstand nach Selbstverwirklichung beruht. Die Disziplin, Stehvermögen und Demut braucht, damit eine Beständigkeit gewahrt bleibt.

Und dann kam bei mir, beim Lesen der Worte, dieses ungute Gefühl auf, das sich verstärkte, je öfter ich die Zeilen las. Nicht weil der verehrte Fellowes mit seinen 64 Jahren, die „Jugend“ über einen Kamm schert, das sei seinem Alter geschuldet, sondern weil er vergaß zu definieren, was er unter „müde“ und unter „Langeweile“ versteht.

Mr. Fellows klingt, als denke er da an eine Laune, der man sich bräsig-faul hingebe, von der man sich mitreißen lässt, weil es an Zielen, an einem Verantwortungsbewusstsein für das eigene Leben fehle. Es klingt durch, als gebe es da ein Anspruchsdenken, das Leistung einfordere ohne im Gegenzug etwas eigenes zu erbringen.

Nun, ja. Vielleicht berichtet der Baron von seinen Oberschichtsproblemen, in denen Langeweile das größtmögliche aller Übel darstellt. Es sollte einen nicht weiter tangieren, wenn er auf seinem Landsitz eben jener frönte. Doch der blaublütige Herr speist seinen Geist in das weltweite mediale Unterhaltungssegment und spritzt seine Überzeugungen durch seine edle Feder auf die Zungen der Schauspielerschaft, die die Thesen in die Wohnzimmer der Weltgemeinschaft trägt.

Sollte denn die Langweile nicht gefüllt werden? Denkt Mr. Fellows denn wirklich, wenn wir unseren Wohlstand erreicht haben, dann sollen wir jenem Fröhnen, anstatt genau mit diesem, etwas zu tun, was auch anderen einen Wollstand ermöglicht?

Denkt er denn wirklich, wenn wir eine Beziehung führen, die ermüdet, sollten wir nicht darüber nachdenken, warum dies so ist und uns weiterentwickeln, was nicht zwangsweise alleine stattfinden muss? Und sollten wir nicht grundsätzlich alle erstreben, uns gemeinsam weiterzuentwickeln und uns zu unterstützen, anstatt „müde“ und „gelangweilt“ nebeneinander her zu vegetieren?

Oder noch böser: Wir sollten tatsächlich etwas vorspielen, was nicht ist? Wir sollten lügen, gegenüber anderen, unseren Kinder, uns selbst – damit alles so bleibt, wie es ist? Wir sollten leben wie disziplinierte, aber äußerst ängstliche Wesen? Ich denke nicht, dass das die Losung sein kann.

Und ich denke darüber hinaus, dass Herr Fellows selbst nicht glaubt, was er da sagt. Oder seine Serie hat jemand anderes für ihn geschrieben …

 

 

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