Mein Vorbild in Sachen alleinerziehend

Meine Oma Erna Gustav

Meine Oma wäre heute 100 Jahre alt geworden, daher widme ich ihr diesen Blog. Denn auch sie war alleinerziehend und hat mir all das auf den Weg gegeben, was ich heute brauche. Ihr Mann, mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, starb, als meine Mutter 16 Jahre alt war an einem Herzinfarkt. Meine Oma war seine zweite Frau, sie kannte ihn seit ihrem 17. Lebensjahr und war schon damals in ihn verliebt. Aber erst 15 Jahre später sollten sie heiraten …

Ich habe meine Oma als sehr lieb, sehr zurückhaltend, gleichsam sehr kokett, wenn sie wollte, sehr verständnisvoll, sehr liebevoll, sehr großzügig ihrer Familie gegenüber, sehr weich, sehr geduldig, sehr modisch, sehr elegant, aber auch sehr, sehr albern in Erinnerung. Sie spielte jede Woche Lotto, saß bei Reisen im Auto stets hinten mit mir und erzählte stundenlang Geschichten. Sie verpasste keine Folge von Dallas und Denver Clan und liebte Kreuzworträtsel und die BILD und fuhr im Urlaub nach Teneriffa, Meran, an den Timmendorfer Strand oder zur Kur. Sie trug sonntags feine Kostüme, aber im Haus und zum Kochen einen weißen Kittel. Sie schlief jede Nacht mit Lockenwicklern und trug Korsagen. Mein Vater nannte sie immer „Muddel“, ich „Omi“. Von ihr kannte ich alle Märchen, sie machte herrliche Bratkartoffeln und buk Brötchen in der Pfanne auf. Sie gab mir zwei wichtige Tipps, auf was ich bei Männer achten sollte (die Ohrläppchen und die Form der Augenbrauen), doch leider hörte ich nicht auf sie. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte, sagte sie immer: „Ja, ja, lacht ihr nur, eines Tages, werdet ihr in den Himmel schauen und sagen, dass ich Recht gehabt habe.“ So ist es gekommen. Sie starb vor vielen Jahren und ich vermisse sie immer noch und das wird auch nie aufhören. Ich habe sie bis heute sehr lieb.

Wenn meine Eltern nicht da waren, wohnte ich bei ihr. Wir schliefen zusammen in ihrem Ehebett, denn sie hatte nach meinem Großvater nicht wieder geheiratet, hinter verschlossenen Türen. Doch dem nicht genug, baute sie jeden Abend ihr kleines Haus zur einer Reihenhaus-Festung um. Dahinter stand echte Furcht (meine Oma hatte zwei Weltkriege durchstehen müssen), doch die Aktion hatte schon als Kind für mich eine unfreiwillige Komik: Auf die Treppen legte sie Klappstühle, dazwischen Kakteen (damit sich die Einbrecher piksten!), sie stellte im Zwischengang ein Gitter auf und vor die Tür im Schlafzimmer (innen) meinen Nachtopf (damit der vermeintliche Eindringling dann dort hineintappte!). Mir gab es das Gefühl der totalen Geborgenheit: Ich und meine Oma, wir zwei waren zusammen, ganz sicher hier oben, hinter der Tür und dem Nachtopf, den Fallen im Haus und konnten seelenruhig schlafen. Gemütlicher hatte ich es in meinem Leben nicht mehr. Ich weiß nicht, ob meine Oma dadurch beruhigt war, für mich machte der Aufwand jedes Mal Sinn.

Gearbeitet hat sie natürlich auch und nach dem Tod meines Großvaters ganz allein für sich und meine Mutter gesorgt. Mit meinem Opa hatte sie ein Feinkostgeschäft geführt, später stand sie dann in einem Supermarkt und bot Waren zum Kosten an. Unter bestimmten Gesichtspunkten war das wahrscheinlich kein besonders anspruchsvoller Job, aber ich weiß noch, dass ich als Schulmädchen mächtig stolz auf meine Oma war, als ich sie in unserem Supermarkt entdeckte, wie sie da stand und freundlich lächelte und den Kunden kleine Pralinen mit Nuss anbot. Meine Oma verschenkte Schokolade und alle kamen zu ihr. Und als ich zu ihr kam, freute sie sich und lachte und nahm mich zu sich hinter den Tresen! Was fand ich das toll. So wollte ich später auch sein.

Eingebrochen wurde (zum Glück) nie, im Lotto gewonnen wurde (auch zum Glück) nie. Und auch wenn eine schwere Krankheit sie vor dem Tod noch sehr veränderte, ist sie bis heute meine Omi, so wie sie die meiste Zeit war.

Wenn ich nicht weiter weiß, dann schaue ich zum Himmel und frage sie. Sie hat mich noch nie im Stich gelassen und dieses Gefühl begleitet mich ein Leben lang und ist ein großes Geschenk (Liebe Mamas und Papas, wenn Ihr es könnt, vermittelt diese Sicherheit Euren Kindern, es wird sie stark machen!).

Lange trug ich ihr goldenes Konfirmationskreuz um den Hals, das schützte mich. Einmal hatte ich einen schweren Autounfall, am nächsten Tag erwachte ich im Krankenhaus, die Kette hatte ich noch um den Hals, aber das Kreuz war weg …

Meine Mutter sagt, Oma hätte sich immer einen Jungen wie meinen gewünscht und wäre so stolz auf meinen Sohn gewesen. Ich denke auch, er ist so, wie es ihr gefallen hätte. Der Gedanke daran gibt mir sehr viel Kraft: Ich weiß, wenn meine Oma es geschafft hat, dann schaffe ich das auch! Sie beschützt nicht nur mich, sie beschützt jetzt auch Bruno. Sie hat Vieles allein schaffen müssen, sie war oft allein, aber ich kann mich an keinen Moment erinnern, an dem sie sich beklagt hätte!

Da ist sie. Das Bild hat mein Opa gemacht, sein Schatten ist mit auf dem Bild …

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